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Chicagos neue Bürgermeisterin : Die neue Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Chicagos neue Bürgermeisterin Lori Lightfoot Bild: AFP

Als erste schwarze und homosexuelle Frau regiert Lori Lightfoot künftig Chicago – Amerikas Stadt mit den meisten Morden. Eine ihrer schwierigen neuen Aufgaben ist auch der Kampf gegen die Vorurteile des Präsidenten.

          3 Min.

          Chicago ist die größte Stadt in Amerika, die jemals eine schwarze Frau zur Bürgermeisterin gewählt hat. Lori Lightfoot hat sich in einer Stichwahl durchgesetzt und wird ihr Amt im Mai antreten. Die 56 Jahre alte Politikerin ist auch die erste offen homosexuelle Person, die die Geschicke der Stadt als Bürgermeisterin lenken wird. Wie das Magazin „Politico“ hervorhob, wählten die drei größten Städte des Landes, New York, Los Angeles und Chicago, bisher noch nie eine afroamerikanische Frau zum Oberhaupt ihrer Stadt – die beiden ersteren hatten auch noch nie eine Frau als Bürgermeisterin. In anderen Metropolen gibt es aber durchaus schwarze Frauen im Amt – so regiert Keisha Lance Bottoms seit 2017 in Atlanta, Catherine Pugh ist seit 2016 Bürgermeisterin von Baltimore.

          Die ersten schwarzen Bürgermeister gab es schon während der „Reconstruction“-Zeit im 19. Jahrhundert, als aus der Sklaverei befreite Männer im Süden kurzzeitig volle Bürgerrechte genossen. Seit den 1960er Jahren wurden Schwarze dann immer häufiger zu Bürgermeistern gewählt oder ernannt. 1973 waren darunter auch erstmals zwei Frauen, in Oklahoma und Kalifornien. Das erste gewählte schwarze Stadtoberhaupt von Los Angeles war im selben Jahr Tom Bradley, in Chicago setzte sich 1983 Harold Washington durch, und 1989 gewann mit David Dinkins auch in der Stadt New York erstmals ein Afroamerikaner die Wahl.

          Demokratische Wähler setzen auf Außenseiterin

          Lori Lightfoots Gegenkandidatin in Chicago war Toni Preckwinckle, ebenfalls eine schwarze Demokratin. Sie galt als Vertreterin des Partei-Establishments und bekam ihre Kampagnen-Gelder vor allem von großen Gewerkschaften. Die Außenseiterinnen-Kampagne der Siegerin war also weniger deshalb bemerkenswert, weil sie Afroamerikanerin ist. Sie bot vor allem ein Anschauungsbeispiel für die Veränderungen in der demokratischen Partei. Demokratische Wählerinnen sind vielerorts bereit, Kandidaten eine Chance zu geben, die bislang keine politischen Karrieren hinter sich haben und sich nicht auf die etablierten Parteistrukturen stützen. Lightfoot hatte Verwaltungs- aber keine Parteipositionen. Sie ist eine ehemalige Bundesstaatsanwältin, die auch Präsidentin des „Chicago Police Board“ war, das die Polizei überwachen soll. Sie habe sich „gegen mächtige Interessen, eine mächtige Maschine“ durchgesetzt, sagte die Siegerin am Wahlabend. „Niemand hat uns eine große Chance gegeben.“

          In Chicago ging es um die Nachfolge von Rahm Emanuel, der zwei Amtszeiten lang Bürgermeister gewesen war und nicht wieder antrat. Emanuel ist ein prominenter Vertreter des Partei-Establishments – er war zunächst Kongressabgeordneter und dann von 2009 bis 2010 Stabschef von Präsident Barack Obama. Viele Wähler waren unzufrieden mit Emanuel, weil es während seiner Amtszeit mehrere Fälle von Korruption in der Verwaltung gab. Vor allem wurde ihm aber vorgeworfen, dass er im Kampf gegen die Armut, die Kriminalität und die Polizeigewalt in der Stadt zu wenig tue.

          Als im Jahr 2014 ein weißer Polizist den 17-jährigen Schwarzen Laquan McDonald erschoss und die Polizei von Chicago versuchte, ein Video davon zurückzuhalten, fielen Emanuels Umfragewerte immer weiter. Der Polizist Jason van Dyke wurde später wegen Mordes verurteilt, weil das Video zeigte, dass der Teenager von ihm weg gegangen war. Das Justizministerium in Washington eröffnete eine Untersuchung über Gewalt in der Polizei der Stadt, gegen die sich der Bürgermeister anfangs wehrte. Das brachte Emanuel landesweite kritische Berichterstattung ein, und in manchen Umfragen forderte die Hälfte der Bürger von Chicago seinen Rücktritt.

          Die Stadt kämpft weiter mit Gang-Gewalt, Armut und klammen öffentlichen Kassen. Die Zahl der Tötungsdelikte fiel zwar im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge und die allgemeine Kriminalität sank um zehn Prozent. Schießereien gingen im Vergleich zu 2016 laut CNN um 32 Prozent zurück. Doch noch immer gab es im Jahr 2018 555 Morde und Totschlagsdelikte, mehr als in jeder anderen amerikanischen Stadt.

          Präsident Donald Trump und andere Republikaner nehmen die Gewalt in armen Stadtteilen gern als Beispiel für „black on black crime“, ohne deren Ursachen zu diskutieren. Im Fall von Chicago sprach Trump während Emanuels Amtszeit gern von „schwacher Führung“. Die neue Bürgermeisterin weiß, dass auch sie die Probleme nicht allein lösen kann. Drogen müssten als öffentliche Gesundheitskrise behandelt werden und nicht nur mit den Mitteln des Strafrechts, sagte Lightfoot etwa im Wahlkampf. Den Menschen in den von Waffengewalt betroffenen Stadtteilen müsse man mehr Hilfe anbieten und das Vertrauen zur Polizei wieder aufbauen. Ähnliches versucht auch Catherine Pugh, die Bürgermeisterin von Baltimore, wo die Ganggewalt in den Armenvierteln ebenfalls verheerend für die dort lebenden Familien ist. Die Reichweite dieser Anstrengungen muss begrenzt bleiben. Über die Richtlinien in Sachen Sozial- und Justizpolitik, Drogenbekämpfung und Waffenkontrolle entscheiden der Präsident und der Kongress in Washington.

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