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Lockerung der Sanktionen? : Washingtons Blick auf Venezuelas Öl

Um in der Erdölförderung ein signifikantes Produktionsniveau zu erreichen, bräuchte Venezuela fünf Jahre lang Investitionen von zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Bild: dpa

Eine Delegation aus den Vereinigten Staaten ist zu Gesprächen nach Venezuela gereist. Washington ist auf der Suche nach Alternativen zu Erdöl aus Russland – und prüft eine Lockerung der Sanktionen gegen die venezolanische Öl-Wirtschaft.

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          Eine Delegation aus den Vereinigten Staaten soll am Samstag nach Venezuela gereist und mit Vertretern der Regierung von Nicolás Maduro zusammengekommen sein. Dies berichten verschiedene Medien unter Berufung auf Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Hinter dem Treffen stehen offenbar Bestrebungen der amerikanischen Regierung, die Sanktionen gegen Venezuela zu lockern, um den Druck auf den Ölpreis zu senken. Gleichzeitig soll Russland von seinem wichtigsten Verbündeten in Südamerika distanziert werden.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          2017 hat die amerikanische Regierung unter Präsident Donald Trump begonnen, die Sanktionsschraube gegen Venezuela anzuziehen. Von den Sanktionen sind neben hohen Regierungsbeamten auch die venezolanischen Staatsbetriebe betroffen, allen voran der staatliche Erdölkonzern Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA). Seither fließt das venezolanische Erdöl vorwiegend nach China und Russland. Aus Iran wird Venezuela zudem mit leichtem Öl versorgt, um das schwere venezolanische Erdöl zu verdünnen und markttauglich zu machen. Derweil hat PDVSA Russland und dessen Finanzsystem genutzt, um Transaktionen an den amerikanischen Sanktionen vorbei abzuwickeln.

          Täglich 540.000 Fass aus Russland

          Eine Lockerung der Sanktionen würde es den Vereinigten Staaten ermöglichen, die venezolanischen Ölexporte wieder zurück an die Raffinerien am Golf von Mexiko zu leiten, die auf die Verarbeitung des venezolanischen Erdöls spezialisiert sind. Laut der amerikanischen Energy Information Administration importierten die Vereinigten Staaten 2020 fast acht Millionen Fass Erdöl pro Tag, rund 540.000 Fass stammten aus Russland. Das ist weniger, als die amerikanischen Raffinerien vor dem Einsetzen der Sanktionen aus Venezuela importierten. Will Washington auf Importe aus Russland verzichten, muss es Venezuela als Ersatz in Betracht ziehen, sind sich Experten einig.

          Wenn es zu einer Aufhebung der Sanktionen kommt, wäre das US-amerikanische Unternehmen Chevron, das weiterhin ein Joint Venture mit PDVSA unterhält, in der Lage, in wenigen Wochen eine Produktion von 150.000 Fass pro Tag zu generieren. Verschiedene Ölservice­unternehmen, die ebenfalls noch in Venezuela präsent sind, könnten stillgelegte Quellen reaktivieren. Zudem würden rund 23 Millionen Fass, die in Venezuela gelagert sind, auf den Markt gelangen. Doch selbst damit ließen sich die weltweiten russischen Erdölexporte nicht ansatzweise ersetzen. Die Erdölindustrie Venezuelas ist nach Jahren der Misswirtschaft verkümmert. Das Land mit den größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt produziert heute nicht einmal 800.000 Fass pro Tag. Zum Vergleich: Russland produziert fast elf Millionen Fass pro Tag, wovon sieben Millionen Fass exportiert werden.

          Laut Francisco Monaldi, Direktor des lateinamerikanischen Energieprogramms am Baker Institute, könnte Venezuela seine Produktion kurzfristig nicht einmal auf eine Million Fass pro Tag erhöhen. Um ein signifikantes Produktionsniveau zu erreichen, bräuchte Venezuela laut Monaldi fünf Jahre lang Investitionen von zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Hinzu kommt noch eine andere Hürde: Venezuela benötigt sein Öl für den Schuldendienst bei Russland und vor allem bei China, wo es einen Schuldenberg von rund 60 Milliarden Dollar angehäuft hat.

          Washington will Kanäle wieder öffnen

          Dennoch scheint Washington bestrebt, die politischen und wirtschaftlichen Kanäle nach Venezuela wieder zu öffnen. Seit 2019 verfügt Washington über keine Botschaft mehr in Caracas. Direkte Gespräche gab es seither kaum. Allerdings gab es schon vor dem Krieg in der Ukraine vermehrte Kontakte zwischen Vermittlern der Biden-Regierung und Caracas. Dabei ging es um die Freilassung inhaftierter Amerikaner in Venezuela, darunter auch mehrere Manager von Citgo, dem amerikanischen Ableger von PDVSA. Ebenso strebt Washington eine Wiederaufnahme der Gespräche zwischen der venezolanischen Regierung und der Opposition an, in denen nach Wegen für eine freie und faire Präsidentschaftswahl in zwei Jahren gesucht wird. Durch den Krieg in der Ukraine sind in den vergangenen Tagen Forderungen aus beiden politischen Lagern laut geworden, die Beziehungen zu Venezuela wieder zu vertiefen.

          Allerdings gibt es auch Widerstand, gerade aus Florida, wo eine inzwischen ansehnliche Gemeinde von Exil-Venezolanern lebt, die weiterhin eine harte Linie gegen Maduro fordert. Der republikanische Senator Marco Rubio unterstellt der Biden-Regierung, Russland als Vorwand zu nehmen, um mit dem Maduro-Regime einen schon lange angestrebten Deal auszuhandeln. „Anstatt mehr amerikanisches Öl zu produzieren, will er das Öl, das wir von einem mörderischen Diktator kaufen, durch Öl von einem anderen mörderischen Diktator ersetzen“, schrieb Rubio auf Twitter.

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