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Laos : Wenn der Mekong stillsteht

„Alles, was ich habe, ist hier“

Den Menschen vor Ort bleibt offenbar nichts anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu fügen. Eine Frau mit dem Namen Khay steht bis zur Hüfte im Wasser. Sie trägt ein durchnässtes blaues Batikhemd. „Man muss tun, was sie einem sagen, sonst landet man im Gefängnis“, sagt die Goldwäscherin. Für die Frau ist die drohende Vertreibung eine kleine Katastrophe. Ihre Familie besitzt eine Plantage mit etwa 3.000 Teakbäumen. Für die Bäume soll es eine Entschädigung von 20.000 Laotischen Kip pro Baum (etwa zwei Euro) geben.

Zu wenig, findet die 57 Jahre alte Frau. Besonders schmerzlich ist für sie, dass sie ihre Einnahmen aus dem Goldwaschen verliert. Stolz zeigt sie auf ein glänzendes Körnchen, das am Boden der Schale klebt. Von ihrer Fingerspitze lässt sie es in einen mit Wasser gefüllten Blechnapf fallen. „Alles, was ich habe, ist hier. Wenn ich weggehen muss, muss ich mit allem noch einmal neu beginnen“, sagt die Frau.

Bild: F.A.Z.

Ein Stückchen hinter den Goldwäschern führt ein Sandweg ins Dorf hinauf. Hinter einem kleinen Laden steht rechter Hand das geräumige Holzhaus von Kham Pao. Der 67 Jahre alte Mann hat es im Jahr 1975 zusammen mit seinem Vater gebaut. Das Untergeschoss ist ein einziger großer Raum. In einer Ecke hängt eine Kinderwiege, in einer anderen steht eine Nähmaschine. Im neuen Haus, das in einem der Nachbardörfer gebaut werden soll, wird wohl nicht mehr genug Platz für alle zehn Familienmitglieder sein, berichtet Kham Pao. Aus einer Tür führt uns der Mann an einer Schule vorbei durch das Dorf. Den grünen Pausenhof teilen sich die Kinder mit ein paar Kühen. Wir kommen zu einem 100 Jahre alten Tempel. Kham Pao kniet vor einem goldenen Buddha nieder. „Viele Generationen haben hier ihren Glauben ausgeübt. Jetzt wollen sie ihn abreißen“, klagt der Mann.

Zwangsumsiedlungen in isolierte Gegenden

Das Leben am Fluss ist für manche Laoten dabei schon heute eine Sache der Vergangenheit. Die 335 Bauern aus dem gegenüber liegenden Dorf Ban Houay Souy lebten bis vor einem Dreivierteljahr an der Uferstelle, an der nun fieberhaft an den Arbeiterunterkünften, der Infrastruktur und dem Kofferdamm gearbeitet wird. Sie mussten dem Projekt als erste weichen. Heute sind sie in einer Neubausiedlung außerhalb der Kleinstadt Xayaburi untergebracht. Die neuen Häuser sehen gut aus, aber viele beklagen die isolierte Lage.

Sie haben keinen Zugang zu den kostenfreien Ressourcen der Natur, den Fischen und Algen im Fluss, dem Feuerholz, Bambussprossen und Kräutern aus dem Wald. „Für alles braucht man hier Geld“, sagt ein Mann mit dem Namen Sao, der gerade ein paar Erdnüsse in einem Topf erhitzt. Er zeigt uns den einzigen dunklen Raum im Haus, in dem sechs Familienmitglieder nur durch Moskitonetze getrennt auf dem Boden schlafen.

Auf der staubigen Straße spielen ein paar Kinder, Mopeds stehen herum, und Hühner laufen gackernd umher. Dann kommt ein Behördenmitarbeiter und untersagt weitere Interviews. Offenbar fürchtet man die Berichterstattung über das Projekt. „Alle im Dorf sind derzeit glücklich“, behauptet noch der Dorfvorsteher von Houay Souy, der sich mit dem Namen Lang vorstellt. Aber zugegeben, auch er vermisse den Fluss. Einmal im Monat fahre er deshalb zurück an den Mekong, um zu fischen, berichtet der Dorfvorsteher. Doch es ist fraglich, wie lange das noch geht. Denn wenn alle Dämme so gebaut werden wie geplant, wird die „Mutter aller Flüsse“ kaum mehr als eine Aneinanderreihung von Stauseen sein. Dann steht der Mekong, der seit Jahrtausenden durch Laos fließt, an vielen Stellen gleichsam still.

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