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Labour-Parteitag : Klassenkampf im Grand Hotel

Umschwärmt: Labours neuer Chef Jeremy Corbyn umgeben von Anhängern Bild: Getty

Im Seebad Brighton tritt die Labour Party zum ersten mal unter Jeremy Corbyn zusammen. Der opfert einen Teil seiner ideologischen Glaubenssätze, um die Partei als „Kirche für alle“ erhalten zu können.

          7 Min.

          Als die Gastgeberin der Graswurzel-Organisation „Labourlist“ das Publikum bittet, gemeinsam „The Red Flag“ zu singen, zuckt für einen Moment Nervosität durch den Saal. Ob das gut geht? Das alte Parteilied im „Raum Charlotte“, wo die Stehtische mit feinem Damast bespannt sind? Aber schon stimmen die ersten ein, andere fallen ein, der Gesang wird lauter, und bald ballen die ersten Gäste ihre Fäuste und schleudern sie in Richtung Bühne. Klassenkampf lässt sich offenbar auch vom Teppich des Grand Hotels aus führen.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Die Melodie der „Roten Fahne“ ist übrigens die von „O Tannenbaum“. Und so, wie man sich wundern kann, warum in Deutschland die „grünen Blätter“ eines Nadelbaums besungen werden, fragen sich manche im Brightoner Konferenzzentrum, was die rote Arbeiterflagge eigentlich mit dem 21. Jahrhundert zu tun hat. Aber das sind die Häretiker. Sie schweigen, wenn sie überhaupt angereist sind, oder versuchen sich auf halbironische Weise in die neue Familie einzugliedern – so wie der frühere Hoffnungsträger Tristram Hunt, aber von dem später.

          Die ehrwürdige britische Labour Party ist nicht wiederzuerkennen. Jeden Herbst trifft sie sich zu ihrem Parteitag und gibt sich Gelegenheit zur Selbstvergewisserung. In den vergangenen Jahren war das eine äußerst choreographierte Veranstaltung. Man wusste, wer wann redet, wer was sagt, und, vor allem, was niemand jemals sagen würde, weil das eine schlechte Presse gibt.

          Diesmal ist alles anders. Redner, die angekündigt sind, treten nicht auf. Politiker, die bis vor wenigen Wochen niemand kannte, füllen die Säle. Von „Verstaatlichung“ ist plötzlich Rede, von sozialen „Verbrechen“ der regierenden Tories, von der überfälligen Verschrottung der britischen Atomwaffen. Erstmals sollte auf diesem Parteitag der Unterhausfraktion vorgeschrieben werden, wie sie fortan abzustimmen hat, aber kurz vor Beginn der Konferenz entschied dann ein Gremium, es lieber doch nicht zu tun. Es herrscht heilloses Durcheinander, aber die Stimmung ist blendend.

          Eine Viertelmillion Ja-Stimmen

          Der Grund heißt: „JC“, Jeremy Corbyn. Im Frühsommer war er noch ein Abgeordneter, der einen unfruchtbaren Acker am äußersten linken Rand der Partei bestellte. Dann nominierten ihn ein paar Parteifreunde für die Urwahl zum neuen Parteivorsitzenden – als Zählkandidat, der die „Debatte verbreitern“ sollte. Wie durch ein Wunder setzte er sich binnen weniger Wochen an die Spitze der Mitbewerber. Als die Parteizentrale am 11. September die Wahlzettel ausgezählt hatte, war die Sensation perfekt: Corbyn war von beinahe 60 Prozent der Partei gewählt worden und hat jetzt, wie es ein Parteifreund ausdrückt, mit einer Viertel Million Ja-Stimmen mehr Wähler als die Konservative Partei Mitglieder. Nie zuvor, heißt es allenthalben, habe ein Labour-Chef über ein derart klares Mandat verfügt.

          Aber wie damit umgehen? Corbyn spricht naturgemäß von „großer Verantwortung“. Aber wie setzt man die als Vorsitzender einer Partei ein, die bis vor kurzem in fast allen Fragen anderer Meinung gewesen ist als er selbst? Und wie reagiert die Partei auf eine solche Lage? Es ist ein faszinierendes Experiment, das in Brighton erstmals unter den Augen der Öffentlichkeit angewendet wird.

          Wir polymorph die Partei ist, die sich nun unter Jeremy Corbyn einigen muss, lässt sich schon auf der Strandpromenade vor dem Konferenzzentrum beobachten. Da sind die, die ein bisschen aussehen wie ihr neuer Vorsitzender, mit grauen Bärten und Pullovern. Sie sitzen auf den öffentlichen Bänken und sagen, wie Rob Bygrave aus Cherbone, ziemlich grimmige Sätze: „Wir haben zwanzig Jahre lang gelitten und den neoliberalen Quatsch mitgemacht – jetzt sind wir dran.“

          Stück für Stück abgerüstet

          Die anderen, Frauen auf hohen Schuhen und Männer mit Krawatte, sitzen nicht weit von entfernt, in den Restaurants, wo Meeresgetier zu eisgekühltem Chablis serviert wird. Corbyn, hieß es in einem der vielen Kommentare zur Lage der Partei, müsse jetzt beide ansprechen: die Bewohner der Sozialwohnungen und die, die in den Einrichtungshäusern nach Designermöbeln stöbern.

