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Laos : Wenn der Mekong stillsteht

Der Fluss als Grundlage des Lebens: Frau Khay sucht im Mekong nach Gold-Krümelchen Bild: Till Fähnders

Sechs Dämme will Laos am Mekong bauen. Vietnam und Thailand warnen vor Konflikten um den Zugang zum Wasser. Ein erstes Dorf musste schon vom Ufer der Lebensader Südostasiens weichen.

          7 Min.

          Geräuschlos fließt das braune Wasser des Mekongs vorbei, es kräuselt und glättet sich und schickt das fahle Morgenlicht in den Himmel zurück. Am Ufer ragen Hügel in die Wolken hinein, dicht mit Dschungel bewachsen. Der Mekong wird in Südostasien die „Mutter aller Flüsse“ genannt. Dabei ist es nicht der Strom, der seine Nebenarme gebiert. Sie sind es, die sich in ihn ergießen und ihn mächtig machen. Sie sorgen auch dafür, dass er nie aufhört zu fließen. So erzählt er von einem Kreislauf aus Ende und Neubeginn; oder, wie die laotischen Buddhisten vielleicht sagen würden, von ständiger Wiedergeburt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Dieser ewige Fluss der Dinge ist eine Gewissheit, mit der die Menschen an seinen Ufern seit Urzeiten rechnen. Doch im Namen des Fortschritts wird auch dieser mythische Strom in Laos immer weiter bedrängt. Die Bewohner in den Anrainerländern haben Angst, dass ihre lebenswichtige Ressource durch den Bau von immer mehr Staudämmen zerstört werden könnte. Der Mekong entspringt wie fast alle großen Ströme Asiens im Himalaja. Insgesamt 4800 Kilometer fließt er erst durch China, dann an den Grenzen zu Burma und Thailand entlang durch Laos und Kambodscha bis zum gewaltigen Delta in Vietnam, wo er ins Südchinesische Meer mündet.

          „Batterie Südostasiens“

          Er ist die Lebensader für 60 Millionen Menschen, ermöglicht Reisanbau und den reichhaltigsten Fang an Süßwasserfischen des gesamten Erdballs. Doch Laos, wo 26 Prozent der sechs Millionen Einwohner unter der Armutsgrenze leben, möchte gern die „Batterie Südostasiens“ werden. Elektrizität ist das wichtigste Exportgut. Aus diesem Grund plant das Land den Bau von sechs Wasserkraftwerken am Mekong. Doch Umweltschützer und Nachbarstaaten befürchten Folgen für die Ökologie und die Menschen am Fluss. Im Mekong kommen etwa 700 Fischarten vor, deren Wanderwege den Strom hinab durch die Dämme gestört werden. Der Sedimentgehalt im Wasser wird sich verändern und damit das Ökosystem insgesamt beeinträchtigt. Tausende Anwohner müssen umgesiedelt werden.

          Als Erstes soll der Xayaburi-Damm im Nordwesten des Landes entstehen. Die Reise zur Baustelle führt etwa 90 Kilometer von der alten Königsstadt Luang Prabang zunächst in südliche Richtung über eine staubige Piste, in die das Wasser während der Regenzeit Löcher gespült hat. Es geht vorbei an Plantagen mit Gummibäumen und Teakholz, an zerklüfteten Bergen und armen Dörfern, wo sich an den Wasserpumpen ältere Frauen den nackten Oberkörper waschen. Auf der Fähre, die am Anleger nahe der Kleinstadt Nan ablegt, fahren drei Elefanten auf der Ladefläche eines Lkw in die umgekehrte Richtung. Laos hieß früher „Land der eine Million Elefanten“, und bis heute setzen die Laoten sie als Arbeitstiere ein, etwa, um Baumstämme aus den Wäldern zu ziehen.

