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Fünf Jahre Kroatien in der EU : Feiern mit dem Barden des Hasses

Die Kroaten feierten die Rückkehr ihrer Nationalmannschaft nach dem verlorenen Finale der Fußballweltmeisterschaft. Bild: dpa

Nationalistische Strömungen, abwandernde Fachkräfte und eine lauwarme Einstellung zur EU: Jenseits des Fußballplatzes steht Kroatien nicht überall vizeweltmeisterlich da.

          Kroatien hat in diesem Monat ein Jubiläum und eine Premiere gefeiert. Die Premiere, die erste Finalteilnahme einer kroatischen Nationalmannschaft bei einer Fußballweltmeisterschaft, war ein Weltereignis. Das Jubiläum hingegen ging fast unbemerkt vorüber. Am 1. Juli jährte sich Kroatiens EU-Beitritt zum fünften Mal. Die Bilanz des ersten halben Jahrzehnts fällt durchwachsen aus. Als großes Plus gilt, dass Kroatien nun Zugriff auf die Strukturfördermittel der EU hat. Dabei geht es um ungleich höhere Summen als bei den Vorbeitrittshilfen, mit denen sich Kroatiens östlichen Nachbarn Serbien und Bosnien-Hercegovina zufriedengeben müssen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Durch die Förderung aus Brüsseler Töpfen kann Kroatien nun auch das teuerste Infrastrukturprojekt der Landesgeschichte verwirklichen, den Bau der Brücke von Pelješac. Sie soll den dalmatinischen Süden samt Dubrovnik mit dem Rest Dalmatiens und damit Kroatiens verbinden. Eigentlich ist Süddalmatien zwar seit jeher mit dem übrigen Kroatien auf dem Landweg verbunden, doch ragt der zu Bosnien gehörende Korridor von Neum wie ein Keil in kroatisches Territorium hinein. Im alten Jugoslawien war das nebensächlich, doch seit Kroatien der EU angehört, ist es das nicht mehr. Reisende müssen nun, um von einem Teil Dalmatiens in den anderen zu gelangen, die EU verlassen, um wenige Kilometer später wieder einzureisen, samt den an Außengrenzen der Union üblichen Kontrollen.

          Abwanderung von Fachkräften macht dem Land zu Schaffen

          Den Zuschlag für das kostspielige Bauprojekt, mit dem Bosnien künftig umfahren werden soll, hat ein chinesisches Staatsunternehmen gewonnen, das den österreichischen Mitbewerber Strabag spielend unterbieten konnte. Die EU fördert dieses Projekt, also letztlich auch China, mit knapp 360 Millionen Euro oder 85 Prozent der Gesamtkosten. Einschließlich der Zufahrtswege wird der Bau wohl fast eine halbe Milliarde Euro kosten. Ohne Brüsseler Förderung wäre das für Kroatien ein kaum zu stemmender Kraftakt gewesen.

          Dass die EU, die noch vor einigen Jahren skeptisch war, das Projekt nun subventioniert, ist allerdings auch eine schlechte Nachricht für Bosnien. Denn sinnvoll ist die teure Brücke zur Umgehung bosnischen Territoriums nur unter der Annahme, dass Bosnien auf lange Zeit nicht Mitglied der EU werden wird. Und diese Annahme ist wohl korrekt.

          Außer dem verlockenden Segen der Strukturfördermittel hat die EU-Mitgliedschaft Kroatien aber auch Schwierigkeiten eingebracht. Kroaten können nun leichter als früher überall in der EU arbeiten, und viele machen davon Gebrauch. Die Abwanderung von Fachkräften macht dem Land zu schaffen. Die Fluglinie „Croatia Airlines“, seit Jahren ein verlässlicher Verlustbringer für kroatische Steuerzahler, ist ein Beispiel dafür. Der schlecht geführte Staatsbetrieb hat in wenigen Jahren die Hälfte seiner Mechaniker, ein Drittel der Piloten und ein Viertel des Bordpersonals verloren. Viele arbeiten nun anderswo in Europa, wo sie mehr Geld verdienen können. Kroatische Medien berichteten unlängst, allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres habe „Croatia Airlines“ mehr als 100 Flüge aufgrund personeller Engpässe streichen müssen.

          Zugleich bezeichnen die meisten Kroaten die immer noch hohe Arbeitslosigkeit als ihre Hauptsorge. Das spiegelt ungelöste Strukturprobleme einer Wirtschaftsordnung wider, in der die alte jugoslawische Arbeiterselbstbedienungsmentalität und Subventionsgläubigkeit noch stark sind. Wechselnde kroatische Regierungen haben seit 2013 zu wenig getan, um diese Strukturen aufzubrechen. Die über Jahre angehäuften Schwierigkeiten von „Croatia Airlines“ sind nur ein Beispiel dafür.

          Starke nationalistische Kräfte

          Insgesamt haben die Kroaten nach fünf Jahren Mitgliedschaft eine lauwarme Einstellung zur EU. In jüngsten Eurobarometer-Umfragen gab fast die Hälfte an, eine „neutrale“ Haltung zu haben. Etwa 36 Prozent sahen Kroatiens EU-Mitgliedschaft dagegen positiv. Die Kroaten sind mit der EU in einer nüchternen Vernunftehe verbunden. Aber die halten bekanntlich oft am besten.

          Dass sie später am Abend noch mit dem nationalistischen Sänger Perković auf der Bühne standen, scheint die kroatischen Spieler nicht sonderlich gestört zu haben.

          Während die Zustimmung zur EU sinkt, erlebt der kroatische Nationalismus übelster Art einen Aufwind. Dass der rechtsradikale Widerling und Faschismusverherrlicher Marko Perković, Bühnenname Thompson, bei dem Empfang für die kroatische Fußballmannschaft in Zagreb mit den Spielern auf der Bühne stand und so einer Feier, die friedlich und fröhlich begonnen hatte, ihre Unschuld nahm, ist übel genug. Dass sich kaum jemand in Kroatien daran störte, ist noch erschreckender. Die in der Regel unaufgeregte „Neue Zürcher Zeitung“ hat Perković, der in seinen Liedern Konzentrationslager sowie das Abschlachten von Serben oder Juden und Hitlers kroatischem Juniorpartner Ante Pavelić feierte, einmal treffend als „Barden des Hasses“ bezeichnet.

          Dass Luka Modrić und seine Mitspieler ihre sportlich beeindruckenden Leistungen in Russland mit diesem Mann feierten, ist so, als hätte die deutsche Mannschaft ihren WM-Titel 2014 mit einer Band aus dem Neonazi-Milieu gefeiert und ein unbekümmertes „Sieg Heil“ dazu gegrölt.

          Gewiss, die Zeiten, da Autos mit serbischen Kennzeichen in Kroatien die Scheiben eingeschlagen wurden, sind vorbei, zumindest in Zagreb. In Split nicht unbedingt, denn Dalmatien, das um die vorvorige Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre hinein noch eine Hochburg des nach Belgrad orientierten Jugoslawismus war, ist inzwischen der nationalistischste Teil Kroatiens. Dort hat auch die Bürgerinitiative „Narod odlučuje“ („Das Volk entscheidet“) starken Rückhalt. Sie will ein Referendum initiieren, das die Abgeordneten der serbischen Minderheit zu Mandataren zweiter Klasse degradieren soll. Der Zulauf ist stark. Regierungschef Andrej Plenković hat sich unmissverständlich gegen die rassistische Initiative ausgesprochen. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović nicht.

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