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Migration über das Mittelmeer : Lampedusa wieder vor dem Kollaps

Ein Schiff der italienischen Küstenwache bringt am Sonntag Migranten nach Lampedusa. Bild: Reuters

Am Wochenende landeten binnen 24 Stunden gut 2000 Migranten auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa. Rom fordert von Berlin und Paris Migranten aufzunehmen. Ministerpräsident Draghi gerät unter Druck.

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          Von einem Tag auf den anderen wurde die Regierung in Rom zum Schwerpunktwechsel beim Blick auf den Sommer gezwungen. Statt um weitere Öffnungsschritte zur Ankurbelung des postpandemischen Fremdenverkehrs geht es nun um die Eindämmung des Migrantenstroms über das zentrale Mittelmeer. Von der Insel Lampedusa, der südlichsten Stelle Italiens vor der nordafrikanischen Küste, wurde am Montagmorgen die Ankunft von 2128 Migranten binnen 24 Stunden gemeldet. Der Bürgermeister der Insel, der Sozialdemokrat Totò Martello, schlug Alarm. In Rom griff Innenministerin Luciana Lamorgese zum Telefon und bat ihren französischen und deutschen Amtskollegen, ihr Solidaritätsversprechen bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems im Mittelmeer einzuhalten.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Gründe für die sprunghafte Zunahme der Zahl der Flüchtlingsboote liegen auf der Hand. Erstens hat die „Migrationssaison“ begonnen. Die Luft wird wärmer, die See liegt flach: Das sind gute Voraussetzungen für die Überfahrt von Nordafrika nach Europa über das zentrale Mittelmeer. Die bleibt dennoch eine der weltweit gefährlichsten Flüchtlingsrouten: Nach Angaben der UN-Organisation für Migration (IOM) sind von Januar bis April dieses Jahres rund 450 Menschen auf dem Weg von Nordafrika nach Italien oder Malta ertrunken. Allein bei der Havarie eines überfüllten Schlauchbootes vor der libyschen Küste nordöstlich von Tripolis starben nach Erkenntnissen der Hilfsorganisation SOS Méditerrannée um den 20. April mehr als 120 Menschen; das Rettungsschiff „Ocean Viking“ der Hilfsorganisation fand nach stundenlanger Suche an der Unglücksstelle nur Überreste des Bootes und treibende Schwimmwesten, aber keine Überlebenden.

          Veränderte Migrationsroute

          Zweitens hat es neuerlich eine Verschiebung der Migrationsroute gegeben: Die Migranten kommen nicht mehr mehrheitlich in kleinen Schlauch- und Holzbooten von Tunesien, sondern wie in den Vorjahren wieder aus Libyen, auf Fischerbooten aus Holz oder auf rostigen Fischkuttern. An Bord eines einzigen zweistöckigen Trawlers aus Libyen kamen am späten Sonntagabend mehr als 400 Migranten auf Lampedusa an, unter ihnen 24 Frauen und mehrere Kinder. Auf einem weiteren Fischerboot wurden 325 Migranten gezählt.

          Das Aufnahmezentrum auf Lampedusa stand am Montag wieder einmal vor dem Kollaps. Die Neuankömmlingen hatten die Nacht auf Matratzen unter freiem Himmel verbringen müssen. „Wir sind an Notstandssituationen gewöhnt“, hatte Bürgermeister Martello am Sonntag gesagt, „wir können bis zu 1200 Menschen aufnehmen. Aber was, wenn in der kommenden Nacht weitere 500 kommen?“ Tatsächlich kamen bis Montagmorgen dann fast doppelt so viele an. Die Migranten stammten aus Bangladesch, Syrien und dem Irak sowie aus Algerien, Tunesien und der Elfenbeinküste.

          Bürgermeister Martello erinnerte am Sonntag daran, dass der seit Mitte Februar amtierende Ministerpräsident Mario Draghi seine erste Auslandsreise Anfang April nach Libyen absolviert habe, auch Innenministerin Luciana Lamorgese sei jüngst wieder in Tripolis gewesen: „Unser Premier und unsere Ministerin bedanken sich in Tripolis bei der Regierung und sagen weitere Hilfen zu. Und dann schießen die Libyer auf italienische Fischer und öffnen die Schleusen für die Bootsflüchtlinge.“

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