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Liverpooler Stadtteil Toxteth : Lebenszeichen eines sterbenden Viertels

Wegweiser: In Toxteth prägen verrammelte Fenster das Straßenbild Bild: Marcus Kaufhold

Liverpools Stadtteil Toxteth ist zu einem Synonym für Verwahrlosung geworden. Auch dort brannte es diese Woche – aber die Randalierer mag niemand. Das Viertel ist ein multiethnischer Flickenteppich, gemeinsames Merkmal ist die Armut.

          Es sei ganz still gewesen draußen auf der Straße am Montagabend, sagt Pfarrer Robert Gallagher. Eine unheimliche Stille war das, die nichts Gutes verhieß. In den Nachrichten war gerade berichtet worden, dass es nun nicht nur in London, sondern auch in Birmingham zu Krawallen und Plünderungen gekommen sei. „Als ich das hörte, war mir klar, dass es hier genauso losgehen würde“, sagt Gallagher, der Pfarrer der anglikanischen Gemeinde St. Margaret im nordenglischen Liverpool. Wenige Stunden später tobte in der Umgebung seiner Kirche in der Prince’s Road im Stadtteil Toxteth eine Straßenschlacht, an der Hunderte von Jugendlichen und jungen Männern beteiligt waren. Autos brannten, ein paar Straßen weiter wurde ein Supermarkt angezündet und Schaufenster zertrümmert. In der Smithdown Road demolierten die Randalierer sogar ein Bestattungsinstitut.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Als Premierminister David Cameron nach den Tagen der Gewalt in mehreren englischen Städten am Donnerstag vor dem Unterhaus sprach, sagte er über die Randalierer: „Es gibt Teile unserer Gesellschaft, die nicht nur pleite sind, sondern krank.“ So gesehen ist Pfarrer Gallagher ein erfahrener Krankenpfleger. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der 67 Jahre alte Geistliche Pfarrer der Gemeinde in Toxteth, einer der ärmsten und düstersten Wohngegenden in Großbritannien. Das Viertel ist ein multiethnischer Flickenteppich: weiße Engländer, Somalier, Pakistaner, Jemeniten, Inder, Osteuropäer. Ihr gemeinsames Merkmal ist die Armut. Wer zum ersten Mal nach Toxteth kommt, der glaubt ein sterbendes Gemeinwesen zu besichtigen: gespenstische Straßenzüge, in denen es kein einziges Haus ohne verrammelte Fenster oder Türen gibt. Ruinen mit eingestürzten Dachstühlen, die seit Jahrzehnten verfallen. Leere Brachflächen dort, wo der Abbruchbagger schon vorgedrungen ist. Menschen mit einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Repräsentanten.

          Ein Synonym für soziale Verwahrlosung

          Er sei gerne zu einem Gespräch bereit, hat Pfarrer Gallagher am Telefon gesagt. Aber er sei sich nicht sicher, ob er noch andere Leute auch dazu bewegen könne: „Viele haben schlechte Erfahrungen gemacht.“ Toxteth ist auf der Insel zu einem Synonym für soziale Verwahrlosung geworden – und viele Einwohner geben den Medien eine Mitschuld daran, die ein stereotypes Bild von dem Viertel zeichneten. Es ist Mittwochnachmittag, und Gallagher sitzt in einem karg eingerichteten Zimmer im Erdgeschoss seines Pfarrhauses aus dem neunzehnten Jahrhundert. An der Decke zeichnet sich der Fleck eines Wasserschadens ab, neben ihm knistern die Heizdrähte eines Gasofens im Kamin. Draußen ist es kühl und nass.

          Roger Gallagher

          „Die Leute, die diese Gewalttaten begangen haben, müssen die Konsequenzen zu Recht erdulden“, sagt Gallagher. „Aber nach der Bestrafung müsse wir weitergehen, wir müssen versuchen, diese Kriminellen zu verstehen.“ Seine Erklärungen für die Welle der Gewalt sind nicht originell: „Es ist die Frustration, die sich aufgestaut hat.“ Am nächsten komme er seinen Gemeindemitgliedern bei der Vorbereitung einer Beerdigung, sagt der Priester. Nie öffneten sich Menschen ihm gegenüber so sehr wie nach dem Tod eines Angehörigen. Die Lebensgeschichten, die ihm geschildert würden, seien fast immer ähnlich, und sie handelten von Rassismus, Armut und fehlenden Bildungschancen: „Er war so intelligent, aber er hat nie eine Chance bekommen.“ Vergangenes Jahr musste die kirchliche Schule, die zu Gallaghers Pfarrei gehörte, schließen. Sie hatte einen guten Ruf, was die Integration ausländischer Schüler angeht, aber die Schulbehörde hat aus Kostengründen die Finanzierung entzogen.

          Auf seinem Frisierstuhl sitzt die ganze Welt

          Ein paar Straßen vom Pfarrhaus entfernt steht Kenneth Drysdale in seinem Frisiersalon und ist wütend. Die große Mehrheit der Einwohner von Toxteth seien rechtschaffene Bürger. Er schimpft auf die Krawallmacher, die in den vergangenen Nächten im Viertel die Straßen unsicher gemacht haben. Auf dem Fernsehbildschirm an der Wand seines winzig kleinen Ladens gestikuliert stumm ein erregter David Cameron im Parlament. Drysdale hat den Ton abgedreht.

          Der Friseur redet sich ebenfalls in Rage: „Klar gab es hier ein Potential dafür, dass die so ausrasten, das ist offensichtlich, wenn Sie sich in Toxteth umschauen. Aber diese Freizeit-Randale hat nichts mit politischem Bewusstsein zu tun, das ist schiere Schwachsinnigkeit. Denen ging es nur um den Adrenalin-Kick.“ Die Eltern der jugendlichen Gewalttäter hätten versagt, sagt der Friseur. „Wenn du deine Kinder liebst, musst du ihnen Disziplin beibringen, und damit musst du mit 19 Monaten anfangen und nicht erst, wenn sie 19 Jahre alt sind.“

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