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Kritische Lage in Kiew : Dann nehmen sie Anlauf und werfen

Er hörte die Gespräche der Männer, die ihn schlugen, und er schloss aus ihren Gesprächen, dass diese Leute so etwas öfter machten: Menschen schnappen, sie verprügeln, und hinterher zur Miliz bringen, in die Arrestzelle.

Knapp dem Tod entkommen

Als die Männer die Prügel beendet hatten, setzten sie Luzenko in einem Wald aus. „Sie zwangen mich auf die Knie, den Sack immer noch über den Kopf gezogen, die Stirn gegen eine Fichte gepresst. In dieser Nacht habe er dem Leben mindestens dreimal adieu gesagt.

Doch die Hinrichtung blieb aus, und während Luzenko noch an seiner Fichte kniete, sind die Männer verschwunden. Danach ist er dann, zerschlagen und halb ohnmächtig, mit einem fehlenden Schneidezahn, noch eine Strecke durch das Schneegestöber gewankt, mehr kriechend als gehend, und um sich bei Bewusstsein zu halten, sang er Kosakenlieder. Als er auf eine Datschensiedlung stieß, war er gerettet.

Werbitzkij hatte weniger Glück. Die Männer hatten ihn mit Klebeband verschnürt, bevor sie auch ihn in der Schneenacht aussetzten. Man fand seinen erfrorenen Leichnam im Wald, nicht weit von der Stelle, wo Luzenko sich gerettet hatte.

Wahl zwischen Sieg und Gefängnis

Seither ist viel geschehen. Auf der Gruschewski sind Demonstranten erschossen worden, mit scharfer Munition, und die Miliz sagt nur, das habe die Opposition sicher selbst getan, um Hass zu schüren. Auf der Gruschewski-Straße hat ein hagerer Mann mit ernstem Gesicht und vorstehenden Rippen, ein Gefangener der Miliz, sich unter offenem Frosthimmel, im Eis unter Schlägen und Püffen, restlos entblößen und den grienenden Milizionären ein Liedchen singen müssen, bevor sie auch ihn verprügelten. Ein durchgesickertes Video der Szene empörte die Nation so tief, dass sogar die Miliz selbst erschauerte. Eine Internetzeitung berichtet jedenfalls von einem Polizisten, der seinen Arbeitsplatz quittierte, nachdem er das Video gesehen hatte. Schon Christus der Erlöser, so begründete er seinen Schritt, habe nackt und entblößt den Spott der Welt ertragen müssen. Wenn jetzt Polizisten wie er diese Tat wiederholten, könne er den Menschen nicht mehr in die Augen sehen.

An der Barrikade fliegen die Feuerbrände ins Schwarze, in hohem Bogen, bis der Qualm sie lautlos schluckt. Die Frauen im Hintergrund, manche in Filzjacken, manche auch in den kostbaren Pelzen, die bis heute der Stolz der Ukrainerin sind, trommeln an den Feuertonnen den dröhnenden Zweivierteltakt der Revolution. Viktoria füllt ihre Flaschen, sorgsam und schnell. Selbst als Kameras kamen, hat sie ihr Gesicht nicht verdecken wollen. Wozu auch. Andrij Parubij, der „Kommandant“ des Majdan und seiner Hundertschaften, hat kürzlich gesagt, nach all dem, was schon geschehen sei, bleibe seinen Leuten ohnehin nur die Wahl zwischen Sieg und Gefängnis.

Vor der Rauchwand mitten im Trommeln plötzlich ein Tippen an der Schulter. Eine kleine Frau in der Winternacht, rot und rund wie ein Apfel. Sie trägt einen Kanister mit Uswar, dem altukrainischen Dörrobstkompott, das hier zu jeder Kindheit gehört. Möchtest du? Es schmeckt selbstgemacht. Das ganze Wissen, die ganze Fürsorge einer ukrainischen Großmutter strömt in einen hinein. Ihor Luzenko, der Überlebende unter den beiden Entführten im Wald, berichtete später auf seiner Facebook-Seite, wie er an seiner Fichte kniete, den Kopf in der Tüte. „Sie befahlen mir, zu beten“, schrieb er. „Und ich lehnte nicht ab.“

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