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Kritik an Liz Truss : Macron, kein Freund?

Liz Truss Bild: AP

Ob Präsident Macron ein Freund oder ein Feind sei, wurde die britische Außenministerin Liz Truss gefragt. Ihre Antwort rief nicht nur in London scharfe Kritik hervor.

          2 Min.

          Der noch amtierende Premierminister Boris Johnson hatte in den vergangenen drei Jahren eine Menge Ärger mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, aber das hielt ihn nicht davon ab, stets von „unseren französischen Freunden“ zu sprechen. Als Außenministerin Liz Truss, die Johnson im September im Amt folgen will, am Donnerstagabend bei einer Wahlkampfveranstaltung in Norwich gefragt wurde, ob sie Macron als „Freund oder Feind“ sieht, antwortete sie zur Überraschung vieler: „The jury is still out“, was so viel heißt wie: Das ist noch nicht entschieden.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Dem Lachen im Saal, der mit Mitgliedern der Konservativen Partei besetzt war, folgte erst Kopfschütteln in London, dann eine harsche Reaktion aus Paris. Die Labour Party warf Truss einen „beklagenswerten Mangel an Urteilsvermögen“ und eine Beleidigung eines der „engsten Verbündeten Großbritanniens“ vor. Konservative Abgeordnete sprachen von einem „ernsten Fehler“ und warfen Truss vor, zur Unzeit Zwist im westlichen Bündnis zu säen. Selbst der deutsche Botschafter in London, Miguel Berger, schaltete sich ein und riet den Briten in der BBC, „ein möglichst enges Verhältnis zu Frankreich anzustreben“. Truss’ Rivale um den Parteivorsitz, der frühere Schatzkanzler Rishi Sunak, hatte auf dieselbe Frage spontan mit „Freund“ geantwortet.

          Macron revanchiert sich

          Als Macron auf einer Reise in Algerien auf Truss’ Äußerung angesprochen wurde, schoss er zurück. „Es ist nie gut, wenn jemand seinen Kurs verliert“, wurde er in der britischen Presse zitiert. „Wenn wir unter Franzosen und Briten nicht mehr sagen können, ob wir Freund oder Feind sind – der Begriff ist nicht neutral –, bekommen wir ernste Probleme.“ Macron fuhr fort: „Deshalb sage ich dem britischen Volk, dass das Königreich eine freundliche, starke und verbündete Nation ist, unabhängig von ihren Führern und manchmal trotz ihrer Führer oder ihrer kleinen Fehler, die sie mit Effekthascherei begehen.“ Großbritannien bleibe „ein Freund Frankreichs“, ganz gleich, wer nächster Premierminister werde.

          Es war nicht das erste Mal, dass Truss im Wahlkampf die antifranzösische Karte gespielt hat. Bei einem früheren Duell mit Sunak hatte sie ein „robustes“ Vorgehen gegen Paris angekündigt. Sie erwähnte die Streitigkeiten um das Nordirlandprotokoll und die illegale Migration über den Ärmelkanal. Auch für die „absolut vermeidbaren“ Staus am Eurotunnel machte Truss die Franzosen als Schuldige aus; sie würden nicht genügend Personal abstellen.

          Brüsk hatte sie auch Macrons Vorstoß ab­gelehnt, Nicht-EU-Mitglieder wie Groß­britannien in eine neue, weiter gefasste Europäische Politische Gemeinschaft aufzunehmen. In Paris wurde versichert, dass Johnson im Juni Interesse an der Idee bekundet habe, aber Truss bestritt, dass Großbritannien jemals mit dem Gedanken gespielt habe. „Ich weiß nicht, welche Worte Präsident Macron genau benutzt hat, aber wir haben dem nicht zugestimmt“, sagte sie. Auf die Frage, ob sie persönlich an „seine politische und wirtschaftliche Gemeinschaft“ glaube, antwortete sie: „No.“

          In ihrem Lager wurde Truss am Freitag verteidigt. Der Abgeordnete John Redwood, dem eine Rolle in einem Kabinett Truss zugetraut wird, sah die Bringschuld in Paris: „Präsident Macron könnte Freundschaft mit dem Königreich demonstrieren, indem er die Schlepperbanden an den französischen Stränden festnimmt und die kleinen Boote daran hindert, auf illegale und gefährliche Überfahrten aufzubrechen“, sagte er. Auch könne Macron Großbritannien dabei unterstützen, in Nordirland ungehindert Waren zu verkaufen.

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