https://www.faz.net/-gpf-sgnw

Krisenregion Darfur : „Helfer in der Defensive“

  • Aktualisiert am

Schlechte Zustände für Flüchtlinge in Darfur Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ungeachtet der Friedensgespräche in Nigeria verschlechtert sich die Situation in der westsudanesischen Krisenregion Darfur zusehends. Neue Kämpfe machen die Versorgung der drei Millionen Flüchtlinge nahezu unmöglich.

          3 Min.

          Ungeachtet der Friedensgespräche in Nigeria verschlechtert sich die Situation in der westsudanesischen Krisenregion Darfur zusehends. Nach Ansicht von Jan Egeland, Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, ist sie so schlimm wie bei Ausbruch des Krieges im Jahr 2004. Nach seinen Worten sind nahezu alle Hilfsorganisation wegen Rebellenangriffen, mangelnder finanzieller Mittel und administrativer Schwierigkeiten „in der Defensive“.

          Fast 500.000 der auf drei Millionen Menschen geschätzten Zahl der Flüchtlinge in Darfur seien „außerhalb der Reichweite der Hilfslieferungen“, sagte Egeland. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) hält die Situation mittlerweile für zu gefährlich, um noch weitere Hilfe leisten zu können. Regelmäßig würden ihre Fahrzeuge geplündert und ihr Personal bedroht, sagte ein IKRK-Sprecher in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Neue Kämpfe und unübersichtlicher werdende Fronten machten die Versorgung der Flüchtlinge nahezu unmöglich. Gleichwohl geht das IKRK im Gegensatz zu Egeland von 2,4 Millionen statt 3 Millionen Hilfsbedürftigen aus.

          Kämpfe, Sorgen und Beschuldigungen

          Aus dem zentralsudanesischen Marra-Gebirge, bislang eine Hochburg der Rebellen, sind nach Angaben des IKRK vor wenigen Tagen mehrere zehntausend Zivilisten vor Kämpfen zwischen Rebellen und der sudanesischen Armee sowie der mit ihr verbündeten arabischen Reitermiliz Djanjawid geflohen. Zudem hat sich die größte Rebellengruppe, „Sudan Liberation Army“ (SLA) offenbar in mehrere Fraktionen gespalten, die sich gegenseitig bekämpfen. Hinzu kommen tschadische Rebellen, die von Darfur aus den Sturz des tschadischen Präsidenten Idriss Deby betreiben sowie Mitglieder der ehemaligen Präsidentengarde Debys, die nach ihrer Flucht ebenfalls in Darfur Unterschlupf fanden.

          Der UN-Flüchtlingshochkommissar Guterres zeigte sich derweil besorgt über die Zukunft der etwa 200.000 sudanesischen Flüchtlinge in Tschad. Die tschadische Regierung hatte nach einem gescheiterten Umsturzversuch in N'Djamena in der vergangenen Woche alle Beziehungen zu Sudan abgebrochen. Sie beschuldigt Khartum, die Rebellen zu unterstützen. Aus Protest gegen die „sudanesische Aggression“ hat Tschad zudem seine Teilnahme an den Friedensgesprächen für Darfur in Nigeria beendet.

          Keine Garantie für Sicherheit der Flüchtlinge

          Immerhin ist Präsident Deby mittlerweile von seiner ursprünglichen Ankündigung, alle sudanesischen Flüchtlinge des Landes zu verweisen, wieder abgerückt. „Was Deby damit sagen wollte ist, daß er die Sicherheit dieser Flüchtlinge nicht mehr garantieren könne“, interpretierte Guterres Debys Einlenken. Nach den Worten des ehemaligen portugiesischen Ministerpräsidenten versuchten tschadische Sicherheitskräfte in den Lagern entlang der sudanesischen Grenze zwar, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sie müßten sich aber selbst ständig gegen neue Angriffe von Rebellen verteidigen, die aus Darfur einsickern.

          Nach dem gescheiterten Putsch in Tschad fliehen zudem Tschader vor dem Kämpfen im eigenen Land. Nach unbestätigten Berichten sollen sich mittlerweile 100.000 Menschen im Grenzgebiet aufhalten, nachdem sie ihre Ortschaften verlassen mußten, wobei sie in dieser Region nicht nur Repressionen der tschadischen Armee und tschadischer Rebellen ausgesetzt sind, sondern auch den in regelmäßigen Abständen in Tschad plündernden sudanesischen Djanjawid-Milizen.

          Sicherheitsrat entscheidet über Sanktionen

          Unterdessen verweigerte Khartum einer Militärmission der Vereinten Nationen die Einreise nach Darfur. Die Offiziere sollen die geplante Entsendung von Blauhelmsoldaten vorbereiten. Die UN werden zum Ende des Jahres die Friedensmission der Afrikanischen Union in Darfur übernehmen. Das Regime in Khartum aber macht die UN-Mission von Fortschritten bei den Friedensgesprächen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja abhängig. Die internationale Gemeinschaft hatte den Konfliktparteien bis zum 30. April Zeit gegeben, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Knapp zehn Tage vor Ablauf dieses Ultimatums aber scheint ein tragfähiges Friedensabkommen aber in weiter Ferne zu sein.

          Um Druck auf die Verhandlungspartner auszuüben, wollte der Sicherheitsrat am Freitag abend über Sanktionen gegen einzelne Personen, die sich in Darfur wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben, entscheiden. Es geht dabei unter anderem um den Führer der Djanjawid-Milizen. Rußland und China aber hatten schon angekündigt, diese Resolution notfalls mit ihrem Veto zu verhindern. Beide Länder haben wirtschaftliche Interessen in Sudan. Rußland liefert dem Regime Waffen, China fördert dort Öl.

          Weitere Themen

          Greta fordert Stärkung der Wissenschaft Video-Seite öffnen

          UN-Klimakonferenz in Madrid : Greta fordert Stärkung der Wissenschaft

          Bei der etwa zweiwöchigen Weltklimakonferenz in Madrid sind Vertreter von rund 200 Staaten anwesend. Sie endet am 13. Dezember. Bei einer Diskussion fordert sie dazu auf, nicht nur Protestierenden, sondern auch Experten und Wissenschaftlern zuzuhören.

          Im roten Sumpf

          Rathausaffäre in Hannover : Im roten Sumpf

          Mit der Rathausaffäre ging es für Niedersachsens Sozialdemokratie endgültig bergab, das rote Hannover wurde grün. Nun stehen die Verantwortlichen vor Gericht. Unter ihnen: der frühere Oberbürgermeister Stefan Schostok.

          Topmeldungen

          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Aktiensteuer : Scholz’ Zerrbild

          Olaf Scholz wollte die Verursacher der Finanzkrise zu Kasse bitten. Doch Algo-Trader oder Derivate-Händler sind – im Gegensatz zu ETF-Sparern und Kleinaktionären – von seiner Steuer nicht betroffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.