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Liberalisierung der Gesetze : Südkorea will Abtreibungsverbot lockern

  • -Aktualisiert am

Eine Gruppe koreanischer Aktivistinnen liegt sich nach der Entscheidung für eine Lockerung der herrschenden Abtreibungsregeln in den Armen. Bild: EPA

Die seit 66 Jahren geltenden Regelungen zur Abtreibung in Südkorea sind laut dem Verfassungsgericht verfassungswidrig. Bis 2020 hat die Regierung nun Zeit, Abtreibungen gesetzlich zu erleichtern. Nicht alle freuen sich darüber.

          Noch am 30. März sind Tausende Südkoreanerinnen gegen die strengen Abtreibungsgesetze des Landes auf die Straße gegangen sind. Am Donnerstag wurde in Seoul eine Neuverhandlung des geltenden Abtreibungsverbotes beschlossen. Das hatte ein Bericht des Senders Al Dschasira am Donnerstag berichtet.

          Das Verfassungsgericht in Seoul erklärte die bestehenden Abtreibungsregelungen für verfassungswidrig, sieben der neun Richter werteten, dass die Kriminalisierung der Abtreibung das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung verletze. Das Abtreibungsverbot verletze das Recht auf Gesundheit, indem es Frauen den Zugang zu „sicheren und rechtzeitigen Eingriffen“ verwehre. Embryos hingen für ihr Überleben und ihre Entwicklung komplett vom Körper der Mutter ab, „deshalb kann nicht geschlossen werden, dass sie eigenständige, unabhängige Lebewesen sind, ausgestattet mit einem Recht auf Leben“, so das Gericht in einer Mitteilung

          Bis Ende 2020 soll das Parlament ein Gesetz zur Erleichterung von Abtreibungen entwerfen, andernfalls würde die geltende Regelung aufgehoben, so die Verfassungsrichter.

          Die Debatte um die beinahe 70 Jahre alte Regelung rückte in den letzten Jahren wieder vermehrt in den Fokus der Aufmerksamkeit. 2017 unterzeichneten mehr als 230.000 Menschen eine Petition an das Blaue Haus, die Residenz des südkoreanischen Staatspräsidenten, in der sie eine Legalisierung von Abtreibungen forderten.

          Das Verfassungsgericht hatte die Regelungen zuletzt 2012 geprüft, dann aber knapp mit vier zu vier Stimmen für eine Beibehaltung der bestehenden Gesetze gestimmt.

          Die aus dem Jahr 1953 stammenden Abtreibungsregelungen Südkoreas erlauben Abtreibungen nur unter besonderen Umständen, so etwa nach Vergewaltigung, Inzest oder der Gefährdung des Lebens der Mutter. Außerdem dürfen Abtreibungen selbst unter diesen Bedingungen nur innerhalb der ersten 24 Wochen der Schwangerschaft vorgenommen werden. Verheiratete Frauen benötigen außerdem das Einverständnis des Ehegatten. Damit gehören Südkoreas Abtreibungsregelungen zu den restriktivsten weltweit.

          Bei einer Verletzung dieser Regelungen kann eine Frau mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden, den ausführenden Ärzte drohen bis zu zwei Jahre. Auch wenn Abtreibungen selten verfolgt und in Südkorea weit verbreitet sind, sind Aktivisten und Ärzte der Meinung, dass die Rechtswidrigkeit und Stigmatisierung von sowohl Abtreibung, als auch uneheliche Schwangerschaften zu einer hohen Zahl unsicherer und illegal-ausgeführter Eingriffe führe, meist mit geringen Kenntnissen über potentielle Risiken. Laut dem regierungsnahen koreanischen Institut für Gesundheit und soziale Angelegenheiten wurden im Jahr 2017 etwa 50.000 Abtreibungen ausgeführt. Die tatsächliche Anzahl wird jedoch auf weitaus höher geschätzt .

          Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Realmeter aus der vergangenen Woche fand heraus, dass die Mehrheit der koreanischen Frauen eine Abschaffung des Abtreibungsverbots (58 Prozent) befürwortet. Nur etwa 30 Prozent wollten das Verbot beibehalten. Trotzdem bleibt die Diskussion um die Abtreibungsfrage in Südkorea weiterhin spaltend. Konservative Haltungen sowie der Einfluss der Kirche spielen nach wie vor eine bedeutende Rolle.

          Südkorea schließt sich damit dem Trend zur Liberalisierung der Abtreibungsregeln an. In den letzten Jahren wurden in mehreren Ländern die bis dahin herrschenden Abtreibungsverbote gelockert oder aufgehoben, darunter beispielsweise in Irland und Argentinien. 

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