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Lifeline-Kapitän Reisch : „Die Welt zieht den Vorhang vor einem Drama zu“

Die „Eleonore“ ist 20 Meter lang und 5,5 Meter breit. Sie beherbergt zur Zeit 110 Menschen. Bild: dpa

Das deutsche Rettungsschiff „Eleonore“ wartet mit 101 Migranten an Bord vor Malta auf die Einfahrt in einen sicheren Hafen. Kapitän Claus-Peter Reisch über die Situation auf dem kleinen Schiff – und seine Wut über fehlende Hilfe.

          5 Min.

          Die Dresdner Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ hat am Montag 101 Migranten von einem Schlauchboot vor der Küste Libyens gerettet. Das deutsche Schiff „Eleonore“ ist nun auf der Suche nach einem sicheren Hafen. Sowohl Italien als auch Malta haben Kapitän Claus-Peter Reisch und seiner Crew die Einfahrt untersagt. Am Mittwochmittag musste die „Eleonore“ mit Wasser und Nahrung versorgt werden, weil die Vorräte bereits knapp werden.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Herr Reisch, wie ist momentan die Situation an Bord der „Eleonore“?

          Wir haben ein Schiff mit 20 Metern Länge, 101 Geretteten und 9 Crewmitgliedern, das macht also 110 Menschen. Es ist sehr eng, die Leute können sich beim Schlafen nicht ausstrecken. Wenn jemand mal da durch muss, dann muss er aufpassen, niemandem auf die Füße oder Finger zu treten. Die hygienischen Verhältnisse sind auch schwierig: Wir haben nur eine Toilette für die Geretteten. Die „Eleonore“ ist für so viele Menschen zu klein. Aber was soll man machen? Ich kann ja nicht sagen, 60 Menschen nehme ich mit und die anderen 40 lasse ich zurück. Das geht nicht.

          Wie geht es der Crew?

          Ich versuche dafür zu sorgen, dass jeder möglichst viel schläft und die Nachtruhe eingehalten wird. Das ist aber nicht immer möglich. Es ist schon eine Herausforderung für so wenige Leute, so viele Menschen zu versorgen und auf sie aufzupassen.

          Wie lange werden die Vorräte, die Ihnen gebracht wurden, in etwa halten?

          Die Vorräte bringen uns etwa drei Tage weit. Länger möchte ich das hier auf keinen Fall machen. Für das Wochenende ist schlechtes Wetter angesagt, dann werden die Menschen an Deck nass, und es besteht Lebensgefahr durch Unterkühlung. Dann muss ich den Notstand ausrufen.

          Also werden Sie gegebenenfalls ohne Erlaubnis in den Hafen von Valletta einfahren?

          Das wäre meine Notwehr. Aber so weit lässt die Politik es hoffentlich nicht kommen und ermöglicht, dass die Menschen schnell an Land dürfen.

          Die Bundesregierung hat sich am Mittwoch dazu bereit erklärt, eine „beachtliche Zahl“ an Menschen aufzunehmen, und die EU-Kommission kontaktiert. Was bekommen Sie von den Verhandlungen mit?

          Das ist auch mein Stand. Mehr weiß ich auch nicht.

          Claus-Peter Reisch fährt seit 2017 regelmäßig zu Einsätzen auf dem Mittelmeer.

          Anders als die „Lifeline“ fährt die „Eleonore“ nicht unter niederländischer, sondern unter deutscher Flagge. Ändert das etwas für Sie?

          Bevor Matteo Salvini italienischer Innenminister wurde, habe ich viele Fälle direkt mit der Seenotleitstelle in Rom abgewickelt. Das hat immer sehr gut funktioniert, die Mitarbeiter sind sehr kompetent – aber man lässt sie gerade nicht tun, was sie gerne tun würden. Deshalb habe ich solche Verhandlungen nur bei einer Mission unter niederländischer Flagge erlebt. Das war im Juni 2018, als die „Lifeline“ mit 234 Menschen an Bord sieben Tage auf eine Einfahrtserlaubnis warten musste. Damals war ich auf mich gestellt. Bei den deutschen Behörden habe ich den Eindruck, dass sie sich sehr bemühen.

          Wie ist die Stimmung unter den Migranten?

          Wir versuchen, ganz offen zu kommunizieren. Momentan habe ich den Eindruck, dass alles ganz gut ist, darüber bin ich sehr froh. Ein griechisches Crewmitglied hat heute Mittag Gitarre gespielt. Viele haben Lieder aus ihrer Heimat gesungen. Das war sehr bewegend. Aber sollte die Stimmung kippen, dann ist Feierabend, wie man in Bayern sagt. Es ist wichtig, dass die Menschen bei Laune bleiben. Wir haben deshalb auch Obst wie Bananen und Äpfel bestellt, damit die Menschen ein bisschen Abwechslung zum Couscous haben. Wir können die maltesische Küste sehen, und viele fragen, warum wir da jetzt nicht hinfahren.

          Haben Sie Sorge, dass jemand über Bord springt und versucht, nach Malta zu schwimmen, wie kürzlich im Fall der „Open Arms“?

          Wir sind 13 Seemeilen von der Küste entfernt, also rund 25 Kilometer. Das schafft niemand, und ich denke, das ist allen bewusst. Ich betone immer wieder, dass wir das Ganze zu einem guten Ende bringen und es einfach ein paar Tage dauert – wobei wir eine lange Wartezeit nicht durchhalten werden. Das ist unmöglich.

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