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Libanon : Wählen ohne anzukreuzen

  • -Aktualisiert am

Nachdem er seine Stimme abgegeben hat, posiert ein Libanese mit seinem tintengschwärzten Daumen Bild: REUTERS

Die Parlamentswahl im Libanon verläuft bislang friedlich - zu Zusammenstößen zwischen Regierungs- und Oppositionsanhängern könnte es aber nach Bekanntwerden erster Ergebnisse am Abend kommen.

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          Ein buntes Fahnenmeer umgibt Tony Aonweiz. „Ich habe von allen etwas“, sagt der Mann und lacht. Das orangene Tuch der Freien Patriotischen Bewegung (FPM) von Oppositionsführer Michel Aoun flattert ebenso in der Frühsommerbrise wie das Hellblau der Future-Bewegung von Mehrheitsführer Saad Hariri und das Grün der Marada-Partei Suleiman Frangiehs.

          Opposition und Regierung friedlich vereint auf Beiruts Sassine-Platz - dem Herzen des christlich dominierten Stadtteils Aschrafieh. Selbstverständlich ist das nicht: In den vergangenen Jahren lieferten sich junge Anhänger Aouns und dessen christlichen Kontrahenten Samir Dschadscha (Forces Libanaises) und Samy Dschemeijel (Phalanges) hier abends immer wieder Schlägereien und Straßenschlachten. Doch an diesem Sonntag ist selbst für schiitische Beteiligung im christlichen Ostbeirut gesorgt. „Die Hizbullah-Fahnen liegen da drüben“, sagt Aonweiz und zeigt auf einen Haufen prall gefüllter Plastiksäcke. Fahnen und T-Shirts, Sticker und Buttons verkauft er im Schatten einiger Bäume, beschützt von einem Panzer. Das „Starbucks“ liegt schräg gegenüber, Soldaten regeln den Verkehr.

          „Es sind doch alles Diebe“

          3,2 Millionen Libanesen sind heute aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Aonweiz will später für die Kandidaten der „14. März“-Regierungsmehrheit stimmen - im seinem Distrikt sind das Nayla Tueni, die Tochter des 2005 ermordeten Publizisten Gebran Tueni, Nadim Deschemeyel, der Sohn des 1982 umgebrachten Milizenführers Bashir Gemayel, und Staatsminister Michel Pharaon.

          Unterstützer der Freien Patriotischen Bewegung  von Oppositionsführer Aoun wedeln mit ihren Fahnen
          Unterstützer der Freien Patriotischen Bewegung von Oppositionsführer Aoun wedeln mit ihren Fahnen : Bild: REUTERS

          Das aber nur, weil der maronitische Kardinal Butros Sfeier dazu aufgerufen habe. „Es sind doch alles Diebe“, schimpft der Familienvater. „Überall auf der Welt gibt es ordentliche Wahlen, nur im Libanon nicht.“

          Fast 200 Wahlbeobachter hat deshalb allein die Europäische Union in die Zedernrepublik geschickt, 2700 stellt die libanesische Wahlbeobachtungsorganisation Lade. Auch Mitarbeiter der Carter-Stiftung des früheren amerikanischen Präsidenten wollen auf Verstöße gegen das erst im Herbst vergangenen Jahres reformierte Wahlgesetz aufmerksam machen.

          Doch selbst bei Unregelmäßigkeiten dürfte das in der Nacht erwartete Ergebnis mögliche Wahlverstöße schnell in den Schatten stellen. Denn die Anhänger Aouns könnten der von der Hizbullah geführten Opposition eine Mehrheit im Parlament bescheren - und die von der EU und den Vereinigten Staaten unterstützte Regierungskoalition um die Macht bringen.

          Showdown zwischen Hizbullah-Alliierten und Regierungsmehrheit

          Ein Kopf-an-Kopf-Rennen haben Analysten und Meinungsforschungsinstitute prognostiziert. Mehr als 66 der 128 Sitze zu erlangen dürfte wohl keiner Seite gelingen, Kooperation in einer Regierung nationaler Einheit wäre die Folge.

          Doch an diesem Sonntagmorgen macht die Opposition den besser organisierten Eindruck. Schon früh um sieben herrscht reger Andrang vor der Ghobeiry Mittelschule für Mädchen in Shia, einem schiitisch dominierten Viertel im Süden Beiruts. Ein Mann schleppt eine alte Frau, die er sich über die Schultern gelegt hat, an den Polizisten und Soldaten vorbei ins Wahllokal. Junge Leute mit dem Bild des Amal-Führers Nabih Berri auf dem T-Shirt verteilen Stimmzettel klein wie Visitenkarten.

          Denn jede Stimme zählt. Und da der Staat keine eigenen Stimmzettel druckt, sind es die Parteien, die Wähler damit ausstatten. Wählen ohne Kreuze zu machen: Während im von Amal und Hizbullah-Kräften dominierten Beiruter Süden die Oppositionswahlhelfer die einzigen sind, die die kleinen Zettel verteilen, stehen in umstrittenen Distrikten wie Aschrafieh Vertreter verfeindeter Parteien direkt nebeneinander. Auf den Wahlzetteln finden sich immer nur die eigenen Kandidaten.

          So auch in Bikfaya im Hochland über Beirut, wo der frühere Präsident Amin Dschemeijel seine Residenz hat. Frauen in orangenen T-Shirts mit dem Spruch „Sois belle et vote“ drücken einem Zettel mit den Namen der Aoun-Vertreter in die Hand, ein paar Schritte weiter ist es die Liste der Dschemeijel-Verbündeten, die die Wähler abgeben sollen.

          Auch Elie Malouf steht hier mit Zetteln in der Hand. Zur Feier des Wahltages hat er seinen roten Peugeot komplett mit Bildern Samy Dschemeyels beklebt, Amins Sohn. Sechs Stunden lang. Dass die Anhänger Aouns um die Ecke stünden, störe ihn nicht, sagt der griechisch-katholische Christ, selbst mit einem Wahlsieg Aouns und der Hizbullah Generalsekretär Hassan Nasrallahs könnte er leben: „Wir fürchten uns nicht vor der Partei Gottes, sondern nur vor Gott.“

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