https://www.faz.net/-gpf-7utdo

Türkei : Der Krieg an der inneren Grenze

In Ankara setzte die Polizei Tränengas gegen die Demonstranten ein Bild: AFP

In türkischen Städten demonstrieren Kurden gegen die angebliche Unterstützung der IS-Terrormiliz durch die Türkei. Stehen nun auch die Friedensgespräche mit der PKK vor dem Ende?

          4 Min.

          Es ist schon einige Zeit her, seit der derzeitige türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute mit Blick auf die Ereignisse in Syrien warnte, nichts, was auf der syrischen Seite der Grenze geschehe, bleibe auf der türkischen folgenlos. Am Dienstag ließ sich die Illustration dieses Erdoganschen außenpolitischen Lehrsatzes auf den Straßen türkischer Städte betrachten: Während in Kobane Kurden gegen die multiethnische Terrortruppe des „Islamischen Staates“ (IS) kämpften, lieferten sich Kurden in Istanbul, Adana, Hakkari sowie weiteren türkischen Städten und Provinzen gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zu der Gewalt kam es am Rande von Demonstrationen, deren meist kurdische Teilnehmer die Regierung in Ankara bezichtigen, den Fall der vom IS belagerten kurdischen Stadt Kobane im Norden Syriens zu betreiben. Es ist eine feste Überzeugung vieler Kurden, dass die Türkei den IS auch jetzt noch militärisch, finanziell und logistisch unterstütze. Ansonsten sehe Ankara bewusst tatenlos zu, wie die islamistischen Kämpfer mit ihren Panzern und anderen überlegenen Waffen gegen Kobane anrennen, weil die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu wolle, dass die Stadt in deren Hände falle. Schließlich sei die Türkei nicht einmal der ihr freundlich gesonnenen kurdischen Regionalregierung im Nordirak (beziehungsweise „Südkurdistan“ in kurdischer Lesart) zur Hilfe geeilt, als die IS-Kämpfer Erbil bedrohten.

          Auch in der türkischen Hauptstadt Ankara lieferten sich kurdische Demonstranten Auseinandersetzungen mit der Polizei
          Auch in der türkischen Hauptstadt Ankara lieferten sich kurdische Demonstranten Auseinandersetzungen mit der Polizei : Bild: AP

          Gewaltsame Zusammenstöße

          Bei von solchen Überzeugungen inspirierten Demonstrationen „für Kobane“ kam es am Dienstag unter anderem im asiatischen Teil Istanbuls zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. Auf der Istiklal-Caddesi, der am Taksim-Platz beginnenden Flaniermeile des europäischen Teils der Stadt, wurden Steine geworfen. Die von Tränengas durchsetzte Luft erinnerte an die Gezi-Park-Proteste im vergangenen Jahr. In Adana waren in der Nacht zum Dienstag zwei Personen bei einer Demonstration verletzt worden. Gewaltsame Zwischenfälle wurden auch aus der kurdisch dominierten südostanatolischen Provinz Van und aus der fast ausschließlich von Kurden bewohnten Provinz Hakkari an der Grenze zu Iran und dem Irak gemeldet.

          Erdogans Warnung hat sich also bewahrheitet, wenn auch nicht im Sinne ihres Urhebers: Was derzeit an der türkisch-syrischen Grenze in Kobane geschieht, bleibt nicht ohne Folgen in der Türkei. Die innertürkischen Grenzen zwischen Türken und Kurden, die zuletzt durch die vage Hoffnung auf ein Gelingen des Friedensprozesses nicht mehr im Vordergrund standen, werden wieder sichtbar. Ein Führer der kurdischen Terrororganisationen PKK warnte dieser Tage sinngemäß, sollte die Türkei den IS als Hebel einsetzen, um den Kurden die Kontrolle über Kobane zu entwinden und in der ehemals de facto autonomen kurdischen Region eine Pufferzone einzurichten, sei der Friedensprozess in der Türkei zu Ende und der Krieg wieder da.

          So ähnlich hatte es zuvor schon der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan gesagt, jedenfalls nach Aussage derer, die ihn im Gefängnis besuchen durften. Ohne Kobane kein Frieden in der Türkei, so ließe sich die Öcalan zugeschriebene Nachricht zusammenfassen. Für die PKK sowie die mit ihr eng verbundene syrisch-kurdische „Partei der Demokratischen Union“ (PYD) ist Kobane als eine der drei von Kurden kontrollierten und verwalteten Regionen in Syrien ein wichtiger Teil ihrer regionalen Strategie. Kobane sollte das Modell sein, nachdem auch die kurdisch dominierten Gebiete in Südostanatolien zu gestalten sind. Für die Kurden der Türkei sollte Kobane Ansporn und Vorbild sein.

          Weitere Themen

          Aus Liebe zum Land

          Begegnung mit Neudeutschen : Aus Liebe zum Land

          Der Archäologe Malek Mansour hat sein Leben riskiert, um aus Syrien nach Deutschland zu kommen. Inzwischen hat er ein Buch über seine Flucht geschrieben. Wie schaut er auf seine neue Heimat?

          Scholz gewinnt nach Blitzumfrage drittes TV-Triell Video-Seite öffnen

          Wahlkampf : Scholz gewinnt nach Blitzumfrage drittes TV-Triell

          Eine Woche vor der Bundestagswahl haben die SPD und die Grünen betont, gemeinsam eine Regierung bilden zu wollen. SPD-Kandidat Olaf Scholz hat nach einer Forsa-Blitzumfrage für ProSieben/Sat1 auch das dritte Triell gewonnen.

          Topmeldungen

          Olaf Scholz, Annalena Baerbock, Armin Laschet am Sonntagabend im Fernsehstudio von ProSieben und Sat.1. Nicht im Bild: Micky Maus.

          Die drei Trielle : Politik im Comic-Format

          Erfährt man in den Triellen wirklich, wer vertrauenswürdig, wer wählbar, wer kanzlertauglich ist? Nicht ansatzweise. Man erfährt nur, welches Zirkuspferd sein Wahlprogramm am besten verkauft.
          Die Erbschaft eines gewerbs­mäßigen Beutemachers? Prunkschale  aus geschnitztem Holz von den Admiralitätsinseln aus der Sammlung von Max Thiel im Ethnologischen Museum in Berlin.

          Raubgut im Humboldt-Forum : Die Sammler kamen mit dem Kanonenboot

          Viele Objekte aus der Südsee-Sammlung, die künftig im Humboldt-Forum gezeigt werden, wurden auf Strafexpeditionen geraubt. Aber die Staatlichen Museen Berlin verschleiern ihre Herkunft. Ein Gastbeitrag.
          Franziska Giffey, Spitzenkandidatin der SPD Berlin für die Wahl zum Abgeordnetenhaus, am 27.08.2021

          Wahl zum Abgeordnetenhaus : Auf den Chefsessel

          In Berlin liegt Franziska Giffey im Rennen um das Rote Rathaus vorn, obwohl sie wegen Plagiaten in ihrer Doktorarbeit als Bundesministerin zurücktrat. Wie hat sie das geschafft?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.