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Logbuch Alan Kurdi (4) : Was Crew-Mitglieder erlebten

  • -Aktualisiert am

Das Seenotrettungsschiff Alan Kurdi im Mittelmeer mit Kurs auf Libyen Bild: Julia Anton

Auf dem Weg in die Such- und Rettungszone vor Libyen kehrt Alltag auf der „Alan Kurdi“ ein. Drei Crewmitglieder berichten in der Zeit von ihren Erlebnissen.

          3 Min.

          Am Samstagnachmittag ertönt dreimal ein langes Hupen auf der „Alan Kurdi“. Es ist das Alarmsignal für „Person über Bord“. Kurz zuvor hat die Crew den Dummy „Werner“ von Bord geworfen, um das Szenario zu üben. Die Crewmitglieder verteilen sich auf dem Deck und zeigen an, wo der Dummy ist. Die Maschine stoppt, ein Rettungsboot wird zu Wasser gelassen und drei Leute fahren los, um „Werner“ zu retten. Wenig später ist die Puppe nass,aber wohlbehalten zurück an Bord.  Und am Vormast weht seit der Festnahme der Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rackete auf Lampedusa eine "#FreeCarola"-Flagge. 

          Rettung von Flüchtlingen üben mit Dummy „Werner“
          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Die Tage auf der „Alan Kurdi“ sind gut durchgetaktet. Um halb acht wird gefrühstückt, um 12 gibt es Mittag- und um 18 Uhr Abendessen. Am Vormittag stehen Inventur und der Bau eines Sonnensegels auf dem Programm, am Nachmittag wird der Umgang mit den kleinen Rettungsbooten trainiert. Abends sitzt die Crew beisammen – und die erfahrenen Mitglieder erzählen, was sie erlebt haben.

          Mit Rettungsbooten auf glatter See

          „2015 war ich mit der ‚Sea-Watch 1‘ auf meiner ersten Mission. Damals haben die NGOs nur erste Hilfe geleistet, bis ein größeres Schiff vorbei kam, das sie aufnehmen konnte. Gegen Ende der Mission erhielten wir frühmorgens einen Hilferuf von drei völlig überfüllten Schlauchbooten. Auf jedem waren zwischen 80 und 100 Personen, und in einem waren außerdem die Leichen von zwei Frauen. Eine war schwanger. Die Menschen auf den Booten haben geweint, und wir fühlten uns überfordert: Die Sea-Watch 1 war nur ein kleines Schiff mit einer Besatzung von sieben Leuten und ein paar Rettungsinseln, auf die wir die Leute dann auch gebracht haben. Ein vorbeikommender Frachter hat die Menschen schließlich an Bord genommen, die mussten dann an einer mehr als zehn Meter langen Strickleiter hochklettern.

          Bevor er hochstieg, hielt uns ein Mann sein ein Jahr altes Kind hin: Ihm sei es egal, was mit ihm selbst passiere, Hauptsache das Baby komme sicher nach Europa. Wir haben dann gesungen, um das Kind zu beruhigen. Bis zum Schluss hatten wir keine Ahnung, wie wir es ohne entsprechendes Equipment die Strickleiter hochbringen sollen. Schließlich hat ein Crewmitglied des Frachters das Kind geholt und ist mit ihm im Arm irgendwie die Leiter hochgeklettert. Die ganze Crew war rührend, alle haben ihre Keksvorräte geplündert und den Geretteten angeboten. Wir sind dann zur Erstversorgung mit auf den Frachter, aber eigentlich wäre eine umfassende medizinische Versorgung nötig gewesen: Da waren Schwerverletzte und Menschen mit Folterwunden. Ein Mann hat mir erzählt, dass sein Heimatdorf in Nigeria von Boko Haram überfallen wurde. Seine beiden Kinder seien tot, für ihn gebe es keine Möglichkeit mehr, dort zu bleiben. Er bat uns, die Toten zu begraben. Wir haben sie dafür der Guardia Costiera übergeben. Die waren auch alle total bleich und haben sehr unter der Situation gelitten.

          Als auf dem Frachter allmählich Ruhe eingekehrt ist, ist das kleine Kind aufgewacht und über den Frachter getapst. Das ist dann so ein Moment, der den Schrecken ausgleicht. Am schlimmsten fand ich aber, dass die ganze Zeit noch ein zweiter Frachter in der Nähe war, der nicht auf unsere Funksprüche reagiert hat.“ – Nani Cooper, 33, war bereits mehrmals mit unterschiedlichen NGOs auf Mission.

          Der Schiffarzt berichtet 

          „Mit der ‚Seefuchs‘ haben wir mal ein Boot mit 30 Menschen entdeckt, dass keinen Treibstoff mehr hatte. Das Wetter wurde immer schlechter, weshalb unser Kapitän entschieden hat, die Menschen an Bord zu holen, obwohl die ‚Seefuchs‘ als ehemaliger Fischkutter dafür nicht geeignet war. Es war meine zweite Mission als Schiffsarzt. Für die Nacht haben wir sie mit Foliendecken versorgt, damit sie es etwas warm hatten, und soweit es ging auch mit Kleidung. Irgendwann hat sich auch die Crew schlafen gelegt. Mitten in der Nacht sind wir dann aufgewacht: An Deck haben Leute geschrien, es klang sehr aggressiv und war auch beängstigend für uns. Schließlich hat sich herausgestellt, dass einer der Libyer, die wir gerettet haben, eine Panikattacke hatte.

          Er meinte, wir seien doch schon so lange unterwegs, dass wir längst in Italien sein müssten. Er war überzeugt, wir würden ihn zurück nach Libyen bringen. Das wäre für in die Hölle gewesen. Weil er kaum Englisch sprach, hat unser Kapitän schließlich eine Karte geholt und ihm genau gezeigt, wo wir das Boot gefunden haben, wo die ‚Seefuchs‘ in diesem Moment war und wo Italien – bis ihm klar wurde, wie groß die Entfernungen sind. Damit konnten wir ihn dann beruhigen. Nach einer weiteren Nacht wurden die Menschen schließlich abgeholt. Die Seenotleitstelle, haben wir später erfahren, war in der Nacht der Rettung mit mehr als tausend Schiffbrüchigen bereits völlig überlastet.“ - Rainer Blendin, 70, fährt seine dritte Mission.

          „Bei der letzten Mission der ‚Alan Kurdi‘ wurden wir einige Tage vor Malta blockiert. Wir hatten mehr als 60 Gerettete an Bord, die Situation war anstrengend und frustrierend, weil wir nicht wussten, wie lange wir warten müssen. Die ‚Alan Kurdi‘ sollte sich zwischen der zwölf und 24-Meilen-Zone aufhalten. Jedes Mal, wenn wir die Maschine gestartet haben, um nicht aus der Zone zu driften, dachten sie, wir würden sie jetzt doch zurück nach Afrika bringen. Viele haben gesagt, sie würden lieber über Bord springen als zurückzukehren. Das war kein leerer Spruch, wir haben ja auch ihre Verletzungen von der Folter in Libyen gesehen. Als wir ihnen nach zehn Tagen endlich sagen konnten, ihr werdet abgeholt und nach Europa gebracht, sind viele auf die Knie gefallen und haben gebetet. Dann gab es ein Blitzlichtgewitter: Jeder wollte ein Selfie mit jedem aus der Crew. Es war ein freudiger Moment, aber auch ein Moment des Abschieds. In der Zeit an Bord haben wir viel über die Menschen erfahren, dadurch wurde mir auch das Ausmaß der Probleme neu bewusst.“ - Fabian Heinz, 29, fährt seine zweite Mission.

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