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Lockdown in Frankreich : „Wir hätten es besser machen können“

Emmanuel Macron während einer Fernsehansprache Bild: Reuters

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron macht Ernst. In einer Fernsehansprache kündigte er den nächsten landesweiten Lockdown an. Schulen, Kindergärten und Krippen schließen, die abendlichen Ausgangssperren bleiben bestehen.

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          Frankreich zieht angesichts der dramatisch steigenden Infektionszahlen die Notbremse und schließt vom Osterwochenende an alle Schulen, Kindergärten und Krippen für drei Wochen. Im Wochenschnitt stecken sich in Frankreich täglich mehr als 35.000 Menschen an.  „Die Epidemie beschleunigt sich“, warnte Präsident Emmanuel Macron in einer Fernsehansprache am Mittwochabend. Es gelte jetzt nicht in Panik zu verfallen, aber die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die bisherigen Beschränkungen wie die abendliche Ausgangssperre und Geschäftsschließungen würden nicht ausreichen, um die Ausbreitung der britischen Virusmutante aufzuhalten. 80 Prozent der Infektionen gehen auf die britische Mutante zurück.

          Der Präsident appellierte an die Franzosen, sich angesichts der dritten Welle zu mobilisieren: „Der Monat April wird entscheidend sein.“

          Von Samstag an werden die Schließungen aller nicht lebenswichtigen Geschäfte auf das gesamte Land ausgeweitet. Bislang galten diese Beschränkungen nur in den 19 am stärksten betroffenen Départements in der Hauptstadtregion, in Nordfrankreich und an der Côte d’Azur. Künftig gilt im ganzen Land ein striktes Reiseverbot, jeder darf sich tagsüber nur noch im Umkreis von zehn Kilometern seiner Wohnung frei bewegen. Die verhassten Ausgangsbescheinigungen, die vielen Franzosen beim ersten Lockdown das Leben schwer machten, sollen nicht wieder eingeführt werden, wie der Präsident betonte. Er habe sich entschlossen, den Bürgern zu vertrauen. Die Sicherheitskräfte würden nur kontrollieren, um Versammlungen im öffentlichen Raum und übermäßigen Alkoholkonsum zu verhindern.

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          Macron wiederholte, dass die neuen Einschränkungen mit einer verstärkten Impfkampagne einhergehen. „Bis zum Sommer werden alle Franzosen über 18 Jahren geimpft worden sein, die dies wünschen“, versprach er. Wenn das Land angesichts der neuen Entbehrungen „geeint und solidarisch“ bleibe, „sehen wir bald ein Ende des Tunnels“.

          Zwischen Mitte Mai und dem Sommer werde es zu einer schrittweisen Öffnung kommen, versprach der Staatschef. Er gestand ein, „wir hätten es besser machen können, wir haben Fehler begangen. Das ist wahr“. Zugleich warf er einen optimistischen Blick in die Zukunft und bezeichnete die Pandemie als Lernprozess für die gesamte Nation. „Wir werden durchhalten“, sagte er.

          Lehrer und Sicherheitskräfte sollen bevorzugt geimpft werden. Laut einer jüngsten Umfrage des Fernsehsenders BFM-TV befürworten 54 Prozent der Befragten einen strikten landesweiten Lockdown. Macron hatte sich einem verschärften Lockdown lange entgegengestemmt und argumentiert, Frankreich gehe angesichts der dritten Welle einen „dritten Weg“. Doch insbesondere die angespannte Lage in den Krankenhäusern in Paris hat ihn zum Umdenken bewegt. Der Inzidenzwert in der Hauptstadt ist innerhalb weniger Tage auf 635 (pro 100.000 Einwohner) gestiegen.

          Besonders Kinder und Jugendliche stecken sich schnell an. Die Zahl der wegen Infektionsfällen geschlossenen Schulklassen in Paris hat sich von Sonntagabend (246) bis Dienstagabend fast verdreifacht (722 geschlossene Schulklassen). Neun weiterführende Schulen in der Hauptstadt mussten wegen Clustern gänzlich geschlossen werden.

          Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hatte kurz vor der Ansprache des Präsidenten Schulschließungen gefordert. Der Vorschlag, die Frühlingsferien vorzuziehen, stammt von der Regionalratspräsidentin der Hauptstadtregion, Valérie Pécresse. Eigentlich sind die Ferien nach Regionen gestaffelt, aber Macron hat jetzt einheitliche Ferien verhängt, die vom 12. bis zum 26. April dauern. In der Osterwoche sollen die Schüler Online-Unterricht erhalten. Vom 26. April an sollen Grundschüler in die Schulen zurückkehren, während Schüler der Mittelstufe und der Oberstufe den Online-Unterricht wieder aufnehmen.

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