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Das Ende der Ära Castro : Ein Kind der Revolution

  • -Aktualisiert am

Kronprinz und Herrscher: Kubas Vizepräsident Miguel Diaz-Canel neben Präsident neben Präsident Raul Castro in Havanna. Bild: AP

In Kuba dürfte am Mittwoch Miguel Díaz-Canel an die Spitze des Staates aufrücken. Er zählte einmal zu den jungen Wilden. Aber das ist lange her. Wer ist Kubas neuer starker Mann?

          Er heißt nicht Castro. Und er wurde erst 1960 geboren, also nach der kubanischen Revolution. Auf diese beiden Feststellungen können sich Kubaner aller Couleur einigen, wenn es um Miguel Díaz-Canel geht – den Mann, der nach aller Erwartung diese Woche Präsident des Landes wird. Nachdem die entscheidende Sitzung der Nationalversammlung jetzt rätselhafterweise um einen Tag vorgezogen wurde, könnten die Abgeordneten den Schritt schon an diesem Mittwoch vollziehen. Er wird als Zäsur in die Geschichtsbücher eingehen. Schließlich liegt der Sieg der Revolutionäre unter Führung von Fidel und Raúl Castro beinahe 60 Jahre zurück. Vor 42 Jahren wurde die Verfassung verabschiedet, die dem Machthaber Fidel Castro auch das Präsidentenamt einbrachte. Vor zwölf Jahren übergab der Revolutionsführer seine Ämter an seinen Bruder Raúl. Vor knapp anderthalb Jahren starb Fidel. Und nun deutet alles darauf hin, dass der 86 Jahre alte Raúl sein Versprechen eines Generationswechsels erfüllt und seinem ersten Stellvertreter kurz vor dessen 58. Geburtstag am Freitag die Führung von Staats- und Ministerrat überlässt.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Ob die meisten Kubaner diese Zäsur in ihrem Alltag spüren werden, ist weit weniger sicher. Aus Díaz-Canels Frühzeit als Politiker, als er tatsächlich ein forscher Jungspund unter den kommunistischen Funktionären war, werden gern Geschichten erzählt, die seine Offenheit und Volksverbundenheit hervorheben. In der Provinz Villa Clara, wo er schon mit 33 Jahren als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei von 1994 an das Sagen hatte, fiel der damalige Beatles-Liebhaber Anhängern amerikanischer Rockmusik ebenso als Verbündeter auf wie Homosexuellen. Außerdem soll Miguel Díaz-Canel damals oft mit dem Fahrrad und nicht mit dem Dienstwagen herumgekurvt sein. Doch im folgenden Vierteljahrhundert seiner Karriere erschien der „junge Wilde“ aus den neunziger Jahren immer mehr als angepasster Apparatschik. Ende des vorigen Jahres schließlich tauchte im Internet das Video einer Rede auf, in der Díaz-Canel vor Parteifunktionären gegen die „Subversion“ durch gewisse Medien, ausländische Regierungen und „verhätschelte“ Kleinunternehmer wetterte.

          Nicht ganz bis in die Ewigkeit: Kubas Präsident Raúl Castro und sein Bruder Fidel singen auf dem Kongress der kommunistischen Partei Kubas Bilderstrecke

          Das war vielleicht bloß eine kubanische Form von Wahlkampf. Fidel Castro mag tot sein, aber viele seiner Kameraden aus der Revolutionsarmee sind noch da, und in ihren Händen laufen nach wie vor viele Strippen zusammen. Selbst wenn Díaz-Canel im Innersten beabsichtigen sollte, beherzter als Raúl Castro auf eine wirtschaftliche, diplomatische oder sogar politische Öffnung hinzuarbeiten, könnte er die Väter des kubanischen Sozialismus nicht als Gegner gebrauchen. Sogar Raúl Castro, der Gründer des kubanischen Repressionsapparats, war den „Fidelistas“ immer wieder entgegengekommen, wenn ihnen schon seine zaghaften Wirtschaftsreformen zu weit gingen. Politisch ist Díaz-Canel sein Geschöpf. Und Raúl Castro dürfte mindestens für drei weitere Jahre die höchste Instanz im Land bleiben: als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei. Er hat bisher keine Absicht erkennen lassen, auch dieses Amt vor dem nächsten regulären Parteitag im Jahr 2021 abgeben zu wollen.

          Castro hat noch nicht einmal ausdrücklich bestätigt, dass Díaz-Canel diese Woche an die Spitze der Regierung aufrücken soll. Doch Raúl ist nicht Fidel: Unter dem impulsiven Revolutionsführer hatten eine Reihe jüngerer Politiker kometenhafte Aufstiege erlebt, nur um dann zu verglühen, wenn sie zu eigenständig wurden und der alten Garde die Schau stahlen. Raúl Castro ist dagegen ein Institutionalist, der nicht zu abrupten Manövern neigt. Insofern dürfte das Machtwort gelten, mit dem er Díaz-Canel vor fünf Jahren als seinen ersten Stellvertreter präsentierte: „Er ist kein Emporkömmling und kein Provisorium.“ Angeblich hatte sich Raúl Castro den großgewachsenen Elektroingenieur schon in den neunziger Jahren als zentrale Figur eines Generationswechsels ausgeguckt. Das war die Zeit, als Díaz-Canel lange Haare trug und in der Provinz Villa Clara ein kontroverses Kulturzentrum unterstützte, wo Transvestiten auftraten und Künstler sich geborgen fühlten. Die Punkte, die der Funktionär damit in Teilen der Bevölkerung sammelte, waren umso mehr wert, als die schwere Wirtschaftskrise jener Jahre ihren Tribut forderte. Nach dem Kollaps des sowjetischen Regimes fehlte den Kubanern ein Gönner, und Raúl Castro überredete seinen Bruder zu ersten Schritten in Richtung Marktwirtschaft. Díaz-Canel bewies in der Krise Geschick. General Raúl Castro sorgte dafür, dass er für seine „ideologische Festigkeit“ 2003 mit einem Sitz im Politbüro der Partei belohnt wurde. Díaz-Canel übernahm nun das Amt des Ersten Parteisekretärs in der Provinz Holguin im Osten der Insel. 2009 holte Rául Castro, inzwischen auch amtlich Präsident, Díaz-Canel als Bildungsminister nach Havanna. Wenige Jahre später schien er sich festgelegt zu haben, dass Kuba bei ihm in guten Händen liegen werde.

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