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Lettland wird Hundert : Ein europäischer Musterschüler

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Stadtansicht der lettischen Hauptstadt Riga. Bild: dpa

Die Republik Lettland gelangt ins zweite Jahrhundert ihres Bestehens. In einem Gastbeitrag resümieren zwei lettische Politikerinnen die bewegte Entwicklung ihres Landes hin zu einem unangefochten pro-europäischen Staat.

          Wir leben im 101. Jahr seit der Staatsgründung Lettlands. Die Republik Lettland wurde zeitgleich mit Finnland, Estland und Litauen in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Veränderungen geboren, die es der politisch gereiften Nation ermöglichten, am 18. November 1918 einen eigenen, unabhängigen Staat zu proklamieren und am 21. Januar 1921 schließlich auch die völkerrechtliche Anerkennung der alliierten Mächte für die neugegründete Republik zu erwerben.

          In den 20 Jahren nach seiner Staatsgründung wies Lettland ein wahrlich imposantes Wirtschaftswachstum auf, welches es dem Land heute wohl erlauben würde, sich zusammen mit Finnland in die Gruppe der glücklichsten Länder der Welt einzureihen, hätte unsere Geschichte in den Kriegsjahren nicht eine dramatisch andere Wendung genommen als die unserer nordischen Freunde und Nachbarn. Als die Republik Lettland 1991 ihre Unabhängigkeit wiederherstellte, begann für das Land und seine von der Okkupationsmacht als Geiseln gehaltenen Bürger ein steiniger, langer Weg zur Wiedererrichtung der in der Besatzungszeit zerrütteten Staatsfesten.

          Als Nordeuropäer wissen wir, dass uns Schwierigkeiten läutern und der einzige Weg zu ihrer Überwindung harte Arbeit ist und keine hochtrabenden Reden sind. In den Jahren der Erneuerung unseres Staatswesens haben wir mehrere Krisen durchlebt: die Bankenkrise von 1995, die Russlandkrise 1998 und die globale Wirtschaftskrise 2008, welche Lettland besonders hart traf.

          Jede Krise eröffnete unserem Land jedoch auch neue Möglichkeiten, die wir stets bemüht waren zu nutzen. Beispielsweise, indem die lettischen Exporte von Russland und den GUS-Staaten auf den europäischen Wirtschaftsmarkt umorientiert wurden – 2018 gingen 71,3 Prozent der Exporte in die EU. Das ermöglichte natürlich nur eine zielstrebige Modernisierung, Digitalisierung und Spezialisierung der Wirtschaft. Der Druck, neue Märkte zu finden, zwang die lettische Wirtschaft dazu, ihr Angebot an Waren und Dienstleistungen zu diversifizieren, um unter grundlegend veränderten Wettbewerbsbedingungen bestehen zu können.

          Unsere Wirtschaft profitierte von dem offenen Binnenmarkt, doch unser Arbeitsmarkt musste Verluste hinnehmen. Wie fast alle nach 2004 beigetretenen EU-Mitgliedstaaten war auch Lettland von einer verstärkten Arbeitsmigration betroffen. 2018 war das Migrationssaldo in Lettland zum ersten mal neutral. Der stabile Wirtschaftswachstum und die Prioritäten der neuen Regierung lassen hoffen, dass wir in den nächsten Jahren eine positive Bilanz schreiben werden.

          Dr. Inese Lībiņa-Egner, Stellvertretende Parlamentspräsidentin von der Partei „Jaunā Vienotība” (Mitglied der EVP-Parteienfamilie – Konservative/Christdemokraten Europas)

          Doch sogar auch in dieser Herausforderung sehen wir eine Chance: Die Rückkehrer sind meistens junge Menschen mit hohem Bildungsniveau, die mit ihrer interationalen Erfahrung und den Sprachkenntnissen auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind oder eine Unternehmensgründung in Lettland anstreben.

          Parallel zu den wirtschaftlichen Herausforderungen hat es Lettland vermocht, auch auf die gestiegene Sicherheitsbedrohung in der Region zu reagieren. Die russische Aggression in der Ukraine und in den anderen Nachbarstaaten rief schlechte Erinnerungen in uns wach an die Unterdrückungsmaßnahmen der eigene Okkupationszeit. Von denen blieb fast keine lettische Familie verschont. Die neuen Realitäten haben Lettland dazu bewogen, seinen Verteidigungshaushalt auf das Nato-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufzustocken, um seine Berufsarmee, die Ausrüstung und die Infrastruktur zu modernisieren. Diese Maßnahmen haben auch zur Festigung unserer transatlantischen Bande und die stärkere Einbindung des Landes in die Nato-Verteidigungsstrukturen beigetragen. Lettland arbeitet auch intensiv daran, die Widerstandsfähigkeit seines Cyber- und Informationsraums zu stärken.

          Im vergangenen Jahr beging Lettland sein hundertstes Staatsjubiläum und wählte zugleich sein 13. Parlament. In der neuen Legislatur sind zahlreiche neue, ambitionierte und proeuropäische Politiker vertreten, die ungeduldig auf Veränderungen drängen, um das Land schneller für die Zukunft bereit zu machen. Ebenso sind wir stolz auf eines der höchsten Frauenanteile im Parlament europaweit (30 Prozent) sowie die gute Vertretung verschiedener Altersgruppen und ethnischen Minderheiten in der Saeima – unserem Parlament.

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