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Laos : Wenn der Mekong stillsteht

Eine Zunge aus Steinen und aufgeschütteter Erde ragt in den Fluss hinein, dahinter eröffnet sich der Blick auf die Baustelle: Der Uferhügel ist völlig freigelegt, in Schichten wird offenbar Erde abgetragen. Dutzende Lastwagen, Kipplader und Bagger sind im Einsatz. Baulärm dröhnt herüber. „Sie bauen gerade den Kofferdamm“, sagt der Bootsführer. Der Kofferdamm dient bei der Konstruktion einer Talsperre dazu, das Wasser umzuleiten, damit auf trockenem Grund der Bau der eigentlichen Staumauer beginnen kann. Es heißt, dass dieser vorläufige Damm bis zum kommenden Mai fertiggestellt sein soll. Die Tierschutzorganisation WWF verurteilte den „ersten direkten Eingriff in das Flussbett“ scharf.

Internationaler Widerstand

Auch auf internationaler Ebene regt sich weiterhin Widerstand gegen das Projekt. Kambodscha und Vietnam haben ihre Bedenken angemeldet, die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton soll das Thema bei ihrem ersten Laos-Besuch im Juli angesprochen haben. Die Kontroverse um den Xayaburi-Staudamm könnte nur der Vorgeschmack sein. Fachleute und Politiker wie der vietnamesische Präsident Truong Tan Sang fürchten, dass der Zugang zu Wasser in Südostasien zu transnationalen Konflikten führen könnte. Der britische Politologe Christopher Baker kommt in einem Aufsatz sogar zu dem Schluss, dass die Zukunft des Mekongs den Frieden und die Stabilität in Südostasien in zehn Jahren ähnlich gefährden könnte wie derzeit die Territorialstreitigkeiten im Südchinesischen Meer.

Zum Mekong hinunter: Oberhalb des Dorfes werden neue Häuser für die Umsiedler des Xayaburi-Staudamms gebaut.
Zum Mekong hinunter: Oberhalb des Dorfes werden neue Häuser für die Umsiedler des Xayaburi-Staudamms gebaut. : Bild: Till Faehnders

In Kambodscha, Thailand und Vietnam haben die Bürger schon gegen den Xayaburi-Damm protestiert. Etwa 30 Anwohner und Aktivisten aus Thailand haben im August eine Klage eingereicht. Die Organisation „International Rivers“ fordert einen sofortigen Baustopp. Auch die regionale „Mekong-River-Commission“, die eine nachhaltige Entwicklung im Einzugsgebiet des Stroms sichern soll, hatte eine vorläufige Einstellung der Bauarbeiten empfohlen.

Der Xayaburi ist das erste Vorhaben, das den Mitgliedern Thailand, Vietnam, Laos und Kambodscha zur „Konsultation“ und Prüfung vorgelegt worden war. Sie entschied, dass eine genauere Untersuchung der Folgen aller geplanten Mekong-Dämme inklusive des Xayaburi-Damms notwendig sei. Doch offensichtlich setzt sich Laos über diese Entscheidungen hinweg. Die Regierung verteidigt dieses Vorgehen damit, dass es sich bislang nur um vorbereitende Arbeiten handele und bislang keine „permanenten“ Bauten errichtet worden seien.

Von diesen technischen Feinheiten verstehen die Anwohner, die in den Dörfern am Flusslauf leben, jedoch nichts. Am gegenüberliegenden Ufer der Baustelle ragt ein Haufen aus Erde und Steinen auf. Er ist übriggeblieben, nachdem das Wasser zum Ende der Regenzeit wieder auf Niedrigstand gesunken ist. Im flachen Wasser hocken etwa zwei Dutzend Gestalten und lassen hölzerne Schalen in der Strömung kreisen. Andere kratzen gerade mit Spachteln die Erde aus einem Loch. Sie sind Goldwäscher aus dem Dorf Ban Pak Noen, das an einer günstigen Stelle über ihnen am Berg liegt. Gegen die Mittagshitze schützen sie sich mit Hüten, Mützen und Tüchern auf dem Kopf. Ihr 260 Jahre altes Dorf solle im Dezember umgesiedelt werden, berichten die Goldwäscher.

Insgesamt sollen für den Staudamm 2.100 Menschen ihre Häuser und Felder zurücklassen. Zusätzliche 200.000 Menschen werden die Folgen des Dammbaus auf andere Weise zu spüren bekommen. Sie verlieren ihr Land und ihre Gärten am Ufer des Flusses, den Zugang zu den natürlichen Ressourcen der Wälder und ihre Einkünfte aus dem Goldwaschen. Dafür entstehen eine etwa 810 Meter lange und 32 Meter hohe Staumauer und ein Wasserkraftwerk mit 1260 Megawatt Kapazität. Der Stausee soll eine Oberfläche von 49 Quadratkilometern haben und 60 Kilometer lang werden. Der generierte Strom wird zu 95 Prozent nach Thailand exportiert. Es wird mit einer Bauzeit von mindestens acht Jahren gerechnet, die Kosten sollen bei 3,8 Milliarden Dollar liegen. Bauunternehmer ist die Firma Ch. Karnchang aus Thailand.

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