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Kurden-Konflikt : Die PKK ist für viele nur der Vorwand

Warten auf den Marschbefehl? Türkische Soldaten an der Grenze zum Irak Bild: picture-alliance/ dpa

Aufmarsch an der irakischen Grenze: 100.000 türkische Soldaten warten auf den Marschbefehl - so viele wie noch nie. Das verunsichert die Kurden. Sie vermuten, das Ziel sei Irakisch-Kurdistan. Rainer Hermann berichtet aus Silopi.

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          Ibrahim ist an diesem Abend einer der wenigen Lastwagenfahrer vor der Zollstation. Seit Jahren fährt er die Strecke von Mardin zur türkisch-irakischen Grenze und dann weiter nach Zakho und Arbil. Heute ist jedoch der Anblick in der Abenddämmerung gespenstisch. „Nur noch wenige Händler geben Waren auf den Weg in den Irak. Offenbar rechnen sie mit Krieg und damit, dass Habur geschlossen wird und sie ihre Waren verlieren“, vermutet der Fahrer. Der Grenzübergang Habur ist das Barometer für die Beziehungen zwischen der Türkei und der föderalen Region Irakisch-Kurdistan. Nur noch hundert Lastwagen warten dort. Früher hatten die Fahrer manchmal mehr als zehn Tage gebraucht, um langsam in zwei Reihen die 15 Kilometer von der Grenzstadt Silopi hierher zu gelangen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Mein Chef ruft jeden Tag nervös an, ob die Grenze bereits geschlossen ist“, berichtet der Fahrer Ibrahim, aber die Abfertigung verlaufe wie immer. Der Bürgermeister von Silopi, Muhsin Kunur, hat einen anderen Eindruck: Es gebe schon ein verstecktes Embargo, denn vor zwei Monaten wurden in eine Richtung noch täglich 2000 Lastwagen abgefertigt, sagt der Mann mit dem mächtigen Oberlippenbart. Die nationalistischen Oppositionsparteien CHP und MHP machen sich nun sogar für eine Schließung von Habur stark, um den nordirakischen Kurdenführern Barzani und Talabani „eine Lektion zu erteilen“. Das Grenzstädtchen Silopi lebt aber zu 80 Prozent vom Grenzhandel, und für den kurdischen Südosten ist die Straße von der Hafenstadt Mersin nach Habur die Lebensader. „Wird sie abgewürgt, sterben wir“, fürchtet der Bürgermeister.

          Türkei lässt 100.000 Soldaten aufmarschieren

          Noch nie habe die Türkei so viele Soldaten entlang zur Grenze aufmarschieren lassen, beobachtet Ahmet Dalmis, der stellvertretende Bürgermeister der Kreisstadt Cizre. „Mehr als 100.000 Soldaten warten nur noch auf den Befehl, und dann marschieren sie.“ In weniger als zwei Wochen sind sie und die Panzer in ihren Stellungen an der Grenze gewesen. Es heiße zwar, dass Armee und Regierung das Gespräch von Ministerpräsident Erdogan mit dem amerikanischen Präsidenten Bush am 5. November abwarten wollten, sagt Dalmis. Aber er setzt darin keine großen Hoffnungen, denn ihre beiden letzten Gespräche seien ergebnislos verlaufen.

          Sollten die Soldaten losmarschieren, womit in Silopi, Cizre und den anderen Kurdenstädten der Region fast alle rechnen, hätte ihnen die kurdische Separatistenbewegung PKK den Vorwand dafür geliefert. Seit Anfang Oktober verübten ihre Kämpfer eine Serie von Anschlägen, die dazu führte, dass immer mehr Türken einen Einmarsch im Nordirak guthießen. Nach offizieller Darstellung sollen jenseits der Grenze die Stellungen der PKK in den Kandilbergen zerstört werden. Aber in dem Gelände können weder Panzer noch andere gepanzerte Fahrzeuge vorankommen. Für Muhsin Kunur ist die PKK daher nur ein Vorwand. Denn oben in den Kandilbergen, unweit der irakisch-iranischen Grenzen, hielten sich bestenfalls noch tausend bewaffnete PKK-Kämpfer auf. Die anderen viertausend oder mehr seien längst in der Türkei zurück, in den Bergen des kurdischen Südostens und in den Städten des Landes.

          Kurdischer Staat im Nordirak muss verhindert werden

          Am 18. Oktober ermächtigte das Parlament die Regierung, der Armee eine „grenzüberschreitende Operation“ zu erlauben. Gerne schicken die Streitkräfte pensionierte Militärs in solchen Situationen als Sprecher vor. Der pensionierte Oberst Erdal Sarizeybek sagte dann, sollte es im Nordirak einen kurdischen Staat geben, wäre er für die Kurden der Türkei Vorbild. Bevor dieser Unheil anrichte, müsse er verhindert werden. Nicht die PKK sei also der Grund für den bevorstehenden Einmarsch, sondern die Ausstrahlung der autonomen kurdischen Region, sagt Haci Üzen, der Vorsitzende der kurdischen „Partei der Demokratischen Gesellschaft“ (DTP) in Silopi. So wäre Ziel der türkischen Armee dann, in nicht allzu großer Reichweite von Arbil, der Kurdenhauptstadt, eine ständige Drohkulisse aufzubauen und zu verhindern, dass sich die prosperierende Region Irakisch-Kurdistan weiter entfaltet.

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