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Nach Gretas Wutrede : Gipfel der Widersprüche

Angela Merkel während einer Pressekonferenz auf dem Klimakongress der Vereinten Nationen. Bild: EPA

Greta Thunbergs Wutrede hat auf dem Klima-Treffen viele vor den Kopf gestoßen. Auch Kanzlerin Merkel, die sich zuvor noch mit Thunberg unterhalten hatte, widersprach ihr anschließend. Eine Lösung der Probleme ist dadurch nicht näher gerückt.

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          Es kommt selten vor, dass der amerikanische Präsident und der deutsche Entwicklungshilfeminister dasselbe Feindbild pflegen. Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat es offenbar geschafft, den Zorn beider Politiker auf sich zu ziehen. Am Montagabend, kurz nach dem Ende des Klimagipfels der Vereinten Nationen, machte der aus Berlin angereiste Minister Gerd Müller seinem Ärger in einem fensterlosen Sitzungssaal der deutschen UN-Vertretung Luft. „Der Klimaschutz beginnt nicht mit Greta“, schimpfte der CSU-Politiker aus Bayerisch Schwaben, den Parteifreunde selbst in die Riege der Weltverbesserer einsortieren. „Etwas erstaunt bin ich schon über die Worte, die heute gemacht wurden.“

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenige Stunden später versah auch Trump das Video mit Thunbergs Wut-Auftritt vom Montagvormittag („Wie könnt ihr es wagen?“) mit einem sarkastischen Kommentar. „Sie scheint mir ein sehr glückliches junges Mädchen zu sein, das sich auf eine fröhliche, wunderbare Zukunft freut. Das ist so schön zu sehen“, schrieb er auf Twitter. Die 16 Jahre alte Schülerin hatte, den Tränen nahe, die künftige Klimakatastrophe in den dunkelsten Farben ausgemalt. Damit rief sie bei ihrer Fangemeinde eine neue Welle der Begeisterung hervor, auf der Konferenz selbst reagierten viele auf ihren emotionalen Auftritt allerdings mit Befremden.

          UN-Generalsekretär betont Erfolge

          Dass Thunberg die hartnäckigen Leugner des Klimawandels wie Trump nicht überzeugen würde, das konnte nicht überraschen, zumal die Schwedin selbst das überraschende Erscheinen des Präsidenten auf dem Gipfel mit einer Grimasse des Abscheus kommentierte. Aber auch viele der anwesenden Politiker und Diplomaten, die sich zum Klimaschutz bekennen, aber mit den Problemen der praktischen Umsetzung kämpfen, fühlten sich durch den Greta-Auftritt desavouiert.

          Selbst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel widersprach Thunberg am Dienstag öffentlich. In ihrer aufrüttelnden Rede sei nicht ausreichend zum Ausdruck gekommen, welchen Beitrag Technologie und Innovation zur Lösung des Klimaproblems leisten könnten, sagte sie. Kritik kam auch vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Er riet der Schwedin in einem Radio-Interview, sie solle sich lieber auf diejenigen konzentrieren, die Fortschritte in der internationalen Klimapolitik blockierten. Damit bezog er sich auf eine Beschwerde, die Thunberg und ihre Mitstreiter beim Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen unter anderem gegen Deutschland und Frankreich eingereicht hatten.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft sich am Rande des UN-Klimagipfels mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg..
          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft sich am Rande des UN-Klimagipfels mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg.. : Bild: dpa

          UN-Generalsekretär António Guterres wertete es als einen Erfolg, dass sich am Ende immerhin 77 Staaten zu dem Ziel bekannten, im Jahr 2050 unter dem Strich gar keine Treibhausgase mehr auszustoßen, darunter auch Deutschland. Hinter diesem scheinbaren Konsens verbergen sich aber tiefgreifende Unterschiede, was die jeweiligen Interessen und Herangehensweisen betrifft. Das wurde in den sechzig Redebeiträgen der Staats- und Regierungschefs deutlich, die sich über den ganzen Tag verteilten.

          Rückschläge müssen auch verbucht werden

          Viel Beifall der anwesenden Klima-Aktivisten erhielten vor allem Vertreter der kleinen Inselstaaten und der ärmsten Länder auf der Welt, die jeweils zu den Hauptleidtragenden des Klimawandels zählen, ob sie nun der steigende Meeresspiegel bedroht, zunehmende Dürre oder eine wachsende Zahl an Naturkatastrophen. Rechtfertigen mussten sich vor allem Redner der reichen Länder, die ihre sehr unterschiedlichen Programme vorstellten. Dabei gelten Deutschland und seine Kanzlerin, die sich mit dem mühsam erreichten Klimakompromiss immerhin einen vorderen Platz auf der Rednerliste erkämpfte, trotz aller Kritik im Inland auf der internationalen Ebene noch immer als Antreiber im Kampf gegen den Klimawandel.

