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Libanesischer Christenführer : „Die Nato muss in Syrien intervenieren wie in Libyen“

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Auf der Flucht: eine syrische Familie in Aleppo Bild: dapd

Der Bürgerkrieg in Syrien greift auf den benachbarten Libanon über. Anhänger und Gegner Assads kämpfen dort seit Tagen. Der christliche Politiker und ehemalige Milizenführer Samir Geagea fordert die Nato-Staaten dazu auf, in Syrien einzugreifen.

          Samir Geagea ist Vorsitzender der christlichen Forces Libanaises im Libanon. Während des Bürgerkriegs stand er an der Spitze der Miliz, die er nach Ende der Kämpfe 1990 zur Partei umformte. Wegen Mordes und anderer Vergehen wurde er 1994 zu viermal lebenslanger Haft verurteilt – und kam erst 2005 nach Erlassung eines Amnestiegesetzes frei.

          Herr Geagea, die Ereignisse sind erschreckend: Entführungen, Straßenblockaden, Tote in Tripoli. Steht der Libanon vor einem neuen Bürgerkrieg?

          Das glaube ich nicht. Das syrische Regime versucht zwar, den Konflikt in den Libanon hineinzutragen, um ein wenig Druck von Syrien zu nehmen. Auch wenn sie von Tag zu Tag weniger werden, hat Assad hier noch viele Freunde, der wichtigste darunter ist die Hizbullah. Deshalb erstaunt es mich nicht, wenn es von Zeit zu Zeit Sicherheitsprobleme gibt, doch diese werden wir lösen.

          Sie waren im Juli Ziel eines Attentats. Wer steckt dahinter?

          Es ist nicht schwer zu analysieren, wer dahinter steckt, wenn man sieht, wie viele Anschläge es seit der Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Rafiq Hariri 2005 gegeben hat. Wie die Ermittlungen laufen, stimmt mich skeptisch: In allem, was die Hizbullah oder Syrien betrifft, ist der Staat paralysiert. Deshalb rechne ich auch nicht damit, dass diese Ermittlungen zu etwas führen werden.

          Steht der Angriff auf sie im Zusammenhang mit den Morden auf antisyrische Politiker und Publizisten zwischen 2005 und 2007?

          Selbstverständlich. Es handelt sich lediglich um eine weitere Episode einer langen Serie. Der Beweis dafür ist, dass es nur kurze Zeit später einen weiteren Anschlag auf einen Politiker der „14.-März“-Bewegung gab, Butros Harb. Alle Attentate, ob erfolgreich oder gescheitert, richteten sich gegen Führer des „14.-März“. Das ist kein Zufall.

          Samir Dschadscha: „Wenn das Assad-Regime fällt, was ich eher für eine Frage von Monaten als von Wochen halte, wird Libanon ein Problem weniger haben.“

          Das syrische Regime wirft ihnen und anderen antisyrischen Politikern wie dem früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri vor, die syrische Opposition zu bewaffnen.

          Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage. Außerdem sind sie belanglos, weil Syrien aufgehört hat, ein Staat zu sein. Weder die Arabische Liga noch die Mehrheit der syrischen Bevölkerung erkennen das Regime noch an. Was noch da ist, sind eine lose Ansammlung militärischer Strukturen. Um Strafbefehle auszustellen, reicht das nicht aus.

          Was wird aus der Hizbullah, wenn das Assad-Regime zusammenbricht?

          Wenn das Assad-Regime fällt, was ich eher für eine Frage von Monaten als von Wochen halte, wird Libanon ein Problem weniger haben. Die Hizbullah würde geschwächt sein, aber nicht erledigt.

          Was hätte der Libanon davon?

          Wir würden größere Chancen haben, endlich einen echten Staat aufzubauen. Was uns bislang daran hinderte, waren das syrische Regime und die Hizbullah. Wenn nur noch die Hizbullah als Hindernis bliebe, würde eine ganz neue politische Szenerie entstehen.

          Kann der Besuch Papst Benedikt XVI. Mitte September dem Libanon helfen?

          Der Papst kommt zu einer Zeit, wo der Nahe Osten an einem widersprüchlichen Wendepunkt steht. Für den Papst ist es moralisch und psychologisch wichtig, den Christen zu zeigen, dass er in diesem historischen Moment für sie da ist. Er gibt ihnen Sicherheit. Außerdem war die Rolle des Vatikans immer eine, die über die Politik hinaus in die andere Dimension wies, und daran erinnerte, dass Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und Hindus viel mehr verbindet als sie trennt. Deshalb ist der Besuch des Papstes ein Erfolg.

          In Syrien unterstützen viele Christen Assad, weil sie Angst haben vor einer islamistischen Nachfolgeregierung.

          Nicht viele Christen denken so – die Geistlichkeit ja, aber die meisten einfachen Gläubigen nicht. Im Herzen sind sie mit der Revolution, weil sie ebenso unter dem Regime leiden wie alle anderen Syrer. Wie alle Menschen wollen sie ihre Freiheiten wahrnehmen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob nach einem Sturz Assads wirklich die Muslimbrüder oder andere islamistische Gruppen die Macht übernehmen werden. Die meisten Sunniten in Syrien sind eher moderat.

          Die Sorge, dass islamistische Extremisten den Minderheiten das Leben zur Hölle machen, teilen sie also nicht.

          Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Die Extremisten sind in Syrien in der Minderheit. Die Forderungen der Revolutionäre lauten Freiheit und Demokratie. Ich glaube nicht, dass sie später ihre Meinung ändern und sagen, wir wollen einen Staat nur für Muslime, lasst uns die Christen töten. Die wichtigste Kraft auf dem Boden ist die Freie Syrische Armee, die ist laizistisch, moderat und mehrheitlich sunnitisch.

          Sollte die Nato auf Seiten der Freien Syrische Armee militärisch in den Konflikt eingreifen?

          Der Syrische Nationalrat fordert das, die Arabische Liga ebenfalls. Aus rein humanitären Gründen, angesichts von mehr als 100, 150 Toten am Tag, sollte die Nato intervenieren wie in Libyen. Wenn man alle geostrategischen Erwägungen bei Seite lässt, liegt das doch auf der Hand. Was fehlt, ist das Interesse, weil es kein gut definiertes politisches oder strategisches Ziel gibt.

          Fehlt dieses Interesse vielleicht auch, weil viele im Westen den Arabischen Frühling inzwischen für einen Arabischen Winter halten?

          Ich halte die Umbrüche in der arabischen Welt für einen Arabischen Frühling, solange mir nicht jemand das Gegenteil beweist. Schauen Sie nach Libyen, schauen Sie nach Tunesien, schauen Sie auf die langen Schlangen bei den Wahlen in Ägypten. Das ist ein Riesenschritt nach vorn, trotz aller Mängel. Man muss der Geschichte die Möglichkeit lassen, sich zu entwickeln. Auch die französische und die amerikanische Revolution haben erst nach vielen Jahren mit Tausenden Toten gesiegt. Das Ausmaß an Freiheit, dass Individuen und Gesellschaften jetzt genießen können, die Chancen, die sich ihnen bieten, das ist etwas völlig Neues. Von einem Arabischen Winter kann keine Rede sein – der Arabische Frühling hat gerade erst begonnen.

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