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Nach Gretas Wutrede : Gipfel der Widersprüche

Die Gegensätze beginnen schon mit der Frage, wie sich die noch verbleibenden Emissionsrechte auf Industrie- und Schwellenländer verteilen. Staaten wie China oder Indien argumentieren, die alten Industrienationen hätten seit der Erfindung der Dampfmaschine schon so viel Kohlendioxid ausgestoßen, dass sie jetzt einen viel ehrgeizigeren Reduktionspfad einschlagen müssten. Die Regierungen in Peking und Delhi haben gleichwohl eine Führungsrolle übernommen. Neuen Berechnungen zufolge soll China schon Anfang der 2020er Jahre den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen überschreiten, und Indien hat in New York ein neues Programm zum Ausbau der erneuerbaren Energien im Umfang von 500 Gigawatt angekündigt. Das entspricht ungefähr dem Dreifachen der gesamten in Deutschland installierten Kraftwerksleistung.

Um verbindliche Festlegungen wird es auf den Klimakonferenzen gegen Ende dieses Jahres in Santiago de Chile und kommendes Jahr in Glasgow gehen. Dort können, anders als beim New Yorker Klimagipfel, konkrete Beschlüsse gefasst werden. Allerdings zeugt schon die Wahl des Tagungsorts von den Rückschlägen der internationalen Klimapolitik: Ursprünglich sollte das nächste Treffen in Brasilien stattfinden, nach der Wahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zum neuen Präsidenten wurde es jedoch nach Chile verlegt.

Panik ist der falsche Weg

Gleichwohl hoffen zumindest die Deutschen, das Land noch irgendwie an Bord halten zu können. Der Regenwald im Amazonasgebiet gehört neben seinen Pendants in Afrika und Südostasien zu den größten CO2-Speichern der Welt. Dem Klimagipfel am Montag blieb Bolsonaro fern, in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung verbat er sich internationale Einmischung zum Schutz des Regenwalds. „Es ist ein Trugschluss, zu sagen, dass der Amazonas ein Erbe der Menschheit ist, und ein Trugschluss, dass der Amazonas die Lunge der Welt ist“, sagte er.

Und schließlich sind auch die Befürworter des Klimaschutzes uneins darüber, ob das Ziel vor allem mit technischen Mitteln oder durch Verhaltensänderungen erreicht werden soll. Der britische Premierminister Boris Johnson, in Klimafragen anders als beim Brexit mit seinen kontinentaleuropäischen Kollegen grundsätzlich einig, durfte auf dem Klimagipfel die Schlussrede halten. Er kündigte in New York ein Förderprogramm in Höhe von einer Milliarde Pfund an, um in Großbritannien die Forschung an umweltfreundlichen Technologien zu fördern.

Einen radikalen Ansatz verfolgt eine deutsche „Allianz für Entwicklung und Klima“, deren Präsentation am Rande des Klimagipfels den Rahmen bot für die Wutrede des deutschen Entwicklungsministers gegen Greta Thunberg. Es geht darum, dass Unternehmen klimaneutral werden, indem sie Projekte in Entwicklungsländern finanzieren, statt den CO2-Ausstoß in der eigenen Firma auf null zu bringen. Von Umweltaktivisten wird das als „Greenwashing“ kritisiert.

Der Ulmer Informatiker Franz Josef Radermacher, Mitglied des Club of Rome und Präsident des Bonner „Senats der Wirtschaft“, wandte sich bei der Vorstellung der Initiative entschieden gegen die Idee, allein mit Verhaltensänderungen in den Industrieländern lasse sich der Klimawandel aufhalten. Selbst wenn alle Staaten ihre Zusagen aus dem Pariser Klimavertrag einhielten, würde sich das Klima auf der Erde um mindestens vier Grad erwärmen. Nötig seien deshalb neue Technologien, etwa klimaneutrale Brennstoffe, die in Afrika mit Hilfe von Solarstrom erzeugt würden. Panik, wie Greta Thunberg sie verbreite, helfe dabei nicht weiter, im Gegenteil: Sie behindere die Menschheit dabei, eine tragfähige Lösung zu finden.

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