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Anschlag in Jerusalem : Der Terrorist im Lastwagen

Symbolischer Anschlagsort: An diesem Aussichtspunkt auf die Ostjerusalemer Altstadt lenkte ein Terrorist einen Lastwagen in eine Gruppe israelischer Soldaten. Bild: AP

Ein Palästinenser tötet am Sonntag mit einem Lastwagen in Jerusalem junge israelische Soldaten, eine Augenzeugin berichtet von dem Terroranschlag. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sieht eine Verbindung zum IS.

          Lea Schreiber klingt müde und aufgewühlt. Mit leerer Stimme beschreibt die junge Ausbilderin am Telefon, wie der palästinensische Terrorist seinen Lastwagen gezielt in die Menge junger Soldaten lenkte, die sich zu der Jerusalemer Aussichtsplattform bewegen wollten. Dorthin, wo Schreiber stand. „Sie stiegen gerade aus ihrem Reisebus an der Straße am Grünstreifen aus, da fuhr der Truck einfach in die Soldaten hinein.“ Sie sei durch die Schreie aufgeschreckt worden und als sie sich umsah, habe sie gesehen, wie einige der Soldaten geistesgegenwärtig auf die Fensterscheibe des Lastwagens schossen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Offenbar trafen die Kugeln zunächst nicht. Der Terrorist konnte seinen schweren Pritschenwagen stoppen und den Rückwärtsgang einlegen, um noch mehr Menschen zu überfahren. „Viele Menschen lagen am Boden, es gab viele Verletzte“, sagt Schreiber. Einige haben sich unter dem Lastwagen verfangen. Schließlich wurde der Attentäter tödlich getroffen. Neunzig Sekunden später seien die ersten Mediziner am Tatort eingetroffen, wie ein Sprecher der Rettungssanitäter sagte. Mindestens vier Menschen wurden getötet und mindestens 16 verletzt, drei von ihnen schwer. Sämtliche Tote sollen Anfang zwanzig gewesen sein: drei junge Frauen und ein junger Mann.

          Nur wenige Minuten vor dem Anschlag waren Schreiber und ihre Ausbildungsgruppe junger Soldaten aus einem anderen Reisebus ausgestiegen, um die erste Station einer üblicherweise viereinhalb Stunden dauernden Tour zu absolvieren: Den Besuch des Aussichtspunkts auf der Promenade von Armon Hanatziv in Ostjerusalem. Von diesem Hügel aus lässt sich die gesamte Jerusalemer Altstadt und die Umgebung, etwa der Zionsberg und der Ölberg, überblicken. Die israelische Armee lässt alle ihre Kampfsoldaten und Offiziere und die meisten Wehrdienstleistenden die Aussichtsplattform besuchen. Dort erfahren die Soldaten, was unten zu sehen ist und für was es sich zu kämpfen lohnt.

          Täter ist ein Palästinenser – mit Verbindungen zum IS?

          Israels Polizeichef Roni Alsheikh bestätigte den Tod des Attentäters. „Die Soldaten reagierten sofort und töteten den Angreifer“, sagte Alsheikh. Anderen Polizeiangaben zufolge habe auch ein bewaffneter Tourguide auf den Attentäter geschossen. Es habe vor dem Terroranschlag keine Warnung gegeben, so der Polizeichef. Bei dem Täter soll sich um einen palästinensischen Bewohner namens Fadi al Kanbar aus dem Ostjerusalemer Viertel Dschaber Mukaber handeln, der kürzlich erst aus dem Gefängnis entlassen wurde, wie das israelische Fernsehen berichtete. Über die Haftgründe wurde zunächst nichts bekannt.

          Der Terroranschlag richtete sich gezielt gegen eine Gruppe Soldaten, die gerade einen Ausflug unternahmen.

          Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, es gebe Hinweise auf eine Verbindung zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). „Wir kennen die Identität des Attentäters und nach allen Anzeichen handelt es sich um einen Anhänger des Islamischen Staats“, sagte Netanjahu nach Angaben seines Büros bei einem Besuch am Ort des Anschlags. Palästinensischen Medien zufolge war Kanbar 28 Jahre alt, verheiratet und hatte Kinder. An seinem Lastwagen hatte er als gestohlen gemeldete israelische Nummernschilder befestigt, teilte die Polizei mit. Israelische Sicherheitskräfte stürmten das Haus des Attentäters und nahmen dessen Vater fest. Die islamistische Terrororganisation Hamas nannte den Anschlag „heroisch“ und verteilte in Gaza Süßigkeiten.

          Die israelische Armee unterhält eigens für Anschläge durch Lastwagen konzipierte Ausbildungszentren, in denen Soldaten umgeben von großen Videoleinwänden üben sollen, rasch mit der Waffe zu reagieren. Schreiber sagt, zum Zeitpunkt des Anschlags seien insgesamt mindestens vierzig Soldaten auf der Promenade gewesen. Es hätte also weit mehr Opfer geben können. Sie selbst habe als Reiseführerin der Soldaten kein gesondertes Sicherheitstraining erhalten. Dann bricht Lea Schreiber ab. „Ich erzähle das alles gerade zum zehnten Mal, es hört einfach nicht auf.“

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