          Die Gegensätze beginnen schon mit der Frage, wie sich die noch verbleibenden Emissionsrechte auf Industrie- und Schwellenländer verteilen. Staaten wie China oder Indien argumentieren, die alten Industrienationen hätten seit der Erfindung der Dampfmaschine schon so viel Kohlendioxid ausgestoßen, dass sie jetzt einen viel ehrgeizigeren Reduktionspfad einschlagen müssten. Die Regierungen in Peking und Delhi haben gleichwohl eine Führungsrolle übernommen. Neuen Berechnungen zufolge soll China schon Anfang der 2020er Jahre den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen überschreiten, und Indien hat in New York ein neues Programm zum Ausbau der erneuerbaren Energien im Umfang von 500 Gigawatt angekündigt. Das entspricht ungefähr dem Dreifachen der gesamten in Deutschland installierten Kraftwerksleistung.

          Um verbindliche Festlegungen wird es auf den Klimakonferenzen gegen Ende dieses Jahres in Santiago de Chile und kommendes Jahr in Glasgow gehen. Dort können, anders als beim New Yorker Klimagipfel, konkrete Beschlüsse gefasst werden. Allerdings zeugt schon die Wahl des Tagungsorts von den Rückschlägen der internationalen Klimapolitik: Ursprünglich sollte das nächste Treffen in Brasilien stattfinden, nach der Wahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zum neuen Präsidenten wurde es jedoch nach Chile verlegt.

          Panik ist der falsche Weg

          Gleichwohl hoffen zumindest die Deutschen, das Land noch irgendwie an Bord halten zu können. Der Regenwald im Amazonasgebiet gehört neben seinen Pendants in Afrika und Südostasien zu den größten CO2-Speichern der Welt. Dem Klimagipfel am Montag blieb Bolsonaro fern, in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung verbat er sich internationale Einmischung zum Schutz des Regenwalds. „Es ist ein Trugschluss, zu sagen, dass der Amazonas ein Erbe der Menschheit ist, und ein Trugschluss, dass der Amazonas die Lunge der Welt ist“, sagte er.

          Und schließlich sind auch die Befürworter des Klimaschutzes uneins darüber, ob das Ziel vor allem mit technischen Mitteln oder durch Verhaltensänderungen erreicht werden soll. Der britische Premierminister Boris Johnson, in Klimafragen anders als beim Brexit mit seinen kontinentaleuropäischen Kollegen grundsätzlich einig, durfte auf dem Klimagipfel die Schlussrede halten. Er kündigte in New York ein Förderprogramm in Höhe von einer Milliarde Pfund an, um in Großbritannien die Forschung an umweltfreundlichen Technologien zu fördern.

          Einen radikalen Ansatz verfolgt eine deutsche „Allianz für Entwicklung und Klima“, deren Präsentation am Rande des Klimagipfels den Rahmen bot für die Wutrede des deutschen Entwicklungsministers gegen Greta Thunberg. Es geht darum, dass Unternehmen klimaneutral werden, indem sie Projekte in Entwicklungsländern finanzieren, statt den CO2-Ausstoß in der eigenen Firma auf null zu bringen. Von Umweltaktivisten wird das als „Greenwashing“ kritisiert.

          Der Ulmer Informatiker Franz Josef Radermacher, Mitglied des Club of Rome und Präsident des Bonner „Senats der Wirtschaft“, wandte sich bei der Vorstellung der Initiative entschieden gegen die Idee, allein mit Verhaltensänderungen in den Industrieländern lasse sich der Klimawandel aufhalten. Selbst wenn alle Staaten ihre Zusagen aus dem Pariser Klimavertrag einhielten, würde sich das Klima auf der Erde um mindestens vier Grad erwärmen. Nötig seien deshalb neue Technologien, etwa klimaneutrale Brennstoffe, die in Afrika mit Hilfe von Solarstrom erzeugt würden. Panik, wie Greta Thunberg sie verbreite, helfe dabei nicht weiter, im Gegenteil: Sie behindere die Menschheit dabei, eine tragfähige Lösung zu finden.

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