https://www.faz.net/-gpf-8zf24

Chef des World Food Programme : „Es kostet uns 50 Cent am Tag, einen Syrer in Syrien zu ernähren“

Wie viel Geld benötigten Sie für die Hilfe?

Bis Ende des Jahres brauchen wir für die Hilfe in den vier Staaten eine Milliarde Euro, bisher haben wir 30 Prozent der benötigten Gelder erhalten. Anders sieht es bei den Geldern für Syrien und die umgebenden Staaten aus, von denen die Migration nach Europa ausging. Hier steht die Finanzierung mindestens bis zum Herbst dieses Jahres, und die ist zugleich extrem effizient: Es kostet uns 50 Cent am Tag, einen Syrer in Syrien zu ernähren. In Deutschland kostet die gesamte Versorgung eines Flüchtlings 50 Euro pro Tag. Deutschland ist mittlerweile nach Amerika unser wichtigster Geber.

Amerika dagegen will seine Mittel für humanitäre Hilfe reduzieren.

Nach der Wahl hieß es, die Vereinigten Staaten wollten unter Trump die Zahlungen für humanitäre Hilfe für die Vereinten Nationen stark kürzen. Einer der Gründe, warum ich die Position als WFP-Direktor vor drei Monaten übernahm, war, das zu verhindern. Und ich glaube, wir bekommen das hin.

Wie?

Indem wir deutlich machen: Es liegt im zentralen Sicherheitsinteresse Amerikas, humanitäre Hilfe in diesen Krisen zu finanzieren – im Kampf gegen Extremismus und Terror.

In vier Staaten droht derzeit eine Hungersnot, so zum Beispiel auch in Nigeria.

In Somalia musste das WFP kürzlich die Rationen verringern, weil das erhoffte Notbudget nicht zusammenkam. Drohen auch andere Gebernationen, sich zurückzuziehen?

Die Geberstaaten haben genug von den Konflikten wie in Südsudan, die von Menschen verursacht wurden. Die Situation dort ist eine Schande. Die Geber haben es satt, wegen großer Misswirtschaft Unterstützung für Unschuldige leisten zu müssen. Zudem gibt es bisweilen Konfliktparteien, die profitieren von der Hilfe. Das ist eine paradoxe Situation. Aber wir müssen die Unschuldigen versorgen. Ich sage den Geberstaaten immer, sie sollten alle Kraft darauf verwenden, die Konflikte zu beenden, dann müssen wir weniger Menschen versorgen.

Somalia wird bereits zum dritten Mal innerhalb von 25 Jahren von einer Hungersnot heimgesucht. Dort fielen ebenso wie in Äthiopien seit drei Jahren die Regenzeiten kümmerlich oder ganz aus. Wird derlei künftig die Regel sein?

Das ist ein riesiges Problem. In Somalia ernähren wir 2,4 Millionen Menschen unter sehr schwierigen Bedingungen. Schon vor fünf Jahren gab es dort als Folge einer Dürre eine Hungersnot, 260000 Menschen starben.

Der Klimawandel wird von den wohlhabenden Industriestaaten verursacht, aber die ärmsten Länder spüren am stärksten die Folgen. Das Pariser Abkommen sieht vor, dass Industriestaaten Entwicklungsländer unterstützen, die Folgen des Klimawandels abzufedern. Verschärft der Ausstieg Amerikas nun die Probleme?

Unterschätzen Sie die Vereinigten Staaten nicht. Selbst wenn sich der Präsident entschlossen hat, aus dem Abkommen auszusteigen, heißt das nicht, dass es nicht einen verstärkten Einsatz von Wirtschaft und Gesellschaft für den Umweltschutz geben kann. Aber das zu bewerten ist nicht meine Aufgabe. Ich muss dafür sorgen, eine zusätzliche Milliarde zusammenzubekommen, damit nicht binnen weniger Wochen 600000 Kinder sterben.

David Beasley

Der frühere Gouverneur von South Carolina David Beasley hatte im Wahlkampf Donald Trump unterstützt. Im April wurde er zum Leiter des World Food Programme (WFP) ernannt. Es sind schwierige Zeiten für die UN-Hilfsorganisationen. Obwohl mehr Menschen denn je auf die Hilfe des WFP angewiesen sind, hat Amerika als der mit Abstand größte Geldgeber drastische Kürzungen angekündigt. Zuvor hatte Beasleys Vorgängerin der Regierung Trump daraufhin vorgeworfen, Menschen verhungern lassen zu wollen.

Weitere Themen

Videokonferenz mit der Queen Video-Seite öffnen

„Nice to meet you“ : Videokonferenz mit der Queen

Königin Elizabeth hat sich per Videoschalte mit Angehörigen der britischen Streitkräfte im Ausland unterhalten. Auch das Königshaus nutzt in Coronazeiten zunehmend Videoschalten, um Termine wahrnehmen zu können.

Topmeldungen

Kann sich auch mal leisten, wer nicht als „reich“ gilt: Dinner in Amsterdam.

Vermögensverteilung : Die Neuvermessung der Reichen

Wer die Lücke zwischen Arm und Reich verringern möchte, muss am unteren Ende ansetzen und den Aufbau von Vermögen unterstützen. Viel zu viele Deutsche haben keinerlei Ersparnisse. Das ist ein Armutszeugnis.

Sondergipfel zu Corona-Hilfen : Verhindert Rutte die EU-Aufbaufonds?

Ende dieser Woche sollen sich die EU-Chefs auf den 750-Milliarden-Corona-Aufbaufonds einigen. Erfolg oder Misserfolg könnte von einem einzigen Mann abhängen: dem niederländischen Premier Mark Rutte.
Lauthals gegen Biden: Trump bei der Pressekonferenz im Rosengarten.

Trumps Ersatz-Wahlkampf : Noch konfuser als sonst

Wegen Corona kann Donald Trump keine Kundgebungen abhalten. Ersatzweise lädt er Journalisten ins Weiße Haus. Der Vorwand? Die neue China-Politik. Das tatsächliche Thema? Joe Biden. Denn der wolle alle Fenster abschaffen!
Sturmumtost: das Gebäude der „New York Times“ in New York

„New York Times“ in der Kritik : Ein Forum für alle?

Von Kollegen gemobbt, von Twitter bevormundet: Meinungsredakteurin Bari Weiss verlässt die „New York Times“ – und erklärt in einem gepfefferten Kündigungsbrief, warum sie dort nicht mehr arbeiten möchte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.