          Eine Schule in Ban Pak Noen. Das Dorf soll im Dezember umgesiedelt werden.
          Eine Schule in Ban Pak Noen. Das Dorf soll im Dezember umgesiedelt werden. : Bild: Till Faehnders

          Die Stille am Fluss wird jäh vom Knarzen des Motors unterbrochen, als der Kapitän das schmale Schnellboot über das Wasser peitschen lässt. Ein weißer Vogel fliegt auf. Die Reise soll helfen, die widersprüchlichen Aussagen zu klären, die zum Bau des Wasserkraftwerks gemacht wurden. „Laos stoppt Bau von Mekong-Staudamm“ hatte diese Zeitung im Juli gemeldet. Nach Protesten von seinen Nachbarn und Umweltschützern habe das Land den Bau des Xayaburi-Staudamms am Mekong ausgesetzt. Die Regierung habe entschieden, das Projekt zu verschieben, hatte der Außenminister Thongloun Sisoulith bei einem Asean-Treffen im kambodschanischen Phnom Penh mitgeteilt. Die Nachricht wurde mit Erleichterung aufgenommen. Zudem erlaubte die laotische Regierung erstmals Diplomaten, Geldgebern und Nichtregierungsorganisationen, sich vor Ort zu informieren.

          Vor Ort zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Denn trotz der Ankündigung, den Bau auszusetzen, wird fleißig weitergebaut. Die Anzeichen mehren sich, je länger das Schnellboot über den Mekong flitzt. Es geht an Strudeln und Stromschnellen vorbei, scharfe Steine liegen im Wasser verborgen oder ragen spitz heraus. Ab und zu ist ein Büffel, ein Fischernetz oder eines der langen laotischen Boote zu sehen, es müssen also irgendwo hinter dem grünen Uferband Menschen leben. Auf der rechten Seite kommt eine Straße in den Blick, die wohl vor einiger Zeit aus den Hügeln geschlagen wurde. Es folgen weitere Anzeichen erhöhter Aktivität, ein Steinbruch, eine Containersiedlung, Lastwagen, die Staubwolken hinter sich her ziehen.

          Eine Zunge aus Steinen und aufgeschütteter Erde ragt in den Fluss hinein, dahinter eröffnet sich der Blick auf die Baustelle: Der Uferhügel ist völlig freigelegt, in Schichten wird offenbar Erde abgetragen. Dutzende Lastwagen, Kipplader und Bagger sind im Einsatz. Baulärm dröhnt herüber. „Sie bauen gerade den Kofferdamm“, sagt der Bootsführer. Der Kofferdamm dient bei der Konstruktion einer Talsperre dazu, das Wasser umzuleiten, damit auf trockenem Grund der Bau der eigentlichen Staumauer beginnen kann. Es heißt, dass dieser vorläufige Damm bis zum kommenden Mai fertiggestellt sein soll. Die Tierschutzorganisation WWF verurteilte den „ersten direkten Eingriff in das Flussbett“ scharf.

          Internationaler Widerstand

          Auch auf internationaler Ebene regt sich weiterhin Widerstand gegen das Projekt. Kambodscha und Vietnam haben ihre Bedenken angemeldet, die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton soll das Thema bei ihrem ersten Laos-Besuch im Juli angesprochen haben. Die Kontroverse um den Xayaburi-Staudamm könnte nur der Vorgeschmack sein. Fachleute und Politiker wie der vietnamesische Präsident Truong Tan Sang fürchten, dass der Zugang zu Wasser in Südostasien zu transnationalen Konflikten führen könnte. Der britische Politologe Christopher Baker kommt in einem Aufsatz sogar zu dem Schluss, dass die Zukunft des Mekongs den Frieden und die Stabilität in Südostasien in zehn Jahren ähnlich gefährden könnte wie derzeit die Territorialstreitigkeiten im Südchinesischen Meer.

