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Deutsche Seenotretter : Lage an Bord des Rettungsschiffes „Alan Kurdi“ spitzt sich zu

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Migranten schlafen an Deck der „Alan Kurdi“ – ein Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Eye. Bild: dpa

Die Hilfsorganisation Sea-Eye meldet einen medizinischen Notfall. Das Schiff harrt seit über einer Woche mit 64 Migranten an Bord vor der Küste Maltas aus. Auf eine Einfahrterlaubnis wartet das Schiff bisher vergeblich.

          Die Lage auf dem deutschen Rettungsschiff „Alan Kurdi“ mit Migranten an Bord wird nach Angaben der Hilfsorganisation Sea-Eye immer bedenklicher. Eine Frau musste wegen Kreislaufproblemen und „zunehmenden Bewusstseinsstörungen“ nach Malta gebracht werden, wie die Regensburger Organisation am Dienstag mitteilte. Eine genauere Diagnose sei auf dem Schiff nicht möglich gewesen. Die maltesischen Behörden seien über den medizinischen Notfall informiert worden. Inzwischen befindee sich die Frau an Land. Außerdem habe Malta einen Versorgungsgütertransport genehmigt, der für Mittwoch geplant sei, hieß es.

          Zuvor hatte Sea-Eye auch erklärt, dass Wasser und Nahrung knapp und dringend Wechselkleidung benötigt werde. Ein Regierungssprecher in Valletta sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass Vorräte wenn nötig bereitgestellt würden. Das Schiff ist seit einer Woche mit den nun 63 Migranten an Bord auf dem Meer blockiert und liegt derzeit vor Malta.

          „Die Leute hier tragen ihre Kleidung teilweise schon seit Wochen am Leib. Das sind unsägliche Umstände an Bord eines europäischen Schiffes“, erklärte Einsatzleiter und Bord-Arzt Jan Ribbeck laut Mitteilung. Die meisten Menschen müssten an Deck schlafen. Dort seien sie weder vor dem Wetter noch vor dem Meerwasser geschützt. „Die Menschen frieren, sie werden immer wieder nass und natürlich hat niemand Wechselkleidung dabei.“ Die Zustände an Bord seien unhaltbar. Auf einem Raum, der für 20 Personen ausgelegt ist, lebten insgesamt rund 80 Menschen. Viele Gerettete litten unter psychischem Belastungsstress. Sie hätten von Verbrechen berichtet, denen sie in Libyen zum Opfer gefallen seien.

          Länder bestehen auf Verteilmechanismus

          Sea-Eye-Sprecher Dominik Reisinger kritisierte, dass auch am Montag keine europäische Lösung zustande gekommen sei: „Die andauernden Verhandlungen und die politische Frage der Verteilung der Geretteten unter den verschiedenen EU-Staaten beeinträchtigen die Menschenrechte der Leute an Bord der Alan Kurdi.“ Die Rechte auf Freiheit, Sicherheit und physische Unversehrtheit seien schon allein dadurch verletzt worden, dass mehrere Staaten bisher das Einlaufen in einen sicheren Hafen verweigerten.

          Weder Italien noch Malta wollen das Schiff anlegen lassen. Die Länder bestehen auf einen Verteilmechanismus der Migranten auf andere EU-Länder, auf den sich Europa aber seit Jahren nicht einigen kann. Mehrere Schiffe wurden deshalb teils Wochen auf dem Meer blockiert.

          Aus dem Bundesinnenministerium in Berlin hieß es am Dienstag lediglich, dass die Europäische Kommission das weitere Vorgehen im Fall der „Alan Kurdi“ koordiniere. Deutschland habe sich bereits letzte Woche dazu bereit erklärt, Gerettete aufzunehmen, wenn dies auch andere Staaten täten.

          Dass die Menschen auf dem Schiff ausharren müssen, könnte ein juristisches Nachspiel haben. Wie „Sea-Eye“ mitteilte, befasst sich ein Team aus internationalen Anwälten mit dem Fall der „Alan Kurdi“, dem derzeit einzigen zivilen Rettungsschiff auf dem Mittelmeer. Die Juristen sähen erhebliche Verstöße gehen die UN-Menschenrechtskonventionen und gegen die Schutzpflichten eines Staates gegenüber der Familie.

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