https://www.faz.net/-gpf-9c5lb

Liu Xia : Freiheit nach acht zermürbenden Jahren Hausarrest

Liu Xia im Februar 2010 Bild: Reuters

Erst erheblicher diplomatischer Druck auf China hat die Ausreise der Dichterin Liu Xia ermöglicht. Die Witwe des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo will in Deutschland leben. Doch ihr Bruder muss zurückbleiben – als Faustpfand der Regierung.

          Fast ein Jahr nach dem Tod des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo hat sich sein letzter Wille erfüllt: Dass seine Frau, die Dichterin Liu Xia, China den Rücken kehrt. „Er hat mir gesagt, ich müsse das Land verlassen. Am Ende hat er aufgehört zu sprechen – er hat nur noch mit seinem Bein getreten, um mir zu zeigen, was er meint.“ So hatte es Liu Xia in einem Telefonat dem befreundeten Autor Liao Liwu erzählt. „Seine Beine haben sich immer weiter bewegt, als würde er gehen, unentwegt.“

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Am Dienstag ist die Witwe des Friedensnobelpreisträgers schließlich in Peking in ein Flugzeug „in Richtung Europa“ gestiegen, wie ihr Bruder Liu Hui über den Internetdienst Wechat bestätigte – nach acht zermürbenden, krank machenden Jahren unter Hausarrest, die sie in Depressionen gestürzt und an den Rand des Selbstmords getrieben hatten. Im Laufe des Tages wird Liu Xia in Berlin erwartet. Schon lange hatte die Dichterin den Wunsch geäußert, nach Deutschland auszureisen. Doch die chinesischen Behörden hatten ihn ihr nicht erfüllt. Obwohl es offiziell stets geheißen hatte, sie sei frei und genieße alle Rechte einer chinesischen Staatsbürgerin, war dem nicht so.

          „In dieser Welt hält mich nichts mehr“

          Dabei war ihr nie etwas vorgeworfen worden. Sie wurde unter Hausarrest gestellt, weil ihr Mann Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam. Er saß damals eine Haftstrafe von elf Jahren wegen „Aufwiegelung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ ab und kam nie wieder frei. Liu Xia hat einmal gesagt, sie werde „für das Verbrechen bestraft, Liu Xiaobo zu lieben“.

          Die Dichterin war zuletzt vor einem Jahr auf Fotos von der Trauerfeier für ihren Mann zu sehen gewesen, die Chinas Behörden in Umlauf gebracht hatten. Als vermeintlicher Beleg, dass alles mit rechten Dingen verlaufen sei. Danach verschwand sie wieder. Nur manchmal war über Freunde und Begleiter, die sie telefonisch erreichten, ein Lebenszeichen von ihr zu vernehmen. Die, die mit ihr sprachen, berichteten, dass es so wirke, als seien ihre Bewacher wohl nie weit weg und würden jedes Gespräch mithören.

          Mit ihrem Mann Liu Xiaobo im Jahr 2002

          Ihr Freund Liao Liwu, der in Deutschland lebt, war einer von denen, die dafür sorgten, dass sie nicht in Vergessenheit geriet. Im Mai hatte er einen Mitschnitt eines Telefonats mit Liu Xia ins Internet gestellt. „Jetzt gibt es nichts mehr, wovor ich mich fürchte“, hatte sie darin gesagt. „Xiaobo ist tot, und in dieser Welt hält mich nichts mehr. Es ist für mich leichter zu sterben, als weiterzuleben. Nichts ist einfacher für mich, als den Tod herauszufordern.“      

          Erst erheblicher diplomatischer Druck seitens der Bundesregierung, Frankreichs und Amerikas bewegte die chinesischen Behörden dazu, Liu Xia ausreisen zu lassen. Noch im Mai war einer Gruppe von Diplomaten der Zugang zu ihrer Pekinger Wohnung verweigert worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich bei ihrem Besuch im Juni in Peking nach Liu Xia erkundigt. Erst vor einer Woche hatten Mitglieder des UN-Menschenrechtsrats sich tief besorgt über ihren Gesundheitszustand geäußert.

          „Meine Schwester hat ein neues Leben begonnen“

          Der Zeitpunkt der Freilassung ist nun bewusst gewählt. Chinas Ministerpräsident Li Keqiang weilte gerade zu deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Berlin. Und in Peking fand am Dienstag der zweite und letzte Tag des Menschenrechtsdialogs der EU mit China statt. Nächsten Montag folgt ein EU-China-Gipfel, an dem Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk teilnehmen. Und an diesem Freitag jährt sich der erste Todestag Liu Xiaobos. Weltweit sind Gedenkveranstaltungen geplant, auch in der Gethsemane-Kirche in Berlin. Wolf Biermann und Herta Müller haben sich angekündigt. Womöglich wird Liu Xiaobos Witwe nun selbst an der Veranstaltung teilnehmen.

          Immer wieder hatte es in den vergangenen Monaten die Hoffnung gegeben, dass die Dichterin in die Freiheit entlassen werden könnte, zunächst in der Weihnachtszeit, dann wieder im April. Schließlich wurde Liu Xia, so berichteten es Freunde, aufgefordert, einen Ausreiseantrag zu stellen. Und wieder hieß es: warten und gegen die Enttäuschung kämpfen.

          „Meine Schwester hat ein neues Leben begonnen“, schrieb ihr Bruder Liu Hui am Dienstag auf Wechat. Er bedankte sich bei jenen, die sich in all den Jahren für Liu Xia eingesetzt hatten. „Wünsche ihr ein friedliches und freudvolles Leben.“ Dabei hatte sich die Dichterin gewünscht, gemeinsam mit ihrem Bruder auszureisen. Dass er nun  zurückbleibt, bedeutet auch, dass Liu Xia sich im deutschen Exil sehr genau überlegen wird, was sie über das Kommunistische Regime sagt. Denn das könnte ihrem Bruder das Leben schwer machen.

          Weitere Themen

          Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

          Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

          Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

          Topmeldungen

          Undatierte Aufnahme der „Stena Impero“

          Straße von Hormus : Iran stoppt Öltanker im Persischen Golf

          Die Lage im Persischen Golf spitzt sich zu. Nach eigenen Angaben setzt Iran einen britischen Öltanker in der Straße von Hormus fest. Ein zweites aufgebrachtes Schiff ist mittlerweile wieder freigegeben.

          Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

          Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.