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Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

Kandidaten um den Parteivorsitz der Konservativen: Boris Johnson (links) und Jeremy Hunt Bild: dpa

Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Obwohl die Mitglieder der Konservativen Partei noch bis zu diesem Montag ihre Stimme abgeben dürfen, bemühten sich beide Premierministerkandidaten, die Krise im Persischen Golf nicht für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren. Während Boris Johnson am Wochenende zur Festsetzung des britischen Tankers „Stena Impero“ schwieg und dem Vernehmen nach von seinem Rivalen, Außenminister Jeremy Hunt, auf dem Laufenden gehalten wurde, äußerte sich Hunt mit diplomatisch kalibrierter Schärfe.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts sagte er, der jüngste Vorfall im Persischen Golf sei „absolut inakzeptabel“ und werfe „ernste Fragen über die Sicherheit der britischen und auch der internationalen Schifffahrt auf“. Von Drohungen sah er ab. „Unsere Priorität bleibt es, einen Weg zur Deeskalation der Lage zu finden“, sagte Hunt.

          Streit um Festsetzung eines Tankers vor Gibraltar

          Am Samstag bestellte das Foreign Office den iranischen Botschafter in London ein. Hunt führte außerdem ein Telefongespräch mit dem iranischen Außenminister Dschawad Zarif. Zunächst hatte Iran das Aufbringen des Tankers mit einer angeblichen Verletzung des internationalen Seerechts begründet. Die „Stena Imperio“, hieß es in Teheran, soll auf ihrem Weg durch die Straße von Hormuz ein Fischerboot gerammt und nicht auf Hilferufe der in Seenot Geratenen reagiert haben. Dies wurde von der Reederei der „Stena Impero“ bestritten.

          Am Samstag wurde dann ein Sprecher des iranischen Wächterrats mit den Worten zitiert, dass Teheran auf einen „illegitimen Wirtschaftskrieg“ und die Beschlagnahmung eines iranischen Tankers reagiert habe. Das „Prinzip gegenseitiger Maßnahmen“ sei durchaus bekannt im internationalen Recht, ergänzte der Sprecher. In dieser Weise verstand Hunt offenbar auch seinen iranischen Amtskollegen. Zarif betrachte die Aktion als eine „Retourkutsche“, mit der Gleiches mit Gleichem heimgezahlt worden sei, sagte Hunt und fügte an: „Nichts könnte der Wahrheit ferner sein.“

          Die Royal Navy hatte Ende Juni den Behörden in Gibraltar geholfen, den iranischen Tanker „Grace 1“ vor ihrer Küste festzusetzen. Als Begründung wurde angegeben, dass das Schiff Öl für Syrien geladen und Iran damit gegen EU-Sanktionen verstoßen habe. Hunt bezeichnete die Festsetzung der „Grace 1“ als rechtmäßig, während die iranischen Revolutionsgarden mit der Beschlagnahmung der „Stena Impero“ gegen internationales Seerecht verstießen. London richtete eine Beschwerde an den UN-Sicherheitsrat.

          Maskierte iranische Soldaten hatten sich am Freitag von Hubschraubern abgeseilt und das Schiff in ihre Gewalt gebracht. Sie leiteten es in den Hafen von Bandar Abbas um, wo es nun festliegt. Laut der Reederei sind die 23 Besatzungsmitglieder, die aus Indien, Russland, Lettland und den Philippinen stammen, unverletzt.

          Kritische Fragen, nicht nur von Labour

          Britische Zeitungen zitierten am Wochenende Quellen aus der Armee, denen zufolge die Besatzung des Tankers die britische Fregatte „HMS Montrose“ zur Hilfe gerufen hatte, als sich die iranischen Revolutionsgarden in Schnellbooten und Hubschraubern näherten. Das Kriegsschiff, das zusammen mit sechs Minensuchbooten in den Gewässern patrouilliert, hatte in der vergangenen Woche einen ersten Versuch Irans, einen britischen Tanker vom Kurs abzubringen, verhindern können.

          Die von Irans Revolutionsgarden verbreiteten Bilder sollen Vorbereitung und Durchführung der Beschlagnahmung des Tankers „Stena Impero“ zeigen.

          Doch am Freitag war die „HMS Montrose“ zu weit entfernt, um noch rechtzeitig eingreifen zu können. Als die „Stena Imperio“ in Sichtweite kam, fuhr sie schon in iranischen Hoheitsgewässern. Die beiden Kriegsschiffe, die London zur Verstärkung in die Region beordert hatte – die Fregatte „HMS Kent“ und den Zerstörer „HMS Duncan“ – sind noch auf dem Weg. Der Admiral a.D. Alan West, ehemals „First Sea Lord“ der Royal Navy, warf der Regierung vor, zu wenig für die Sicherheit britischer Schiffe zu tun. Die politisch Verantwortlichen seien vom Machtkampf um die Nachfolge Theresa Mays zu sehr abgelenkt, schrieb West, der für die Labour Party im Oberhaus sitzt.

          Auch der frühere Parteivorsitzende der Konservativen, Iain Duncan Smith, der Johnsons Wahlkampf organisiert hatte, stellte kritische Fragen. Er wolle insbesondere wissen, ob die Regierung ein Angebot Washingtons ausgeschlagen habe, die britischen Tanker militärisch zu schützen, sagte er am Sonntag in der BBC.

          Im britischen Verteidigungsministerium wurde der Vorwurf zurückgewiesen, dass der Tanker besser hätte geschützt werden müssen. Staatssekretär Tobias Ellwood verwies auf die rasche Dynamik der Krise und die Entsendung der beiden Kriegsschiffe. „Es braucht Zeit, bis reagiert werden kann.“ Jetzt gehe es um Deeskalation, sagte Ellwood und bezeichnete den Vorfall als „Teil einer größeren geopolitischen Herausforderung“, der sich Iran und der Westen gegenübersähen.

          Auch der Rückzug Washingtons aus dem Nuklearabkommen mit Teheran, an dem London gemeinsam mit der EU festhält, sei ein Faktor. Die Frage, ob London Sanktionen gegen Iran erwägt, beantwortete Ellwood ausweichend. Man prüfe verschiedene Optionen, sagte er.

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