          Stück für Stück rüstete der neue Vorsitzende in den Tagen vor Brighton ab, er gab in Fragen nach, die Unfrieden in die Partei tragen könnten. Glaubenssätze, die er in den vergangenen dreißig Jahren heilig gehalten hatte, wurden dem Versuch geopfert, die Partei als „broad church“, als Kirche für alle, zu erhalten. Corbyns Kritik an der EU als Hort des Neoliberalismus ist dem Versprechen gewichen, beim Referendum für einen Verbleib in der Union einzutreten. Aus Corbyns Fundamentalopposition gegenüber der Nato wurde eine Detailkritik: das Bündnis solle sich bitte nur nicht allzu sehr nach Osten ausdehnen. Corbyn, der glühende Anti-Monarchist, erwägt jetzt sogar, die Nationalhymne zu singen und sich vor der Queen zu verbeugen, wenn dies „die neue Rolle erfordert“.

          Versöhnen statt spalten – das ist das heimliche Motto seiner ersten Rede vor der ganzen Partei. Man mag es eine Pointe nennen, dass sich Corbyn, der als Ideologe startete, sich gerade nicht so sehr durch seine politischen Botschaften abhebt, sondern durch seinen Stil. Selten in den vergangenen Jahren war der Saal des Parteitags so nüchtern dekoriert. Die einzigen Worte, die neben „Labour“ den Weg auf die roten Kulissenwände gefunden haben, lauten: „Straight Talking. Honest Politics“ – klare Worte, ehrliche Politik.

          Zurück zum Frontalunterricht

          Corbyn tritt anders auf als seine Vorgänger. Ed Miliband warb mit Musik, setzte Videos ein und ließ sich eigens eine runde Bühne in der Mitte der Haupthalle bauen, um „allen gleich nah sein zu können“. Von derartigen Spielereien will Corbyn nichts wissen. Mit ihm geht es zurück zum Frontalunterricht: Ein Mann, ein Pult, eine abgelesene Rede. Er spricht ruhig, verhaspelt sich zuweilen, aber auf die meisten wirkt es sympathisch, dass er offenkundig nie von einem Rhetorik-und Bewegunglehrer trainiert worden ist.

          Richard Burgon, einer der neuen Corbynianer im Unterhaus, erklärt die Faszination so: „Ist das nicht aufregend, dass Jeremy das Medienspiel nicht mitspielt, dass er nicht vorgibt, alles zu wissen? Das lässt uns als Partei ehrlich aussehen und einschließend.“ Corbyns Rede ist beinahe ein bisschen matt. Sie beginnt mit halbwegs gelungenen Witzen über die teils karikaturenhafte Kritik, die konservative Zeitungen an ihm übten, verliert sich dann aber langsam im Vagen.

          Sobald es politisch zu werden droht, zieht sich Corbyn auf zwei Sätze zurück: „Ich höre gerne zu.“ Und: „Ich will eine offene Debatte.“ Freigiebig verspricht „a kinder politics“, eine freundlichere, nettere Politik. Den größten Beifall erhält er für sein Versprechen, hässliche Angriffe nicht auf gleicher Ebene zu parieren, sondern „die Werte zurück in die Politik zu bringen“.

          Euphorie begleitet von Verunsicherung

          Schon vor der Rede hatte Tristram Hunt ein paar bemerkenswerte Dinge in Brighton gesagt. Hunt war einst Hoffnungsträger des pragmatischen Parteiflügels und hatte mit einigem gedroht, sogar mit Widerstand, sollte Corbyn Parteichef werden. Nach Corbyns Wahl trat er zumindest von seinem Posten als Schattenbildungsminister zurück. „Ich war prinzipiell gegen fast alle Positionen, die Corbyn während seiner Kampagne vertreten hat“, erklärt Hunt in einem Podiumsgespräch mit dem „Times“-Kolumnisten Philip Collins.

          „Die Positionen sind ja nun verschwunden“, entgegnet Collins trocken und fragt, ob sich Hunt jetzt nicht doch vorstellen könnte, in einem Schattenkabinett Corbyn mitzumachen. „Ja“ sagt der zur Verblüffung vieler Anwesender. „Aber ich will erst noch ein bisschen mehr sehen.“ Wenn selbst Hunt von einer „Euphorie“ in der Partei schwärmt, dann kann das keine Erfindung sein. Begleitet wird sie aber von großer Verunsicherung.

