https://www.faz.net/-gpf-yuls

Libanon : Die Revolution ist nicht vollendet

  • -Aktualisiert am

Besonders am Herzen liegen ihr die jungen Leser. Das dritte Buch des Blattes wurde deshalb komplett überarbeitet. Es ist das neue Herzstück der Zeitung. „Um die jungen Führer, die neuen Führer zu erreichen“, wie sie sagt. Täglich setzt es andere Schwerpunkte, von Lifestyle über Sport, Bildung und Menschenrechte bis Ökologie. Jeden Donnerstag erscheint das dritte Buch wieder unter dem Titel „Nahr ash Shabab“ (Tag der Jugend); die Beilage wurde 1993 von ihrem Vater gegründet und zum Forum der syrienkritischen Jugend, die dann später die „Zedernrevolution“ machte. 2001 eingestellt, belebte Tueni „Nahr ash Shabab“ 2007 wieder, drei Jahre nach ihrem Einstieg als Volontärin beim Blatt ihres Vaters, Großvaters und Urgroßvaters.

An der Spitze des Wandels

Dass sie nicht nur als Zeitungsmacherin, sondern auch als Politikerin in die Fußstapfen ihrer männlichen Vorfahren tritt, begründet sie so: „Ich habe fürs Parlament kandidiert, weil ich glaube, dass die politische Arbeit die journalistische vollenden kann.“ Außerdem wolle sie den unvollendeten Traum ihres Vaters von einem wirklich freien, unabhängigen und souveränen Libanon weiterführen - und die Jugend ermuntern, „sich an die Spitze des Wandels zu stellen“, um im Libanon für Veränderung zu arbeiten, nicht im Exil, wie Tausende ihrer Generation, die das Land angesichts anhaltender Krisen und Kriege verließen. Sie selbst ist ein Kind des Krieges, doch die Privilegien des Aufwachsens in einer einflussreichen Zeitungsdynastie erleichterten es ihr, in Beirut zu bleiben.

Dort ging sie nach Abschluss des Journalistik-Studiums einen mehr oder weniger vorgezeichneten Weg: Nach dem Tod des Zeitungsgründers Gebran Tueni hatte ihr Großvater Ghassan Tueni 1947 die Leitung der Zeitung übernommen. In den Jahren vor dem Beginn des Bürgerkriegs 1975 brachte der frühere Diplomat und Minister „An Nahar“ groß heraus. Die heute mit einer Auflage von 40 000 Exemplaren größte libanesische Tageszeitung avancierte zum liberalen Aushängeschild des Landes. Diesen Ruf festigte sie während der „Zedernrevolution“, als das Blatt zum Sprachrohr der Syrien-Kritiker wurde. Naylas Vater Gebran Tueni war im Jahr 2000 zum Herausgeber aufgestiegen; es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Tochter ihm nachfolgt.

Warnung vor dem Scheitern

Bis dahin führt sie den Kampf ihres Vaters für einen säkularen Libanon weiter. 2007, der emanzipatorische Elan des „Beiruter Frühlings“ war längst abgeklungen, gründete sie die Initiative „Jugend-Schattenregierung“. Die Nachwuchsplattform ist nicht nur auf Foren und Podien, sondern auch im Internet aktiv. „Wir müssen optimistisch sein“, macht Nayla Tueni sich selbst Mut. Doch die Enttäuschung darüber, dass der revolutionäre Geist, der inzwischen siebzehn der zweiundzwanzig Staaten der Arabischen Liga erfasst hat, bislang nicht auf den Libanon überschwappte, ist deutlich zu spüren.

Zwar gibt es auch in Beirut jedes Wochenende Demonstrationen. Junge Leute fordern ein Ende des Konfessionsproporzes. „Wir müssen sie ermutigen und über sie berichten“, sagt Nayla Tueni. Im Frühjahr 2005, als ihre Generation mit der Besetzung des Märtyrerplatzes zum demokratischen Vorbild für die arabische Welt wurde, klang das noch euphorischer. Kein Wunder: Das brutale Vorgehen des syrischen Machthabers Baschar al Assad, der die Opposition niedermetzeln lässt, wirkt auch auf den Libanon ein. Die Spannungen zwischen „prosyrischen und antisyrischen Kräften“ in ihrem Land seien „wieder stärker geworden“, sagt Nayla Tueni mit Blick auf die letzten Tage. „Deshalb kämpfen wir weiter, wofür schon mein Vater gekämpft hat: für einen Libanon ohne Waffen.“

Eher pessimistisch warnt sie die arabischen Aufständischen in einem Leitartikel denn auch vor „der Enteignung ihrer Revolution“ durch fremde Mächte, die ihr Land zu einem „Schlachtfeld“ machen wollten. „Der Geist ausländischer Intervention und Vormundschaft“, schreibt Nayla Tueni, „schwebt schon wieder über unseren Köpfen.“

Weitere Themen

Drohnenflug

Archipel Jugoslawien : Drohnenflug

Ein verwirrter Engel und wie man das eigene Martyrium in der Kunst liebt: Der literarische Essay eines bosnischen Lyrikers über dreißig Jahre.

Topmeldungen

Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.