https://www.faz.net/-gpf-a257y
Bildbeschreibung einblenden

Zusammenstöße im Libanon : Viele Verletzte bei Protesten in Beirut

Demonstranten in Beirut fliehen vor Tränengas Bild: Reuters

Tausende treibt die Wut auf die politische Führung des Libanon auf die Straßen. Demonstranten sollen das Außenministerium gestürmt haben. Vermutlich fielen in der Stadt auch Schüsse. Ministerpräsident Diab schlägt vorgezogene Neuwahlen vor.

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Bei Protesten in Beirut sind nach Angaben des libanesischen Roten Kreuzes mehr als 150 Menschen verletzt worden. Ins Krankenhaus seien am Samstag 32 Personen eingeliefert worden, zitierten örtliche Medien die Hilfsorganisation. Berichten zufolge soll bei den Ereignissen auch ein Polizeibeamter getötet worden sein.

          Zudem hatten Demonstranten zeitweise das Außenministerium in der libanesischen Hauptstadt Beirut gestürmt. Von ehemaligen Armeeoffizieren angeführte Protestierende drangen nach Angaben der Nachrichten-Agentur AFP in das Gebäude ein und erklärten es zum „Hauptquartier der Revolution“. Nach drei Stunden endete die Besetzung, nachdem Soldaten der libanesischen Armee das Ministerium räumten. Inzwischen sollen Demonstranten das Energie- und Wirtschaftsministerium, sowie der Sitz des libanesischen Bankenverbandes gestürmt haben.

          In der Stadt fielen vermutlich auch Schüsse. Das bestätigte die Polizei der Nachrichten-Agentur Reuters, nachdem am Samstag entsprechende Geräusche im Zentrum Beiruts zu hören waren. Die Umstände waren zunächst unklar. Auf Fernsehaufnahmen waren mehrere blutende Menschen zu sehen, nachdem die Polizei Gummigeschosse und Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt hatte. Diese hatten versucht, auf den Parlamentsplatz vorzudringen.

          „Revolution, Revolution“

          Unter Berufung auf Augenzeugen berichtete die Nachrichten-Agentur Reuters von Dutzenden Demonstranten, die während der Proteste auf das Gelände des Außenministeriums vordrangen. Dort hätten sie Parolen gegen die Regierung skandiert, ein Bild von Präsident Michel Aoun verbrannt und per Megafon andere Demonstranten aufgefordert, alle Ministerien zu besetzen.

          Auf Aufnahmen des arabisch-sprachigen Nachrichtensenders Al-Dschasira war am frühen Samstagabend zu sehen, wie schätzungsweise mehr als 10.000 Personen an verschiedenen Orten im Stadtzentrum friedlich protestieren und einige sich Kämpfe mit Sicherheitskräften und der Bereitschaftspolizei lieferten. 

          Viele Libanesen machen die politische Führung des kleinen Landes am Mittelmeer für die schwere Explosion verantwortlich. Die Zahl der Toten stieg auf 158, wie das Gesundheitsministerium am Samstag mitteilte. Die Zahl der Verletzten beträgt demnach rund 6000. Unterdessen will der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab seinem Kabinett vorgezogene Neuwahlen vorschlagen. Ein entsprechendes Gesetz wolle er seinem Kabinett vorlegen, sagte Diab am Samstag in einer Fernsehansprache.

          Am Samstag waren Demonstranten zunächst zu einer Trauer- und Protestkundgebung auf dem Märtyrer-Platz im Zentrum Beiruts zusammengekommen, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Das Motto der Protestkundgebung lautete „Gerechtigkeit für die Opfer, Rache an der Regierung“.

          Die Demonstranten riefen unter anderem „Revolution, Revolution“ und „Das Volk will den Sturz des Regimes“. „Der Aufstand und die Revolution gehen weiter“, sagte einer der Demonstranten dem Sender MTV. Präsident Michael Aoun, Regierungschef Hassan Diab und die gesamte politische Führungsspitze seien für die Detonation verantwortlich.

          Bereits im vergangenen Oktober hatten Massenproteste gegen die Regierung begonnen. Die Demonstranten fordern weitgehende politische Reformen. Sie werfen der politischen Elite Korruption vor und beschuldigen sie, das Land rücksichtslos auszuplündern.

          Die Wut ist auch deswegen so groß, weil über Jahre große Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen gelagert worden sein sollen. Dies soll die gewaltige Explosion verursacht haben. Warnungen wurden Berichten zufolge in den Wind geschlagen. Am Freitagabend ordnete ein Richter die Festnahme von drei leitenden Hafen-Mitarbeitern an, darunter waren der Direktor und der Chef des Zolls.

          Bei den Aufräumarbeiten nach der Explosionskatastrophe fühlen sich viele Libanesen von der Regierung im Stich gelassen. Gleichzeitig zeigen sie untereinander große Solidarität. In den stark zerstörten Vierteln rund um den Hafen waren auch am Samstag Dutzende freiwillige Helfer im Einsatz.

          Ein Demonstrant trägt eine Atemmaske und hält eine libanesische Flagge bei einem regierungskritischen Protest nach der tödlichen Explosion im Hafen Beiruts. Bilderstrecke
          Proteste in Libanon : Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten in Beirut

          Im Hafen gingen die Bergungsarbeiten weiter. Rettungshelfer bargen 25 Leichen aus den Trümmern. Einem Sprecher des Gesundheitsministeriums zufolge werden noch immer rund 45 Menschen vermisst, überwiegend Hafenarbeiter.

          Seit Monaten leidet das Land unter der vielleicht schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Die Corona-Pandemie verschärfte die Lage weiter. Die Inflation ist explodiert. Viele Libanesen wissen kaum noch, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Die Explosion treibt das Land endgültig an den Rand des Abgrunds.

          Die internationale Gemeinschaft will den Libanon unterstützen. EU-Ratspräsident Charles Michel traf zu Gesprächen mit Staatschef Aoun und anderen Spitzenpolitikern ein, wie der libanesische Präsidentenpalast mitteilte. Der Libanon könne sich auf die Solidarität der EU verlassen, twitterte Michel. „Nicht nur in Worten, sondern auch in konkreten Handlungen für das libanesische Volk.“

          Am Sonntag soll die von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigte internationale Konferenz zur Hilfe für den krisenerschütterten Libanon stattfinden – per Videoschalte. Bei seinem Besuch am Donnerstag in Beirut hatte Macron jedoch deutlich gemacht, dass er von der Regierung grundlegende Reformen fordert.

          Weitere Themen

          Die Angst vor dem Notlazarett

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.
          Der erste Streich: Gnabry nimmt Maß und trifft.

          8:0 gegen Schalke : Die Acht-Tore-Ansage

          Der FC Bayern demonstriert zum Saisonauftakt der Bundesliga seine Überlegenheit und demontiert den FC Schalke nach allen Regeln der Fußball-Kunst. Serge Gnabry trifft beim 8:0 drei Mal.
          Der Abteilungsleiter für Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Keith Krach, traf am 18. September in Taiwan mit Ministerpräsident Su Tseng-chang zusammen.

          Militärmanöver : Plant China einen Angriff auf Taiwan?

          Amerikas Beziehungen mit Taiwan werden immer enger. Nun plant Washington neue Waffenverkäufe an Taipeh – und verärgert damit China. Peking verschärft seine Drohgebärden in Richtung der Insel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.