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Mord an Sarah Everard : Kritik an „institutioneller Frauenfeindlichkeit“ bei Scotland Yard

Polizeichefin Cressida Dick im September in London Bild: dpa

Der Polizist, der die Londonerin ermordete, war schon vorher auffällig. Kollegen nannten ihn den „Vergewaltiger“. Deswegen wird nun in Frage gestellt, ob die Polizei intern genug gegen Frauenfeindlichkeit tut.

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          Nach der Verurteilung des Polizisten Wayne Couzens für den Mord an der Londonerin Sarah Everard ist die britische Polizei als Ganzes ins Blickfeld von Kritikern geraten. Fragen wurden laut, ob der nun lebenslang eingesperrte Mann nicht Jahre vor seiner Tat als gefährlich hätte identifiziert werden müssen, und ob es in Scotland Yard eine Schweigekultur sowie „institutionelle Frauenfeindlichkeit“ gebe. Viele sprechen von einem „erodierten Vertrauen“ in die Polizei. Die Londoner Polizeipräsidentin Cressida Dick sah sich am Freitag Rücktrittsforderungen von Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen ausgesetzt. Premierminister Boris Johnson zeigte sich „angewidert“ von den Details des Verbrechens und sagte: „Die Menschen müssen ohne Angst auf der Straße gehen können und mit vollen Vertrauen darauf, dass die Polizei für ihre Sicherheit da ist“.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Couzens hatte unter anderem seinen Dienstausweis und Handschellen benutzt, um Everard in sein Auto zu zwingen, wo er sie später vergewaltigte und mit seinem Polizeigürtel erwürgte. Ein Polizeisprecher bestätigte, dass Couzens zuvor über längere Zeit sexistische und rassistische Textnachrichten mit mindestens fünf Polizeikollegen in einer WhatsApp-Gruppe ausgetauscht hatte; in einer Textnachricht soll er sich über die Möglichkeit lustig gemacht haben, dass ein Polizist eine Frau vergewaltigen und töten kann. Gegen die fünf Beamten wird inzwischen ermittelt. Der Polizeisprecher berichtete überdies, dass Couzens unter einigen Kollegen der Spitzname „The Raper“ (der Vergewaltiger) anhing. „Er war auch bekannt für Drogenmissbrauch, extreme Pornographie und ähnliche Vergehen“, sagte der Sprecher am Freitag in der BBC.

          Verunglimpfung bei Beschwerden

          Gleichzeitig wurde bekannt, dass Couzens vor sechs Jahren mit einer exhibitionistischen Aktion in Kent aufgefallen war. Wenige Tage vor seiner Tat hatte er sich in einem Schnellrestaurant zwei weitere Male entblößt. Beide Fälle seien der Polizei gemeldet worden, doch habe sie versäumt, ihren Kollegen zu identifizieren, obwohl dies über das übermittelte Auto-Nummernschild Couzens leicht möglich gewesen wäre. „Es hätte eine Untersuchung geben müssen“, sagte die Opferbeauftragte für England und Wales, Vera Baird. „Wäre er für seine Taten festgenommen worden, hätte er vielleicht nicht die Möglichkeit gehabt, zu tun, was er getan hat.“

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          Mehrere ehemalige Polizistinnen meldeten sich in den vergangenen Tagen und berichteten gegenüber Medien von „institutioneller Frauenfeindlichkeit“ in der Polizei. Die frühere Superintendentin Scotland Yards, Parm Sandhu, sagte am Freitag, dass sie in ihrer Amtszeit „verunglimpft“ worden sei, als sie sich über das Betragen männlicher Kollegen beklagt hatte. „Die Polizeidienst ist sehr sexistisch und frauenfeindlich, und viele Frauen beschweren sich nicht offiziell über ihre Kollegen.“

          Um Hilfe vor der Polizei rufen

          Unter der Führung Dicks, deren Vertrag kürzlich trotz heftiger Proteste bis 2024 verlängert wurde, erlebte Scotland Yard zahlreiche Skandale und Pannen. Als Dick sich vor dem Londoner Scotland-Yard-Sitz im Namen der Polizei für die Tat Couzens mit gebrochener Stimme entschuldigte, riefen Demonstranten: „Zurücktreten!“ Innenministerin Priti Patel stellte sich bislang nicht eindeutig hinter den ersten weiblichen „Commissioner of Police of the Metropolis“, wie Dicks Amt offiziell heißt, sondern sprach nur von „ernsthaften Fragen“, die jetzt zu klären seien. Seit 2010 wurden Sexismus-Vorwürfe gegen 771 Polizisten und Polizeimitarbeiter erhoben. 163 wurden festgenommen und 83 fristlos gekündigt. Von den Festgenommenen wurden 78 angeklagt und 44 verurteilt. Insgesamt sind 43.000 Personen bei der britischen Polizei beschäftigt.

          Scotland Yard stellte am Freitag neue Maßnahmen vor, um Frauen Sorge vor unrechtmäßig handelnden Polizisten zu nehmen. So solle man in einem Verdachtsfall darauf bestehen, sich über den Funk des Beamten mit der Polizeizentrale verbinden zu lassen, um die Rechtmäßigkeit des Einsatzes zu überprüfen. Sollten Zweifel bestehen bleiben, sollten die Betroffenen laut um Hilfe rufen, Autos stoppen oder den Notruf wählen. Dies überzeugte viele nicht. Die Labour-Abgeordnete Jess Phillips beklagte am Freitag, dass es bei der Polizei an einer Strategie zum Umgang mit Gewalt gegen Frauen fehle. Die beiden für die Sicherheit im Land verantwortlichen Frauen, Dick und Patel, hätten ihre Amtsautorität bislang nicht genutzt, um die Dinge zu verbessern. „Ich will mehr hören, als ,Wir arbeiten zusammen‘ und ,Wir lernen aus unseren Fehlern‘ – das könnte auch ein Fünfjähriger sagen.“

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