          Zum Mekong hinunter: Oberhalb des Dorfes werden neue Häuser für die Umsiedler des Xayaburi-Staudamms gebaut.
          Zum Mekong hinunter: Oberhalb des Dorfes werden neue Häuser für die Umsiedler des Xayaburi-Staudamms gebaut. : Bild: Till Faehnders

          In Kambodscha, Thailand und Vietnam haben die Bürger schon gegen den Xayaburi-Damm protestiert. Etwa 30 Anwohner und Aktivisten aus Thailand haben im August eine Klage eingereicht. Die Organisation „International Rivers“ fordert einen sofortigen Baustopp. Auch die regionale „Mekong-River-Commission“, die eine nachhaltige Entwicklung im Einzugsgebiet des Stroms sichern soll, hatte eine vorläufige Einstellung der Bauarbeiten empfohlen.

          Der Xayaburi ist das erste Vorhaben, das den Mitgliedern Thailand, Vietnam, Laos und Kambodscha zur „Konsultation“ und Prüfung vorgelegt worden war. Sie entschied, dass eine genauere Untersuchung der Folgen aller geplanten Mekong-Dämme inklusive des Xayaburi-Damms notwendig sei. Doch offensichtlich setzt sich Laos über diese Entscheidungen hinweg. Die Regierung verteidigt dieses Vorgehen damit, dass es sich bislang nur um vorbereitende Arbeiten handele und bislang keine „permanenten“ Bauten errichtet worden seien.

          Von diesen technischen Feinheiten verstehen die Anwohner, die in den Dörfern am Flusslauf leben, jedoch nichts. Am gegenüberliegenden Ufer der Baustelle ragt ein Haufen aus Erde und Steinen auf. Er ist übriggeblieben, nachdem das Wasser zum Ende der Regenzeit wieder auf Niedrigstand gesunken ist. Im flachen Wasser hocken etwa zwei Dutzend Gestalten und lassen hölzerne Schalen in der Strömung kreisen. Andere kratzen gerade mit Spachteln die Erde aus einem Loch. Sie sind Goldwäscher aus dem Dorf Ban Pak Noen, das an einer günstigen Stelle über ihnen am Berg liegt. Gegen die Mittagshitze schützen sie sich mit Hüten, Mützen und Tüchern auf dem Kopf. Ihr 260 Jahre altes Dorf solle im Dezember umgesiedelt werden, berichten die Goldwäscher.

          Insgesamt sollen für den Staudamm 2.100 Menschen ihre Häuser und Felder zurücklassen. Zusätzliche 200.000 Menschen werden die Folgen des Dammbaus auf andere Weise zu spüren bekommen. Sie verlieren ihr Land und ihre Gärten am Ufer des Flusses, den Zugang zu den natürlichen Ressourcen der Wälder und ihre Einkünfte aus dem Goldwaschen. Dafür entstehen eine etwa 810 Meter lange und 32 Meter hohe Staumauer und ein Wasserkraftwerk mit 1260 Megawatt Kapazität. Der Stausee soll eine Oberfläche von 49 Quadratkilometern haben und 60 Kilometer lang werden. Der generierte Strom wird zu 95 Prozent nach Thailand exportiert. Es wird mit einer Bauzeit von mindestens acht Jahren gerechnet, die Kosten sollen bei 3,8 Milliarden Dollar liegen. Bauunternehmer ist die Firma Ch. Karnchang aus Thailand.

          „Alles, was ich habe, ist hier“

          Den Menschen vor Ort bleibt offenbar nichts anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu fügen. Eine Frau mit dem Namen Khay steht bis zur Hüfte im Wasser. Sie trägt ein durchnässtes blaues Batikhemd. „Man muss tun, was sie einem sagen, sonst landet man im Gefängnis“, sagt die Goldwäscherin. Für die Frau ist die drohende Vertreibung eine kleine Katastrophe. Ihre Familie besitzt eine Plantage mit etwa 3.000 Teakbäumen. Für die Bäume soll es eine Entschädigung von 20.000 Laotischen Kip pro Baum (etwa zwei Euro) geben.

