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Libanon : Sei schön, und wähle

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„Ich bin schön, und ich wähle ,orange'”: Modenschau... Bild: AFP

An diesem Sonntag sind 3,2 Millionen Libanesen zur Parlamentswahl aufgerufen. Der Oppositionsführer und Hizbullah-Verbündete Michel Aoun fordert das traditionsreiche Clan-System heraus. Der Wahlkampf glich einer Mischung aus Modenshow und Märtyrergedenken.

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          Tote lächeln einen an auf Beiruts Dora-Highway, von Plakaten groß wie die Strafräume eines Fußballfeldes. Baschir Dschemeijel etwa hängt hier sechs Stockwerke hoch, der christliche Milizenführer, der 1982 ermordet wurde, kurz bevor er seinen Amtseid als libanesischer Präsident ablegen sollte. Auch sein Neffe Pierre kam bei einem Anschlag ums Leben – 26 Jahre später – und muss nun als Zubehör herhalten für einen Wahlkampf ohne Programmatik.

          Denn neben den im Libanon schnell als „Märtyrer“ eingemeindeten Opfern der Politik schmücken Models den Highway. „Je vote Orange“, „Sois égale et vote“, „I vote for change“ brüllen bunte Buchstaben von den Häuserwänden herab – begleitet von hinter großen Sonnenbrillen versteckten mediterranen Schönheiten. Von den Gesichtern, die ein paar Plakate weiter für Modeketten und Autofirmen um Kunden buhlen, sind die politischen Werbeträgerinnen kaum zu unterscheiden.

          Mischung aus Modenschau und Märtyrergedenken

          Aber vielleicht ist die Mischung aus Modenshow und Märtyrergedenken auch gewollt: Mit dem speziell an weibliche Wähler gerichteten Spruch „Sei schön, und wähle“ hatte Oppositionsführer Michel Aoun schließlich die heiße Phase des Wahlkampfs eingeläutet. An diesem Sonntag nun sind 3,2 Millionen Libanesen aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Zehntausende Exillibanesen aus Kanada, Dänemark, Deutschland oder Sierra Leone landeten in den vergangenen Tagen auf Beiruts Rafiq Hariri International Airport – viele von ihnen mit Tickets, für die die Parteien bezahlt hatten: Per Stimmenkauf zum Urlaub an die Wahlurne.

          ... und Märtyrergedenken im libanesischen Wahlkampf. Neben lebenden Aspiranten werben auch längst Gestorbene um Parlamentssitze
          ... und Märtyrergedenken im libanesischen Wahlkampf. Neben lebenden Aspiranten werben auch längst Gestorbene um Parlamentssitze : Bild: REUTERS

          Von prowestlichen Kräften wird die Parlamentswahl als Abwehrkampf gegen die von Iran und Syrien unterstützte Hizbullah deklariert; letztlich geht es um die Vorherrschaft im christlichen Lager. Denn im Rennen um die begehrten 64 christlichen Politikern reservierten Plätze im 128-Abgeordnenten-Parlament fordert der Hizbullah-Verbündete Aoun die Statthalter des traditionsreichen maronitischen Clan-Systems heraus.

          Gegner des „Beiruter Frühling“ gut positioniert

          Nayla Tueni, Tochter des 2005 ermordeten Publizisten und Abgeordneten Gebran Tueni, aber auch die Gefolgsleute Samir Dschadschas, des einstigen Milizenführers der Forces Libanaises (FL), stehen im Visier Aouns – und, nicht zu übersehen im Plakatmeer am Rande der Stadtautobahn, der frühere Präsident Amin Dschemeijel. Er trat nach dem Attentat auf seinen Bruder Bashir 1982 in dessen Fußstapfen – und vermochte sie nie auszufüllen. Einen Abwehrkampf gegen Aouns Antikorruptions- und Transparenzkampagne führt Dschemeijel gemeinsam mit anderen Größen des sogenannten „14. März“-Bündnisses, das während des „Beiruter Frühlings“ 2005 die syrischen Protektoratstruppen aus dem Land gejagt hatte. Doch vier Jahre nach der „Zedernrevolution“ haben sich die prosyrischen Kräfte gesammelt, und auch der von seinen Anhängern als „General“ verehrte frühere Armeechef Aoun ist gut positioniert: Bis zu vierzig Sitze im schmucken Parlamentsbau in Beiruts Zentrum strebt er an.

          Seine Freie Patriotische Bewegung (FPM) würde dann nicht nur die stärkste christliche Fraktion im Parlament stellen – und die Hegemonie großer christlicher Familien wie der Dschemeijels und der Tuenis brechen. Zugleich wäre er Königsmacher: Einen Ministerpräsidenten Saad Hariri dürfte es unter einem Mehrheitsführer Aoun kaum geben. Und wenn, dann nur zum Preis einiger Schlüsselministerien.

          Nicht nur Trauer nach Ermordung Hariris

          Auch deshalb steht der 74 Jahre alte Aoun im christlichen Kernland so hoch im Kurs: Erstmals seit Ende des Bürgerkrieges 1991 ist es einem der Ihren wieder gelungen, der starken sunnitischen Kaste des Landes Paroli zu bieten. Denn aus Sicht vieler Wähler in Aschrafieh, Metn und Kesrwan brachten die langen Jahre unter Ministerpräsident Rafiq Hariri dem Libanon nichts als Schulden und Misswirtschaft. Als Hariri im Februar 2005 ermordet wurde, herrschte östlich der einstigen Green Line zwischen christlichen und muslimischen Milizen nicht nur Trauer.

          Ganz anders fünf Minuten weiter westlich, den Highway über die frühere Frontlinie hinweg. In voller Breite lächelt der als „Mr. Lebanon“ titulierte Hariri die Autofahrer an. Auch Mike, der ein paar Straßenzüge von Hariris Residenz entfernt einen Friseurladen betreibt, im sunnitisch dominierten Westbeirut, hat zwar noch immer einen Aufkleber mit dem Bild Hariris im Schaufenster hängen. Doch sein Verhältnis zu dessen Sohn Saad ist getrübt. „Dieselbe Schule, aber nicht dieselbe Klasse“, sagt er über den 39 Jahre alten Nachwuchspolitiker, der wie der Dschemeijel-Nachwuchs ein Produkt des überkommenen, konfessionell und feudal geprägten Wahlsystems ist: Politische Ämter erben die Söhne; nur manchmal durchbrechen Politikerinnen wie Nayla Tueni die Regel.

          Sohn Hariris unter saudischem Druck

          Ob Saad Hariri vier Jahre nach Beginn seiner politischen Karriere den Sprung in den Grand Serail schafft, ist ungewiss. Während des Wahlkampfes lehnte es der 1970 im saudi-arabischen Riad Geborene ab, bei einem Wahlsieg Aouns und der Hizbullah das Amt des Ministerpräsidenten anzutreten. Doch sollte ihn Saudi-Arabien als wichtigste sunnitische Schutzmacht drängen, müsste Hariri auch unter einer starken Oppositionsbeteiligung das Kabinett leiten, vermuten Diplomaten.

          Für den unwahrscheinlichen Fall eines deutlichen Oppositionssieges hat Aoun offenbar eine Überraschung für den stets Sunniten vorbehaltenen Posten parat: Layla al Solh. Sie ist weder Märtyrerin noch Model, sondern Großenkelin des Republikgründers Riad al Solh. Ihr Gesicht allerdings sucht man auf den Plakatwänden entlang der Stadtautobahn vergeblich.

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