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Lyndon B. Johnson : Der interessanteste Präsident

Bis zum 22. November 1963. Bis zu jenem Tag, als die tödlichen Schüsse auf Kennedy den isolierten Vize an die Spitze der geschockten Nation katapultierten. Auch Johnson fuhr an dem strahlend blauen Tag in der Kavalkade mit, weit hinten, unbeachtet, in einem Mietwagen. Als vorn die Schüsse fielen, warf sich ein Secret-Service-Mann im Auto blitzschnell auf ihn und schirmte ihn ab. So jagten sie dem Wagen des getroffenen Präsidenten ins Krankenhaus nach. Und das war Lyndon Johnson in diesem Augenblick: rüde ins Polster gedrückt, ein sehr großer Mann mit Händen wie Schaufeln, riesigen Ohren und stechendem Blick, schon darin ein peinlicher Kontrast zum jugendlich attraktiven Kennedy. Doch als es darauf ankam, erwachte er aus der dreijährigen Benommenheit seiner Vizepräsidentschaft und nahm sofort das Heft in die Hand: Ein Machtvakuum würde es bei der mächtigsten Nation der Erde nicht geben.

Im Krankenhaus wartete Johnson, bis die Todesnachricht eintraf. Dann versammelte er seine Leute, holte auch Jackie Kennedy in ihrem blutbespritzten Kostüm an seine Seite, kondolierte telefonisch Robert Kennedy, dem Bruder des Ermordeten, der ihn aus ganzer Seele hasste, und leistete noch an Bord von Air Force One, vor dem Rückflug nach Washington, den Amtseid.

Sieben amerikanische Präsidenten vor Kennedy sind im Amt gestorben, drei von ihnen durch Attentate. Stets glückte der Übergang zum neuen Präsidenten. Doch diesmal waren die Umstände besonders tückisch. Die Kuba-Krise lag erst ein Jahr zurück. Die Welt zitterte vor der Möglichkeit eines Atomkriegs. Kennedy war erschossen worden, und noch war unklar, ob nicht ein größeres Komplott dahintersteckte.

Aufgewühlte Zeiten und die ersten Wochen im Amt

Dank des Fernsehens nahm erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten die ganze Nation an einem Akt kollektiver Trauer teil und erblickte wie im Spiegel das Bild der eigenen aufgewühlten Seele. In solch einer aufgeladenen Situation durfte sich der neue Mann keinen Fehler erlauben. Er, der Texaner, hatte den Präsidenten beerbt, der in Texas erschossen worden war. Der Kennedy-Clan, mit Robert an der Spitze, würde seine Amtsübernahme als Usurpation betrachten.

Caro beschreibt die ersten sieben Wochen im Amt als einen Triumph, der den Kern des Politikers Johnson und seine allerbesten Qualitäten zum Vorschein gebracht habe. Macht korrumpiert nicht nur, so Caro, sie enthüllt auch, legt etwas frei: das nämlich, was jemand mit ihr anzufangen imstande ist, wenn es darauf ankommt. Johnson wurde ruhig, sicher, gab die nötigen Kommandos und war vom ersten Augenblick an präsidial. Es war die Rolle, in der er sich seit Kindertagen gesehen hatte. Mit Entschlossenheit verkaufte er seine Sozial- und Bürgerrechtspolitik, die viel weiter ging als alles, was Kennedy jemals hätte durchsetzen können, als Erfüllung von Kennedys Versprechen. Ein kluger Schachzug, der seine Gegner entwaffnete und die Bürger auf seine Seite brachte.

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