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Aufruhr in Lateinamerika : Normalität ist das Problem

Demonstranten am Mittwoch in Chiles Hauptstadt Santiago Bild: AFP

Lateinamerika ist in Aufruhr. Die konkreten Anlässe variieren. Aber eines haben die Länder gemeinsam. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist sehr groß.

          3 Min.

          Als die Fahrpreise für den öffentlichen Verkehr anstiegen, gingen die Studenten auf die Straße. Und als die Polizei die Proteste niederschlagen wollte, wurden sie größer und größer. Bis es Millionen waren, die demonstrierten – nicht gegen die höheren Fahrpreise, sondern gegen alles, was in ihren Augen schon längst besser sein sollte. Das war vor sechs Jahren in Brasilien. Doch es könnte genauso gut heute sein in Chile – oder morgen in Peru oder in einem anderen Land Lateinamerikas.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Region ist in Aufruhr. Gleich in mehreren Ländern kam und kommt es zu heftigen Protesten, Vandalismus, Plünderungen und Toten. Was ist los mit Lateinamerika? Die Proteste in der Region lassen sich nicht in einen Topf werfen. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Länder wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Während die Demonstranten in Chile einen sozial gerechteren Staat fordern, kämpfen die Bolivianer gegen eine Regierung, die sich um jeden Preis an der Macht halten will. In Venezuela ist die Diktatur bereits installiert, doch der Kampf der Opposition geht weiter. In Ecuador hatte kürzlich eine Benzinpreiserhöhung Proteste ausgelöst. Und in Honduras richtet sich die Wut gegen einen Präsidenten, der Drogengelder kassiert haben soll.

          Und doch haben die Länder Lateinamerikas einiges gemeinsam, das zum wachsenden Unmut beiträgt. Am augenfälligsten ist die weit geöffnete Schere zwischen Arm und Reich. Selbst im so stabil geltenden Chile sind diese Gräben nun allen bewusst geworden: Auf der einen Seite diejenigen, die sich alles leisten können, auf der anderen jene, denen der soziale Aufstieg verwehrt bleibt und die stets mit dem Risiko leben, wieder arm zu werden oder es zu bleiben. Wer arme Eltern hat, bleibt höchstwahrscheinlich arm, denn er wird nicht die guten Privatschulen besuchen und muss schon in jungen Jahren Geld verdienen, um die Familie durchzubringen. Gesellschaftlich zeigen sich nicht nur ökonomische Unterschiede, sondern auch kulturelle.

          Ein Teil Lateinamerikas lebt hinter hohen Mauern in einer eigenen Welt, die kaum Berührungspunkte mit der Realität der nichtprivilegierten Bevölkerung hat. Das gilt für den ganzen Kontinent. Und es ist normal. Doch genau das ist das Problem. „Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität ist das Problem“, wurde neulich in Chile auf ein Hochhaus projiziert.

          Dabei ist die Armut in Lateinamerika gerade im vergangenen Jahrzehnt markant gesunken – selbst im wirtschaftsliberal regierten Chile. In anderen Ländern nutzten Regierungen, die sich sozialistisch nannten, die durch den Rohstoffboom prall gefüllten Staatskassen, um Umverteilungsprogramme anzustoßen. Sie schufen unzählige neue Konsumenten, die sich plötzlich allerlei Dinge leisten konnten. Und sie schufen sich zugleich eine treue Klientel für die nächsten Wahlen. Was sie hingegen nicht schufen, war die „neue Mittelschicht“, als die die vermeintlichen Aufsteiger stets beschrieben wurden.

          Viele Lateinamerikaner haben heute zwar mehr Geld, doch ihre Kinder gehen immer noch an dieselben miserablen Schulen, die Warteschlagen vor den öffentlichen Krankenhäusern sind nicht kleiner geworden und die Arbeitswege mit überfüllten Bussen nicht kürzer. Weder die linke Umverteilungspolitik noch die liberale Konsolidierungspolitik haben daran etwas geändert und einen sozialen Ausgleich erreicht. Es gibt weiterhin keinerlei soziale Sicherheit in Lateinamerika. Und der Boom, der die Leute einige Zeit in einem Konsumrausch und bei Laune gehalten hat, ist vorbei.

          Brasilien erwachte 2013 aus seinem Traum, als sich das Land auf die Fußball-Weltmeisterschaft vorbereitete und beim Blick in den Spiegel plötzlich merkte, dass sich kaum etwas verändert hatte. Die Brasilianer wollten plötzlich keine neuen Stadien mehr, sondern Schulen und Krankenhäuser. Und sie wünschten sich Politiker, die sich nicht mehr selbst bereichern und auf den eigenen Machterhalt bedacht sind, sondern sich ernsthaft um das Land kümmern.

          In den Jahren darauf schrie Brasilien zuerst nach der Absetzung seiner Präsidentin, um wenig später die gesamte politische Klasse fallen zu lassen und einen radikalen Außenseiter zum Präsidenten zu wählen. Diese Unzufriedenheit mit der politischen Klasse – unabhängig vom politischen Lager des jeweiligen Amtsträgers – zeigt sich auch in Chile, in Bolivien, in Peru und anderswo.

          Anfällig für vermeintliche Heilsbringer

          Die politische Klasse allein für die Missstände und die Unzufriedenheit verantwortlich zu machen wäre jedoch zu einfach. Denn die Politik ist nicht mehr als ein Spiegel einer Gesellschaft, in der Misstrauen und Eigennutz vorherrschen und in der jeder bereit ist, die Regeln zu brechen, wenn es ihm nur etwas bringt. Dieses Verhalten zieht sich durch alle Schichten. Den Ländern Lateinamerikas fehlt der soziale Ausgleich, das ist unbestritten. Und es ist die Aufgabe der Politik, das zu ändern. Doch es fehlt noch mehr: Bürgersinn und Solidarität – der Glaube in den Staat und die Bereitschaft, sich für ihn und seine Mitbürger einzusetzen.

          Die Entfremdung von der Politik und vom Staat sowie die enttäuschten Hoffnungen haben nicht nur eine große Frustration aufgebaut, die sich nun entlädt. In den vergangenen zehn Jahren ist auch der Glaube in die Demokratie gesunken. Der alljährlichen Erhebung des Umfrageinstituts „Latinobarómetro“ zufolge fand 2018 weniger als die Hälfte der Lateinamerikaner, dass die Demokratie jeder anderen Staatsform vorzuziehen sei.

          Die Umfrage zeigt, wie fragil die vergleichsweise jungen Demokratien in Lateinamerika sind – und wie anfällig die Lateinamerikaner auf die Versprechungen von Heilsbringern von den politischen Rändern. Brasilien hat Jair Bolsonaro gewählt, der kürzlich gerade wieder die „Ordnung“ und das Wachstum unter der Militärdiktatur lobte. Lateinamerika ist nicht nur sozial gespalten, sondern auch politisch. Und es besteht die Gefahr, dass sich die Risse weiter vertiefen. Dabei hätte es mehr Mitte nötig.

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