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Kritik an Benedikt XVI. : „Papst lebt in totalem Autismus“

  • Aktualisiert am

Kondomlieferung gegen Aids: „Kondome retten Leben” Bild: dpa

Wegen seiner Ächtung von Präservativen bei der Aids-Prävention hat Papst Benedikt XVI. international Empörung ausgelöst. Als Reaktion will die spanische Regierung nun eine Million Kondome nach Afrika schicken. Unterdessen ließ sich der Papst in Kamerun feiern.

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          Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat Papst Benedikt XVI. in der Debatte über dessen Aids-Äußerungen verteidigt. Der Papst führe seine Mission aus und verhalte sich seiner Rolle entsprechend, sagte Berlusconi laut der Zeitung „Corriere della Sera“ in Brüssel während des EU-Gipfels.

          Andere italienische Politiker kritisierten in den Medien die Papstäußerung. Der Chef der Lega Nord, Umberto Bossi, warf Benedikt XVI. vor, die Realität in Afrika nicht zu berücksichtigen. Der Führer der links-oppositionellen Demokratischen Partei, Dario Franceschini, bezeichnete Kondome als „nützlich und unentbehrlich“ im Kampf gegen Aids in den ärmsten Ländern der Welt. Felice Belisario von der Partei „Italien der Werte“ sagte, die Kirche mache einen Fehler. Dagegen bezeichnete Pier Ferdinando Casini von der christdemokratischen UDC die Kritik am Papst auf hoher europäischer Ebene als „manipulativ“. Er sprach von „Verleumdung“ und einer Strategie, die christlichen Wurzeln Europas zu negieren.

          Spanien sendet eine Million Kondome

          Die spanische Regierung unter der Führung des sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero hatte am Donnerstag beschlossen, als Sofortmaßnahme zur Vorbeugung gegen Aids eine Million Kondome nach Afrika zu schicken. Die Entscheidung folgte nur einen Tag auf die Äußerung von Papst Benedikt XVI., wonach die Benutzung von Präservativen das Gesundheitsproblem noch verschärfe. Das spanische Gesundheitsministerium widersprach dem Papst in einer Stellungnahme mit dem Hinweis: „Kondome retten Leben“.

          In Afrika umjubelt: Papst Benedikt XVI in Jaude
          In Afrika umjubelt: Papst Benedikt XVI in Jaude : Bild: dpa

          Die Kondome, die rund 120.000 Euro kosten, werden aus dem Budget des Gesundheitsministeriums bezahlt. Sie sollen durch Nichtregierungsorganisationen in verschiedenen afrikanischen Ländern verteilt werden. Ein Sprecher von Gesundheitsminister Bernat Soria verband diese Ankündigung mit der Aufforderung an Papst Benedikt XVI., seine Aussagen rasch zu korrigieren. „Seine Heiligkeit war sehr schlecht beraten. Der Papst müsste ihnen ein Mea Culpa folgen lassen, weil er eine Botschaft wider alle wissenschaftliche Erkenntnis verkündet hat“, sagte Soria.

          „Weitere Provokation“

          Während in einem großen Teil der spanischen Öffentlichkeit ebenfalls die Kritik an Benedikt XVI. überwog, sprachen Vertreter der konservativen Opposition Spaniens von einer weiteren „Provokation“ der katholischen Kirche im eigenen Lande.

          Hintergrund dieses Vorwurfs ist ein Konflikt zwischen Kirche und Staat wegen einer geplanten Reform der Abtreibungsgesetze. Die Regierung unter Ministerpräsident Zapatero beabsichtigt eine Liberalisierung mit Fristenregelung und voller Entscheidungsfreiheit für Schwangere ab sechzehn Jahren. Die spanische Bischofskonferenz hatte erst vor wenigen Tagen dagegen eine Plakat-Kampagne in vierzig großen Städten begonnen. Auf ihnen wird behauptet, dass gefährdete Tierarten wie der iberische Luchs in Spanien besser geschützt seien als Ungeborene.

          „Papst lebt in totalem Autismus“

          Auch aus Frankreich wurden Stimmen der Empörung vernommen. „Dieser Papst fängt an, ein echtes Problem darzustellen“, entfuhr es Alain Juppé, dem früheren französischen Premierminister, der gewöhnlich als zurückhaltender gilt. Juppés Reaktion ist bezeichnend für die empörte Stimmung, die in Frankreich nach den Äußerungen Papst Benedikt XVI. gegen die Verwendung von Kondomen zur Aids-Prävention vorherrscht. „Der Papst lebt anscheinend in einem totalen Autismus“, sagte Juppé.

          Der Vorsitzende der Modem-Bewegung, der praktizierende Katholik Francois Bayrou, verurteilte die Äußerungen des Papstes als „unannehmbar“. Es sei oberste Christenpflicht, das Leben zu schützen. „Auf dem afrikanischen Kontinent sind zigmillionen Menschen durch Aids vom Tod bedroht. Das ist wirklich nicht der Ort für moralische Lektionen. Man muss auch die Wirklichkeit wahrnehmen“, sagte Bayrou.

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