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Libanon : Ein ganzes Volk als Geisel der Hizbullah

  • -Aktualisiert am

Beirut: zerstörte Vielfalt Bild: picture-alliance/ dpa

Seit der Entführung von Gilad Schalit leidet die libanesische Bevölkerung. Dies könnte die ohnehin schwierige Regierungskoalition aus Schiiten, Sunniten und Christen auseinanderreißen und zu einem Bürgerkrieg führen.

          5 Min.

          Der eingerahmte Zeitungsartikel über dem breiten Spiegel trägt das Datum 27. November 1983. „Beirut, die Stadt der Hoffnungslosigkeit“, hat der Autor das Stück über drei junge Männer betitelt, die sich im achten Kriegsjahr im Abstand von nur wenigen Tagen in den Tod stürzten. Es hängt gegenüber einer Reihe Frisörstühlen. Mike, dem der lichtdurchflutete, blankgeputzte Laden mitten an Westbeiruts moderner Bliss Street gehört, hat ein feines Gespür für die Abgründe des Lebens.

          „Ich habe so viel von diesem Viertel und von meinen Kunden gelernt“, sagt der 63 Jahre alte Frisör im Beiruter Stadtteil Ras Beirut. „Durch mein Alter, meine Erfahrung und meine grauen Haare habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und Dinge zu sehen, die auf den ersten Blick gar nicht erkennbar scheinen.“ Kaum eine Minute vergeht, ohne daß Mike einem der Passanten die Hand schüttelt. „Wir sind hier alle eine große Familie, und das schon sehr lange.“

          Multikulturelle und multireligiöse Vielfalt

          Wie kaum ein anderes Viertel der libanesischen Hauptstadt steht Ras Beirut für die einst so gepriesene multikulturelle und multireligiöse Vielfalt des Viermillionen-EinwohnerLandes. Schiiten, Sunniten und orthodoxe wie katholisch-maronitische Christen leben hier seit Jahrzehnten Seite an Seite miteinander, nur zwei Straßen von Mikes Laden entfernt steht die St.-Rita-Kirche gegenüber der Shatila-Moschee. Im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 blieb die Gegend von Kämpfen weitgehend verschont.

          Hinzu kommen die vielen Ausländer. Am Ende der Bliss Street, wo sich die von mondänen Mittelmeervillen gespickte Straße zum Meer hinunterschlängelt, hat das Goethe-Institut seinen Sitz; die Deutsche Evangelische Gemeinde sowie das Gebäude des British Council sind nur ein paar Ecken entfernt. Und am östlichen Ende der freitags und samstags wegen der vielen Fast-food-Shops bis spät in die Nacht bevölkerten Straße liegt der schattige Campus der 1866 von evangelischen Missionaren gegründeten American University Beirut - mit seinen schönen alten Steinbauten und den vielen schattenspendenden Bäumen eine kleine Oase in der sonst nicht gerade mit öffentlichen Plätzen und Parks gesegneten Stadt. „Ras Beiruts kosmopolitischer Flair und die lange Geschichte toleranten Miteinanders haben das Viertel letztlich immer vor den schlimmsten Wirren des Krieges bewahrt“, sagt Mike.

          Blockademanöver von allen drei Seiten

          Doch anderswo hielt der gesellschaftliche Kitt nicht. Im Gegenteil. Befördert durch den israelisch-palästinensischen Konflikt, den die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) Jassir Arafats mit Angriffen von libanesischem auf israelisches Territorium Anfang der siebziger Jahre in das Land hineintrug, rissen alte Gräben wieder auf, die im Nationalpakt der drei wichtigsten Konfessionen von 1943 eigentlich institutionell zugeschüttet werden sollten. Seitdem stellen die Maroniten den Präsidenten, die Sunniten den Ministerpräsidenten und die Schiiten den Parlamentspräsidenten. Aber während des Bürgerkrieges blieb das Arrangement Fassade, die verfeindeten Parteien gingen in immer neuen, nicht nur konfessionell, sondern oft mafiös motivierten Konstellationen aufeinander los.

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