          Collins macht dies an der britischen Atomflotte „Trident“ fest: Corbyn will sie abschaffen, aber traditionell steht die Partei hinter der nuklearen Abschreckung. Was gilt nun? Hunt antwortet vorsichtig: „Ich würde sagen, die Linie der Partei gilt, bis sie geändert wird.“ Collins guckt ihn halb verdutzt, halb belustigt an. Darauf sagt Hunt verschmitzt: „Nun, die Lage ist im Fluss – das ist die neue Politik.“

          New Politics statt New Labour

          „New Politics“ ist ein Begriff, der oft in Brighton fällt, und er darf keinesfalls mit „New Labour“ verwechselt werden, denn das bedeutet das genaue Gegenteil. New Labour hieß das Projekt, das Tony Blair vor ziemlich genau zwanzig Jahren ins Leben gerufen hat, und das nun mit der „neuen Politik“ Jeremy Corbyns endgültig abgewickelt werden soll. „New Labour“ beschrieb die Öffnung der Partei für das, was in den Neunziger Jahren für Zukunft gehalten wurde: Soziale Ungerechtigkeiten sollten nicht mehr von einem starken Staat ausgeglichen werden, sondern durch die Teilhabe des Arbeitnehmers am kapitalistischen „Shareholder“-System.

          Ein Bonmot, das in Brighton oft und mit Abscheu zitiert wird, stammt von Margaret Thatcher: Auf die Frage, was ihr größter Triumph gewesen sei, hat die Eiserne Lady einmal geantwortet: Tony Blair. Jeremy Corbyn ist in den Augen seiner Anhänger nicht nur der späte Triumph über Tony Blair, sondern der ganz späte über Margaret Thatcher.

          Corbyns „neue Politik“ wird vor allem von John McDonnell verkörpert. Als er vor zwei Wochen zum „Schattenkanzler“ ernannt wurde, zur zentralen Figur für die Finanzpolitik, äußerten sich viele in der Partei fassungslos. Als „Kriegserklärung“ an die moderate Mehrheit der Unterhausfraktion wurde die Entscheidung bezeichnet.

          50.000 Neumitglieder

          Aber jetzt, wo der Chefideologe der „Anti-Austerität“ in Brighton seine erste Grundsatzrede hält, kommt er erstaunlich zahm daher. Seine alte Forderung, den Spitzensteuersatz auf sechzig Prozent zu erhöhen – von gestern. Ebenso seine Kritik an der Haushaltsdisziplin. Auch McDonnell strebt jetzt ein ausgeglichenes Budget an, nur will er dies mit anderen Mitteln erreichen: mit der Ankurbelung der Wirtschaft (und damit der Steuereinnahmen) durch staatliche Investitionen und dem Kampf gegen die „Steuervermeider von Google, Starbucks und Facebook“.

          Wie ein Bilderstürmer sieht John McDonnell nicht aus, nicht einmal wie ein böser alter Mann. Dunkler Anzug, rote Krawatte, weißes Haar, ein verbindliches Lächeln – so seriös wirkte Finanzpolitik schon lange nicht mehr. Stolz stellt er in Brighton seinen neuen Beraterkreis vor, in den er neben einer Reihe britischer Ökonomen den amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz berufen hat und den französischen Bestseller-Autor Thomas Piketty. Die Botschaft ist klar: Die „neue Politik“ der Labour Party will nicht auf die alten Rezepte der Siebziger Jahre zurückgreifen, sondern auf die modernen Ideen international angesehener Wirtschaftswissenschaftler.

          „Anti-Austertity“ ist das Zauberwort der Corbyn-Partei, die sich in Brighton auch gerne als „soziale Bewegung“ bezeichnet. Im Grunde ist „Anti-Austerity“ nicht mehr als eine modische Übersetzung des Rufes nach mehr Staat, aber die reifen Herren – Corbyn ist 66, McDonnell 64 Jahre alt – haben damit einen Nerv getroffen, gerade bei der Jugend. Ein Gutteil der mehr als 50.000 Neumitglieder, die Labour allein in den vergangenen zwei Wochen dazugewonnen hat, ist unter dreißig. Ihr Star heißt Owen Jones.

          „Stimme der neuen Linken“: Owen Jones

          Jones sieht aus, als sei er gerade von der Schule abgegangen, aber er hat schon ein Studium in Oxford hinter sich und obendrein zwei Bücher geschrieben, die sich prächtig verkaufen. Sein letztes heißt „The Establishment“ und ist eine Polemik auf das System von Westminster und die gesamte „politische und journalistische Klasse“ im Vereinigten Königreich. In Brighton ist Jones auf beinahe jeder zweiten Veranstaltung anzutreffen. Jungenhaft und feurig-demagogisch verkörpert er so etwas wie die Hoffnung, dass Trotzki in der Generation iPad fortlebt.

          Angekündigt als „die Stimme der neuen Linken“ greift er tief in die Kiste des Arbeiter-Pathos und zieht die ganz großen historischen Linien: vom Labour-Gründer Keir Hardie über die Sufragetten und den Nachkriegspremier Clement Attlee bis hin zu Jeremy Corbyn. „Wir stehen auf den Schultern von Giganten!“, ruft Jones. Nur Blair taucht in der Geschichtschreibung der jungen Linken nicht mehr auf.

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