https://www.faz.net/-gpf-7utdo

Türkei : Der Krieg an der inneren Grenze

In Ankara setzte die Polizei Tränengas gegen die Demonstranten ein Bild: AFP

In türkischen Städten demonstrieren Kurden gegen die angebliche Unterstützung der IS-Terrormiliz durch die Türkei. Stehen nun auch die Friedensgespräche mit der PKK vor dem Ende?

          Es ist schon einige Zeit her, seit der derzeitige türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute mit Blick auf die Ereignisse in Syrien warnte, nichts, was auf der syrischen Seite der Grenze geschehe, bleibe auf der türkischen folgenlos. Am Dienstag ließ sich die Illustration dieses Erdoganschen außenpolitischen Lehrsatzes auf den Straßen türkischer Städte betrachten: Während in Kobane Kurden gegen die multiethnische Terrortruppe des „Islamischen Staates“ (IS) kämpften, lieferten sich Kurden in Istanbul, Adana, Hakkari sowie weiteren türkischen Städten und Provinzen gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zu der Gewalt kam es am Rande von Demonstrationen, deren meist kurdische Teilnehmer die Regierung in Ankara bezichtigen, den Fall der vom IS belagerten kurdischen Stadt Kobane im Norden Syriens zu betreiben. Es ist eine feste Überzeugung vieler Kurden, dass die Türkei den IS auch jetzt noch militärisch, finanziell und logistisch unterstütze. Ansonsten sehe Ankara bewusst tatenlos zu, wie die islamistischen Kämpfer mit ihren Panzern und anderen überlegenen Waffen gegen Kobane anrennen, weil die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu wolle, dass die Stadt in deren Hände falle. Schließlich sei die Türkei nicht einmal der ihr freundlich gesonnenen kurdischen Regionalregierung im Nordirak (beziehungsweise „Südkurdistan“ in kurdischer Lesart) zur Hilfe geeilt, als die IS-Kämpfer Erbil bedrohten.

          Auch in der türkischen Hauptstadt Ankara lieferten sich kurdische Demonstranten Auseinandersetzungen mit der Polizei

          Gewaltsame Zusammenstöße

          Bei von solchen Überzeugungen inspirierten Demonstrationen „für Kobane“ kam es am Dienstag unter anderem im asiatischen Teil Istanbuls zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. Auf der Istiklal-Caddesi, der am Taksim-Platz beginnenden Flaniermeile des europäischen Teils der Stadt, wurden Steine geworfen. Die von Tränengas durchsetzte Luft erinnerte an die Gezi-Park-Proteste im vergangenen Jahr. In Adana waren in der Nacht zum Dienstag zwei Personen bei einer Demonstration verletzt worden. Gewaltsame Zwischenfälle wurden auch aus der kurdisch dominierten südostanatolischen Provinz Van und aus der fast ausschließlich von Kurden bewohnten Provinz Hakkari an der Grenze zu Iran und dem Irak gemeldet.

          Erdogans Warnung hat sich also bewahrheitet, wenn auch nicht im Sinne ihres Urhebers: Was derzeit an der türkisch-syrischen Grenze in Kobane geschieht, bleibt nicht ohne Folgen in der Türkei. Die innertürkischen Grenzen zwischen Türken und Kurden, die zuletzt durch die vage Hoffnung auf ein Gelingen des Friedensprozesses nicht mehr im Vordergrund standen, werden wieder sichtbar. Ein Führer der kurdischen Terrororganisationen PKK warnte dieser Tage sinngemäß, sollte die Türkei den IS als Hebel einsetzen, um den Kurden die Kontrolle über Kobane zu entwinden und in der ehemals de facto autonomen kurdischen Region eine Pufferzone einzurichten, sei der Friedensprozess in der Türkei zu Ende und der Krieg wieder da.

          So ähnlich hatte es zuvor schon der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan gesagt, jedenfalls nach Aussage derer, die ihn im Gefängnis besuchen durften. Ohne Kobane kein Frieden in der Türkei, so ließe sich die Öcalan zugeschriebene Nachricht zusammenfassen. Für die PKK sowie die mit ihr eng verbundene syrisch-kurdische „Partei der Demokratischen Union“ (PYD) ist Kobane als eine der drei von Kurden kontrollierten und verwalteten Regionen in Syrien ein wichtiger Teil ihrer regionalen Strategie. Kobane sollte das Modell sein, nachdem auch die kurdisch dominierten Gebiete in Südostanatolien zu gestalten sind. Für die Kurden der Türkei sollte Kobane Ansporn und Vorbild sein.

          Weitere Themen

          Kurz fordert Entlassung von Innenminister Kickl Video-Seite öffnen

          Regierungskrise in Österreich : Kurz fordert Entlassung von Innenminister Kickl

          Im Zuge des Ibiza-Skandals hat Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz die Entlassung von FPÖ-Innenminister Herbert Kickl gefordert. Er habe Präsident Alexander van der Bellen Kickls Entlassung "vorgeschlagen", sagte Kurz. Wegen der Entlassung von Kickl will die rechtspopulistische FPÖ wie angekündigt sämtliche Minister aus der Regierung abziehen.

          Topmeldungen

          Niki Lauda ist im Alter von 70 Jahren gestorben.

          Formel-1-Legende : Niki Lauda ist tot

          Formel-1-Legende Niki Lauda ist gestorben: Der dreifache Formel-1-Weltmeister wurde 70 Jahre alt. Nicht nur als Sportler feierte der Österreicher Erfolge.

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.
          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Der Kommissar geht um

          Von den Vengaboys bis zum verstorbenen Wiener Popkönig Falco: Das Ibiza-Video der gefallenen FPÖ-Größen Strache und Gudenus liefert Österreich derzeit gleich mehrere Soundtracks. Was sonst noch wichtig ist, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.