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Lateinamerikas offene Wunden : Ein Halbkontinent in der Dauerkrise

Demonstranten protestieren im August des vergangenen Jahres in Brasilia mit einer riesigen brasilianischen Flagge gegen die Korruption in ihrem Land. Bild: dpa

Von der Aufbruchstimmung nach 1990 ist in Lateinamerika kaum noch etwas übrig. 43 der 50 gefährlichsten Städte der Welt liegen heute dort, die Korruption blüht. Was läuft schief? Ein Kommentar.

          3 Min.

          Wo ist das Land in Lateinamerika, in dem die Korruption nicht blüht? Wo der Staat zwischen Rio Grande und Feuerland, der seinen Bürgern innere Sicherheit und Schutz vor Verbrechen gewährleistet? Wo ist die Nation, deren politische Führer das Vertrauen der Wähler nicht fortgesetzt enttäuschen? Vor fast drei Jahrzehnten erreichte der Siegeszug der Demokratie auch Mittel- und Südamerika. Diktatoren in Militäruniform mussten abdanken, die meisten Bürgerkriege endeten. So wie die Länder Mittel- und Osteuropas auf einer Welle der Hoffnung durch die ersten Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges getragen wurden, so machte sich auch in Lateinamerika nach 1990 epochale Aufbruchstimmung breit.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Davon ist heute kaum mehr etwas übrig geblieben. Jüngste Umfragen in den Ländern der Region zeigen ein erschreckendes Maß an Enttäuschung über die Demokratie als Regierungsform, über den Zustand des Rechtsstaats und über die Fortschritte beim Kampf gegen die Korruption und das (organisierte) Verbrechen. Gewiss, es gibt in Lateinamerika keine zwischenstaatlichen Kriege. Aber von innerem Frieden und nachhaltigem Fortschritt kann ebenso wenig die Rede sein. Lateinamerika ist ein Halbkontinent in der Dauerkrise.

          Brasilien und Mexiko, die bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Länder der Region, zeigen die Symptome vielleicht am deutlichsten. Der frühere brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei wurde wegen Korruption zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, im kommenden Jahr will er sich dennoch abermals um das höchste Staatsamt bewerben. Auch gegen den derzeitigen konservativen Präsidenten Michel Temer wird wegen Korruptionsverdachts ermittelt. Dass der Kongress in Brasília seine Immunität aufhebt, muss Temer kaum befürchten, denn auch gegen gut die Hälfte der Parlamentarier ermitteln die Strafverfolger.

          Brasilien kämpft gegen die Rezession

          Der brasilianische Bauriese Odebrecht hat sich in zahlreichen Ländern der Region mit Bestechungsgeldern an Präsidenten und Minister milliardenschwere Staatsaufträge ergaunert. Nun versucht die selbsternannte Führungsmacht Lateinamerikas und des globalen Südens, die Folgen der schwersten Rezession seit Jahrzehnten abzuschütteln und ihren ramponierten Ruf zu reparieren.

          In Mexiko ist vor fünf Jahren mit Präsident Enrique Peña Nieto die nepotistische „Staatspartei“ PRI an die Macht zurückgekehrt. Nennenswerte Fortschritte im Krieg gegen das mächtige organisierte Verbrechen haben weder er noch seine beiden konservativen Amtsvorgänger Vicente Fox und Felipe Calderón erreicht. Mit ihrer unaussprechlichen Brutalität haben die Drogenkartelle die Sicherheitskräfte angesteckt und die gesamte Gesellschaft verseucht. Jedes Jahr werden Zehntausende umgebracht oder verschwinden. In Mexiko sterben mehr Journalisten eines gewaltsamen Todes als in Kriegsstaaten wie Afghanistan oder dem Irak.

          Aus den zentralamerikanischen Krisenstaaten Guatemala, Honduras und El Salvador versucht eine ganze Generation junger Menschen vor Bandenkriminalität, Armut und Hoffnungslosigkeit in die Vereinigten Staaten zu entkommen. Von den 50 gefährlichsten Städten der Welt befinden sich 43 in Lateinamerika – Brasilien, Mexiko und Venezuela sind die traurigen Spitzenreiter. Die überfüllten Gefängnisse in den Ländern der Region sind Brutstätten der Gewalt mit überwiegend dunkelhäutiger Population. Nur weiße Wirtschaftskriminelle finden aus ihren Einzelzellen den Weg zurück in die feine Gesellschaft, oft genug vorzeitig.

          Drei Ausnahmen bestätigen die Regel

          Verhallt ist auch das Triumphgeheul des linken Kreuzzugs gegen die grassierende Armut und die empörende soziale Ungerechtigkeit in Lateinamerika. Mit ihrer Umverteilungspolitik entfachten die inzwischen abgewählten sozialistischen Herrscher von Argentinien über Brasilien bis Peru auf der „roten Welle“ nach der Jahrtausendwende ein konjunkturelles Strohfeuer, das nur bis zur nächsten Rezession wärmte.

          In Venezuela haben Revolutionsführer Hugo Chávez und dessen Nachfolger Nicolás Maduro das Kunststück fertiggebracht, das einst reichste Land Südamerikas in weniger als zwei Jahrzehnten in ein Armenhaus mit der weltweit tiefsten Rezession und höchsten Inflation zu verwandeln. An der globalisierten Weltwirtschaft nimmt das Gros der Länder Lateinamerikas allenfalls als Lieferant von Rohstoffen und Agrarprodukten teil.

          Natürlich ist das kein vollständiges Bild des heutigen Lateinamerika. In Costa Rica, Uruguay und auch in Chile gibt es demokratische Rechtsstaaten und entwickelte Volkswirtschaften mit politischen Führern, die diesen Namen verdienen. Die drei Musterstaaten zählen zusammen weniger als ein Zwanzigstel der rund 640 Millionen Einwohner Lateinamerikas.

          Die große Mehrheit aber lebt in Verhältnissen, in welchen sie ihr schöpferisches Potential nicht in Sicherheit entfalten können und fortgesetzt um ihre Grundrechte kämpfen müssen. In diesem Kampf um Recht und Würde werden sie von den Führungseliten ihrer Länder öfter behindert als unterstützt.

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