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Kritik am Vatikan : „Starrheit hat katholische Kirche an den Abgrund geführt“

Papst Franziskus bei einer Messe im Petersdom in Rom am 14. März Bild: AP

Der Vatikan wird für sein Nein zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare heftig kritisiert. Das Schriftstück der Glaubenskongregation enttäuscht mehrere deutsche Zusammenschlüsse von Katholiken.

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          Das Nein des Vatikans zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare hat in der Weltkirche die erwartet kontroversen Reaktionen hervorgerufen. In Deutschland äußerten etwa die ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK), die katholischen Frauenverbände kfd und KDFB, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sowie die Initiative „Wir sind Kirche“ Enttäuschung über die Entscheidung der Glaubenskongregation des Vatikans, wonach die katholische Kirche nicht befugt sei, homosexuelle Partnerschaften zu segnen. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der Passauer Bischof Stefan Oster begrüßten dagegen das Nein des Vatikans und äußerten sich dankbar über die erfolgte Klarstellung. Auch in den Vereinigten Staaten sowie in anderen Ländern gab es die erwarteten widersprüchlichen Reaktionen.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In dem sogenannten Responsum ad dubium (Antwort auf einen Zweifel) heißt es, kirchliche Segnungen menschlicher Beziehungen seien nur möglich, wenn damit den Plänen Gottes gedient sei. Deshalb sei es „nicht erlaubt, Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (das heißt außerhalb einer unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau, die an sich für die Lebensweitergabe offen ist) einschließen, wie dies bei Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts der Fall ist“.

          „Versuch des ,Ausschließens' entgegentreten“

          Für die ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche äußerte Vorstandsmitglied Thomas Pöschl, die Starrheit der römisch-katholischen Kirche in Fragen der Sexualmoral habe sie an „den Abgrund geführt“, vor dem sie heute stehe: „Wir fordern alle unsere katholischen Bischöfe in Deutschland auf, dem römischen Versuch des ,Ausschließens‘ entgegen zu treten.“ Das Komitee Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LSBT) in der katholischen Kirche hat gleichfalls mit Empörung reagiert. Das Schriftstück der Glaubenskongregation stelle „gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen in den Kontext von Sünde“ und fordere faktisch „homosexuelle Menschen auf, ihre sexuelle Orientierung zu unterdrücken“, heißt es in einer Mitteilung des LSBT-Komitees vom Dienstag.

          Damit verspiele die Glaubenskongregation ihre „vermutlich letzte Chance, weltweit menschenfreundlich und ethisch anschlussfähig zu bleiben“. Dabei zeigten die Erfahrungen der vergangenen Jahre, dass Mitglieder der katholischen Kirche „vielerorts nicht mehr dazu bereit sind, gleichgeschlechtliche Beziehungen als Sünde zu diffamieren, dass Segensfeiern bereits Teil ,inoffizieller‘ kirchlicher Praxis sind und dass die immer wieder beschworene biblische Verurteilung homosexueller Beziehungen theologisch nicht mehr haltbar ist“.

          Da Segnungen von Personen „in Beziehung zu den Sakramenten stehen“, würde ein solcher Akt bedeuten, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung dem Sakrament der Ehe gleichgestellt würde. Es gebe jedoch „keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“, heißt es in dem Schriftstück. Die christliche Gemeinschaft und die geistlichen Hirten seien jedoch aufgerufen, „Menschen mit homosexuellen Neigungen mit Respekt und Takt aufzunehmen“. Auch könne „einzelnen Personen mit homosexueller Neigung“ der Segen gespendet werden, sofern diese „den Willen bekunden, in Treue zu den geoffenbarten Plänen Gottes zu leben, wie sie in der kirchlichen Lehre vorgelegt werden“.

          „Gott segnet nicht die Sünde“

          Gleichzeitig wird in dem Schreiben, das vom 22. Februar 2021 datiert und vom Präfekten der Glaubenskongregation Luís Kardinal Ladaria unterzeichnet ist, daran erinnert, dass Gott zwar „jedes seiner Kinder“ und damit auch „den sündigen Menschen“ segnet: „Aber er segnet nicht die Sünde und er kann sie nicht segnen.“ Abschließend wird in dem Schreiben bekräftigt, dass Papst Franziskus über das Responsum ad dubium informiert worden sei und dies „gutgeheißen“ habe.

          Enttäuscht reagierte auch der ZdK-Präsident, Thomas Sternberg, auf die Entscheidung aus Rom. Sie reihe sich ein in „eine Folge von Störungen des Synodalen Weges“, den die deutschen Katholiken beschritten. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern der Weltkirche werde über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paarbeziehungen diskutiert, sagte Sternberg. Eine „Verheutigung“ der katholischen Lehre, wie sie Moraltheologen seit langem fordern, dürfe vom Vatikan nicht rundweg abgelehnt werden, es müsse eine Weiterentwicklung der Lehre mit tragfähigen Argumenten geben.

          Der Wormser Dompropst Tobias Schäfer zeigte sich in einer auf Facebook auch als Video veröffentlichten Stellungnahme „fassungslos“. Er könne nicht glauben, „dass Schwule, Lesben, Transgender sündige Menschen sind. Sie sind von Gott geliebt wie jeder liebende Mensch. Und stehen unter Gottes Segen.“ Schäfer sagte, er habe als Priester zwar seinem Bischof und damit der Kirche und „noch viel mehr Christus Ehrfurcht und Gehorsam geschworen“. Aber er sehe sich nicht in der Lage jemandem den Segen zu verweigern, der diesen „erbittet und ersehnt“. Bereits am Montag hatte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, „nicht glücklich“ über die Erklärung gezeigt.

          Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagte dagegen, zwar müsse jeder Mensch unabhängig von seiner sexuellen Orientierung in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden. Eine Gleichsetzung von Ehe und homosexuellen Lebensgemeinschaften könne es nach der Lehre der Kirche aber nicht geben. Der Passauer Bischof Stefan Oster äußerte die Hoffnung, dass die Feststellung der Glaubenskongregation „größere Einmütigkeit“ befördere.

          Die Debatte über die Segnung homosexueller Paare habe ihrerseits dagegen zu Polarisierungen geführt. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck betonte die Nähe der Kirche im Ruhrbistum zu allen Menschen. „Wir werden mit unseren seelsorglichen Angeboten auch weiterhin alle Menschen begleiten, wenn sie darum bitten – ganz gleich in welcher Lebenssituation“, sagte er.

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