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Lukaschenkas Realitätsverlust : Hilfe von „Mike“ und „Nick“

Noch ist das Spiel nicht aus: Am Sonntag gingen wieder Zehntausende im ganzen Land auf die Straße. Bild: AP

Wieder gehen in Belarus Zehntausende auf die Straße. Lukaschenka will sich mit einem angeblich abgehörten Telefonat im Fall Nawalnyj Moskaus Gunst sichern. Dafür wird er von der Opposition in Minsk verspottet.

          4 Min.

          Unter den Tausenden, die am Wochenende in einem „weiblichen Marsch“ gegen Diktator Aleksandr Lukaschenka durch die belarussische Hauptstadt Minsk zogen, waren zwei fröhliche Frauen, die ein rotes Telefon mit Hörer trugen. Eine verkörperte „Mike“ aus Warschau, die zweite „Nick“ aus Berlin, und gemeinsam machten sie sich über Lukaschenkas jüngste Volte im Buhlen um Moskauer Unterstützung gegen die Protestbewegung lustig: den Mitschnitt eines angeblichen Telefonats zwischen „Mike“ und „Nick“, mit dem Minsk Russland dabei helfen will, die in Deutschland festgestellte Vergiftung des Oppositionellen Aleksej Nawalnyj als Fälschung abzutun.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Kampagne vor den Präsidentenwahlen Anfang August hatte Lukaschenka noch mit russischen Bedrohungen für Belarus bestritten: Seine wichtigsten Gegner sollten Marionetten in den Händen Moskauer „Puppenspieler“ sein, russische Söldner in Belarus Blut vergießen und putschen wollen. Doch seit Lukaschenka mit Protesten Hunderttausender Belarussen gegen die Fälschung der Wahlen und gegen seine Herrschaft ringt, spricht er von westlichen Bedrohungen für beide Länder, stellt die Proteste als westlich gesteuert dar und will jetzt den Fall Nawalnyj nutzen, um sich gegenüber Präsident Wladimir Putin loyal und nützlich zu zeigen. Am vergangenen Donnerstag hatte Lukaschenka dem aus Moskau angereisten russischen Ministerpräsidenten Michail Mischustin gesagt, dass die Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Nawalnyj sei mit Nowitschok vergiftet worden, gefälscht sei. Lukaschenka berief sich auf ein vor Merkels Erklärung zwischen Berlin und Warschau geführtes Gespräch, das Belarus abgefangen habe, und versprach, dem russischen Geheimdienst FSB einen Mitschnitt zur Verfügung zu stellen. Seit Freitagabend kann sich jeder, der mag, selbst ein Bild machen: Lukaschenkas Medien veröffentlichten das knapp eine Minute kurze Gespräch zwischen „Berlin“ und „Warschau“.

          Nick: „Alles läuft nach Plan“

          Die Kosenamen der Protagonisten, Nick und Mike, mögen nicht typisch für die jeweiligen Länder sein. Dafür passt der Inhalt des angeblichen Gesprächs genau in Lukaschenkas Inszenierung. Gesprochen wird englisch, was aber unverständlich bleibt, so laut sind russische Stimmen darübergelegt worden. „Mike“ fragt „Nick“, wie es gehe. „Alles läuft nach Plan“, sagt der angebliche Berliner: „Die Materialien zu Nawalnyj sind fertig. Sie werden der Administration der Kanzlerin übergeben. Wir warten auf ihre Erklärung.“ Der angebliche Warschauer fragt, ob die Vergiftung bestätigt werde. „Nick“ antwortet: „Hör zu, Mike, das ist in diesem Fall nicht so wichtig. Es herrscht Krieg, und im Krieg sind alle Mittel recht.“ Es folgt ein Satz aus „Warschau“, den Lukaschenka schon gegenüber Mischustin zitiert hatte: „Man muss Putin die Lust nehmen, seine Nase in die Angelegenheiten von Belarus zu stecken.“ Das gehe am besten, so der „Warschauer“ weiter, wenn man Putin „in den Problemen Russlands ertränkt, und davon gibt es nicht wenige“. Dazu verweist „Mike“ auf die russischen Regionalwahlen am kommenden Sonntag, für die Berlin und Warschau sich laut Lukaschenka „irgendeine Gemeinheit ausdenken“, wie er Mischustin gesagt hatte.

          Keine Angst vor Lukaschenka: Demonstranten in Minsk
          Keine Angst vor Lukaschenka: Demonstranten in Minsk : Bild: AP

          Auf dem Mitschnitt folgt auf Nachfrage aus „Berlin“ eine Klage „Mikes“ darüber, dass die Lage in Belarus „ehrlich gesagt, nicht so gut“ aussehe: „Präsident Lukaschenka hat sich als hartes Nüsschen erwiesen. Sie sind professionell und organisiert. Klar, Russland unterstützt sie. Die Beamten und Militärs sind dem Präsidenten treu. Das Übrige bei einem Treffen, nicht am Telefon.“ Die Bundesregierung hatte schon Lukaschenkas Erklärung vom Donnerstag zurückgewiesen. Auch für Mitglieder und Sympathisanten der Protestbewegung in Belarus und Russland stand sofort fest, dass es sich um eine plumpe Fälschung handeln müsse. Die beiden Minsker Demonstrantinnen mit Telefon und andere machten sich besonders über das Lob des Machthabers als „hartes Nüsschen“ lustig.

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