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Liebesgrüße aus Moskau : Karin Kneissls Band zu Putin

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Kneissl schrieb ihre Autobiographie bereits vor vier Jahren. In Österreich war sie schon damals ziemlich bekannt. Zu ihren liebsten Themen als Autorin gehörten die Kriege im Nahen und Mittleren Osten. Sie schrieb mehrere Bücher und viele Artikel dazu. Und sie trat unzählige Male als Nahost-Expertin im Fernsehen auf. Es gab Zeiten, da flimmerte ihr Gesicht fast jeden Abend über die Bildschirme in den Wohnzimmern der Republik. Jeder, der Nachrichten schaute, kannte sie. Die Autobiographie trägt den Titel „Mein Naher Osten“ und beginnt mit dem Bekenntnis: „Der Nahe Osten ist das Thema meines Lebens, dank ihm wurde ich zu der, die ich bin.“ Das Buch ist eine einzige sehnsuchtsvolle, fast schon schwärmerische Liebeserklärung an den Orient. Kneissl lebte als Kind einige Jahre in Jordanien. Ihr Vater arbeitete dort als Pilot für die Airline des Königs. Als sie siebzehn und schon lange wieder zurück in Österreich war, jobbte sie einen Sommer lang als Kindermädchen in Bordeaux, um ihr Französisch aufzupolieren. In jenem Sommer Anfang der achtziger Jahre brach der erste Libanonkrieg aus. In Frankreich wurde Tag und Nacht darüber berichtet. Kneissl saß stundenlang vor dem Fernseher oder dem Radio, um nichts zu verpassen. Etwas an den Kriegsbildern aus Beirut berührte sie zutiefst. Sie kann auch Jahrzehnte später nicht genau erklären, was es war. Sie wollte den Krieg verstehen, etwas für den Frieden tun, die Menschen retten. Mit einer Inbrunst, wie nur Teenager sie aufbringen, schwor sie sich damals, nach der Matura Arabisch zu lernen und so bald wie möglich in den Libanon zu reisen.

Sie schreibt: „Ich konnte aus meiner Entschlossenheit nicht mehr heraus.“ Ihr ganzes Sehnen und Streben habe sich auf den Orient gerichtet. Während des Studiums der Rechtswissenschaften in Wien paukte sie Arabisch. Vor Semesterende setzte sie jeweils Himmel und Hölle in Bewegung, um für die Ferien einen Job im Nahen Osten zu ergattern. Mal arbeitete sie in einem Hospiz in Jerusalem, mal in einer Bank in Amman. Oder sie machte einen Sprachkurs in Tunis. Und jedes Mal, wenn sie von ihren Reisen nach Wien zurückkehrte, fühlte sie sich ein wenig fremder. Für ihre Dissertation im Völkerrecht recherchierte sie monatelang in Israel, Jordanien und Syrien. Sie war damals Anfang zwanzig. Über diese Zeit schreibt sie voller Nostalgie. Einfach alles sei intensiv gewesen. Wie ein Leben im Zeitraffer. So anders als im langweiligen Wien. Immer wieder schreibt sie von „tiefen Momenten der Geborgenheit“, die sie im Orient erlebt habe. Von innigen Freundschaften, die ein Leben lang hielten, von Familien, die sie wie eine Tochter aufgenommen hätten.

Mit vierundzwanzig trat sie in den diplomatischen Dienst des Außenministeriums in Wien ein, Abteilung Naher Osten und Afrika. Sie schreibt, sie habe etwas für die Menschen und den Frieden im Nahen Osten tun wollen. Acht Jahre später verließ sie das Ministerium wieder, frustriert und wütend. Im Buch gibt es viele Stellen, in denen Kneissl mit der Diplomatie hart ins Gericht geht. Sie wirft ihr Oberflächlichkeit und Doppelmoral vor. Sie beschreibt zum Beispiel ein UN-Treffen in Genf: Tagsüber würden die westlichen Delegierten „voller Eifer“ und „mit salbungsvollem Getue“ Menschenrechtsverletzungen kritisieren, und abends stünden dann doch alle mit den Diktatoren oder deren Botschaftern am Buffet zusammen, um zu plaudern. Sich selbst beschreibt Kneissl als Aufrechte, die bei diesem falschen Spiel nicht mitmachte. Als jemand, der hinterfragte, aufbegehrte – und abgeschmettert wurde. Nach ihrer Kündigung zog sie auf den kleinen Bauernhof und baute sich eine Existenz als Publizistin auf.

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