          Zu wenig, findet die 57 Jahre alte Frau. Besonders schmerzlich ist für sie, dass sie ihre Einnahmen aus dem Goldwaschen verliert. Stolz zeigt sie auf ein glänzendes Körnchen, das am Boden der Schale klebt. Von ihrer Fingerspitze lässt sie es in einen mit Wasser gefüllten Blechnapf fallen. „Alles, was ich habe, ist hier. Wenn ich weggehen muss, muss ich mit allem noch einmal neu beginnen“, sagt die Frau.

          Bild: F.A.Z.

          Ein Stückchen hinter den Goldwäschern führt ein Sandweg ins Dorf hinauf. Hinter einem kleinen Laden steht rechter Hand das geräumige Holzhaus von Kham Pao. Der 67 Jahre alte Mann hat es im Jahr 1975 zusammen mit seinem Vater gebaut. Das Untergeschoss ist ein einziger großer Raum. In einer Ecke hängt eine Kinderwiege, in einer anderen steht eine Nähmaschine. Im neuen Haus, das in einem der Nachbardörfer gebaut werden soll, wird wohl nicht mehr genug Platz für alle zehn Familienmitglieder sein, berichtet Kham Pao. Aus einer Tür führt uns der Mann an einer Schule vorbei durch das Dorf. Den grünen Pausenhof teilen sich die Kinder mit ein paar Kühen. Wir kommen zu einem 100 Jahre alten Tempel. Kham Pao kniet vor einem goldenen Buddha nieder. „Viele Generationen haben hier ihren Glauben ausgeübt. Jetzt wollen sie ihn abreißen“, klagt der Mann.

          Zwangsumsiedlungen in isolierte Gegenden

          Das Leben am Fluss ist für manche Laoten dabei schon heute eine Sache der Vergangenheit. Die 335 Bauern aus dem gegenüber liegenden Dorf Ban Houay Souy lebten bis vor einem Dreivierteljahr an der Uferstelle, an der nun fieberhaft an den Arbeiterunterkünften, der Infrastruktur und dem Kofferdamm gearbeitet wird. Sie mussten dem Projekt als erste weichen. Heute sind sie in einer Neubausiedlung außerhalb der Kleinstadt Xayaburi untergebracht. Die neuen Häuser sehen gut aus, aber viele beklagen die isolierte Lage.

          Sie haben keinen Zugang zu den kostenfreien Ressourcen der Natur, den Fischen und Algen im Fluss, dem Feuerholz, Bambussprossen und Kräutern aus dem Wald. „Für alles braucht man hier Geld“, sagt ein Mann mit dem Namen Sao, der gerade ein paar Erdnüsse in einem Topf erhitzt. Er zeigt uns den einzigen dunklen Raum im Haus, in dem sechs Familienmitglieder nur durch Moskitonetze getrennt auf dem Boden schlafen.

          Auf der staubigen Straße spielen ein paar Kinder, Mopeds stehen herum, und Hühner laufen gackernd umher. Dann kommt ein Behördenmitarbeiter und untersagt weitere Interviews. Offenbar fürchtet man die Berichterstattung über das Projekt. „Alle im Dorf sind derzeit glücklich“, behauptet noch der Dorfvorsteher von Houay Souy, der sich mit dem Namen Lang vorstellt. Aber zugegeben, auch er vermisse den Fluss. Einmal im Monat fahre er deshalb zurück an den Mekong, um zu fischen, berichtet der Dorfvorsteher. Doch es ist fraglich, wie lange das noch geht. Denn wenn alle Dämme so gebaut werden wie geplant, wird die „Mutter aller Flüsse“ kaum mehr als eine Aneinanderreihung von Stauseen sein. Dann steht der Mekong, der seit Jahrtausenden durch Laos fließt, an vielen Stellen gleichsam still.

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