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Bedrohter Lehrer : „Viele Kinder werden zum Hass auf Frankreich erzogen“

Blumen und ein Poster mit der Aufschrift „Ich bin Samuel“ vor der Schule des am 17. Oktober 2020 von einem Islamisten ermordeten Lehrers Bild: AP

Ein Philosophielehrer in Frankreich hatte nach der Ermordnung Samuel Patys zum Widerstand gegen Islamismus aufgerufen, seither wird er selbst mit dem Tod bedroht. Dennoch weigert Didier Lemaire sich, die Schule zu wechseln.

          3 Min.

          Radikale Islamisten bedrohen in Frankreich von neuem einen Lehrer. Jetzt ist der Pädagoge an die Öffentlichkeit gegangen. „Ich will nicht unter ständiger Angst leben“, sagte der Philosophielehrer Didier Lemaire am Sonntag im Nachrichtensender LCI. Er erhalte Morddrohungen und werde auf der Straße angefeindet, weil er nach der Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty am 16. Oktober in einem Meinungsbeitrag zum „Widerstand gegen die islamistische Gefahr“ aufgerufen habe. In einer Zuschrift drohte man ihm, er werde als „zweiter Samuel Paty“ enden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der islamistische Terroranschlag auf den Geschichtslehrer in Conflans-Sainte-Honorine hatte Frankreich erschüttert. Derzeit berät die Nationalversammlung über einen Gesetzentwurf zur „Stärkung der republikanischen Prinzipien“. Präsident Emmanuel Macron will das Gesetz als Kampfansage an den „islamistischen Separatismus“ verstanden wissen, der sich in etlichen vernachlässigten Vorstädten entwickelt hat.

          Unlösbare Loyalitätskonflikte

          „Wir haben nicht mehr viel Zeit, bevor die Situation eskaliert. Viele Kinder werden zum Hass auf Frankreich erzogen“, schrieb Lemaire, der seit 20 Jahren an einer weiterführenden Schule in Trappes nordwestlich von Paris unterrichtet. In der Vorstadt leben 30.000 Menschen aus 70 Herkunftsländern. Im Nachrichtensender BFM-TV beschrieb der Lehrer am Sonntagabend die beschleunigte Islamisierung in Trappes. „Es gibt keine gemischten Friseursalons mehr. In den Cafés werden keine Frauen geduldet. Schon kleine Mädchen werden vollverschleiert auf die Straße geschickt“, sagte er. Auch an seiner Oberschule nehme der Druck der Islamisten zu. Für die meisten Jugendlichen führe das zu schier unlösbaren Loyalitätskonflikten. In dem Beitrag für das Nachrichtenmagazin „L’Obs“ nach der Ermordung Patys hatte er gefordert, die Schüler besser vor dem ideologischen und sozialen Druck der Islamisten zu schützen.

          Seit Anfang November eskortieren zwei Polizisten den Lehrer jeden Morgen zum Schulgebäude. Auch den Heimweg kann der Pädagoge nur noch unter polizeilichem Geleit antreten. Die Schulleitung unterstützt ihn, aber im zuständigen Rektorat hat man ihm nahegelegt, die Schule zu wechseln und für eine Weile unterzutauchen. Doch Lemaire lehnt sich dagegen auf, sich den Islamisten zu beugen. Das Angebot seiner Versetzung hat er bislang ausgeschlagen. „Das kann nicht die Lösung sein“, sagte Lemaire. Er sehe es als Verrat an seinen Schülern an, wenn er die Schule wechsele, an der er seit 20 Jahren unterrichte.

          „Für mich hat alles im Oktober 2000 angefangen, als die Synagoge in Trappes in Brand gesetzt wurde“, sagte er. Seither hätten die jüdischen Bewohner die Stadt nach und nach verlassen. Die antisemitischen Sprüche an den Fassaden seien verschwunden. „Es gibt keine Juden mehr in Trappes“, sagte Lemaire. Jetzt seien es die gemäßigten Muslime und die Nicht-Gläubigen, die wegziehen würden. Die radikalen Islamisten seien dabei, ihren „Säuberungsprozess“ zu Ende zu führen. „Das ist erschreckend“, äußerte der Lehrer, der Philosophie in der Oberstufe unterrichtet, „In Trappes hat die Republik schon verloren.“

          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hält am 20. Oktober 2020 eine Rede in einem Vorort von Paris zum Gedenken an den ermordeten Lehrer Samuel Paty.
          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hält am 20. Oktober 2020 eine Rede in einem Vorort von Paris zum Gedenken an den ermordeten Lehrer Samuel Paty. : Bild: dpa

          In dem preisgekrönten Buch „La communauté“ („Die Gemeinschaft“) haben die Autorinnen Ariane Chemin und Raphaelle Bacqué die Islamisierung der Kommune nachgezeichnet. Lemaire zählt zu den Zeugen, die im Buch zu Wort kommen. Auch die Polizeistatistik dokumentiert die Missstände. 400 islamistische Gefährder wohnen demnach in Trappes, die Dunkelziffer soll noch höher sein. 66 Jugendliche brachen von dort nach Syrien auf, um sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ anzuschließen, so viele wie aus keiner anderen Kommune in Frankreich.

          Offener Brief an Macron

          2013 stand der Ort in den Schlagzeilen, weil es zu schweren Ausschreitungen kam, nachdem Polizisten eine Frau mit einem Ganzkörperschleier kontrolliert hatten. In Frankreich gilt seit 2010 ein Burka-Verbot im öffentlichen Raum. Der Bürgermeister, Ali Rabeh, soll die Islamisten unterstützen; seine Wahl wurde gerade wegen Unregelmäßigkeiten für ungültig erklärt.

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          Schon 2018 hatte der Philosophielehrer Lemaire einen offenen Brief an Präsident Macron geschrieben. Zusammen mit dem früheren Generalinspektor des französischen Schulwesens, Jean-Pierre Obin, rief er dazu auf, die Zustände nicht länger zu leugnen und die Jugend nicht den islamistischen Netzwerken auszuliefern. „Warum zerschlägt der Staat diese Netzwerke nicht? Warum gibt unsere Republik diese Kinder auf?“, heißt es in dem Brief. Es drohe ein Bürgerkrieg, denn viele der jungen Leute würden demokratische Werte inzwischen total zurückweisen und eine scharfe Trennlinie zwischen den „wahren Muslimen“ und Ungläubigen sowie „schlechten Muslimen“ ziehen.

          Der Mitunterzeichner Obin ist in Frankreich bekannt, weil er in einem Bericht im Jahr 2004 vor den „Gegengesellschaften“ gewarnt hat, die sich in sozial vernachlässigten Banlieue-Siedlungen mit hohem Einwandereranteil entwickelten. Der Bericht des Generalinspektors wurde damals unter den Teppich gekehrt, weil die Warnungen vor dem Siegeszug des Islamismus in den Klassenzimmern kurz nach dem Wahlerfolg des rechtextremen Präsidentschaftskandidaten Jean-Marie Le Pen als zu brisant galten.

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