https://www.faz.net/-gpf-10n7o

Krisenmanagement : „Die Deutschen sind schuld!“

Zeitungen wie „Le Figaro” halten den Deutschen mangelndes europäisches Bewusstsein vor Bild: AFP

Frankreich empört sich über das Krisenmanagement der Bundesregierung. Berlins Handeln gegen die Finanzkrise wird in den Medien als verantwortungsloser „Alleingang“ wider europäische Interessen wahrgenommen.

          2 Min.

          In Frankreich wächst der Unmut über das Krisenmanagement der Bundesregierung in der Finanzkrise, das als nationaler Alleingang wider europäische Interessen wahrgenommen wird. Den Vertrauensverlust an den europäischen Börsenplätzen führte der Unternehmensberater, Essayist und frühere Aufsichtsratsvorsitzende von „Le Monde“, Alain Minc, am Dienstag auf eine „verfehlte Strategie“ von Bundeskanzlerin Merkel zurück. „Die Deutschen sind schuld!“, sagte Minc im französischen Privatsender RTL (dessen Mehrheitseigner die deutsche Bertelsmann-Gesellschaft ist).

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Minc, eine der schillernden Persönlichkeiten im französischen Wirtschaftsleben, der auch Präsident Sarkozy berät, begründete die Nervosität an den Börsen mit der Enttäuschung über das deutsche Veto gegen einen europäischen Schutzschirm für den Bankensektor. „Normalerweise sagen wir immer: Die Franzosen sind schuld. Aber ein so föderalistisch gesinnter Europäer wie ich darf auch einmal sagen: Die Deutschen sind schuld“, erläuterte Minc. „Angela Merkel hat einen Fehler begangen: Sie hat vergessen, dass das deutsche Bankensystem das schwächste in Europa ist“, sagte der Berater, der etwa die Fusion zwischen den Energiekonzernen Suez und Gaz de France angebahnt hatte. Merkel habe sich für einen nationalen Alleingang entschieden, doch sei fraglich, ob diese Position dauerhaft zu halten sei.

          Mangelndes europäisches Denken

          Die Kritik Mincs fügt sich ein in eine Serie von Kommentaren in Zeitungen wie „Le Figaro“, „Le Monde“ oder „Libération“ am Dienstag, in denen das mangelnde europäische Denken in der Führungsriege der stärksten Wirtschaftsmacht der Eurozone beklagt wird. Auch wenn überall vermerkt wird, dass Sarkozy es vielleicht an diplomatischem Takt mangeln lasse, habe der derzeitige EU-Ratspräsident mit dem G-4-Treffen in Paris zumindest versucht, eine europäische Antwort auf die Finanzkrise zu finden. Es wird auch erinnert an den Brief Sarkozys, den er im August 2007 an die damalige G-8-Vorsitzende Merkel schrieb, mit der Bitte, konzertiert auf die Finanzkrise zu reagieren. Doch habe die Bundeskanzlerin vorgezogen, die Entwicklung abzuwarten.

          Hat es Sarkozy auf dem G-4-Treffen an diplomatischem Takt mangeln lassen?
          Hat es Sarkozy auf dem G-4-Treffen an diplomatischem Takt mangeln lassen? : Bild: dpa

          Auch jetzt habe die Bundesregierung jeglichen Versuch einer „Europäisierung der Risiken“ vereitelt. Das Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit in der Euro-Zone sei damit weiter gesunken. „Ungeniertes Deutschland“ betitelte „Le Monde“ einen Leitartikel, der der Bundesregierung ein „Denkschema aus den neunziger Jahren“ nachsagt. Die unerwartete Schwäche des deutschen Bankensystems gefährde „das gesamte Finanzsystem auf dem alten Kontinent“. Deutschland nehme nach seinen Reformen den Rang als internationale wirtschaftliche Großmacht wieder ein, der ihm aber auch Verantwortung auflade. „Doch leider scheint Deutschland nicht bereit, diese Verantwortung tragen zu wollen.“

          Der „Figaro“ weist darauf hin, dass die Bundeskanzlerin, kurz nachdem sie die irische Regierung für ihre nationale Einlagensicherung rügte, eine ebenso isolierte Garantie für die deutschen Sparer und Kontoinhaber aussprach – ohne jegliche Koordinierung mit den EU-Partnern. Die kurzfristige Absage des deutschen Finanzministers Steinbrück, am Treffen der Finanzminister der Euro-Zone und am Dienstag am Ecofin-Treffen aller 27 teilzunehmen, wird in Paris als weiteres Zeichen für eine Missachtung der europäischen Schicksalsgemeinschaft gewertet. „Libération“ kritisiert unter der Überschrift „Merkel: 180 Grad Kehrtwende“, dass Deutschland jetzt Irland nachahme, um seine Sparer in Sicherheit zu wiegen. Vom einem gesamteuropäischen Geist sei wenig zu spüren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Chinesische Soldaten in Peking

          Rüstung : Verteidigungsministerium warnt vor Bedrohung durch China

          Zwei Millionen Soldaten, rund 6850 Kampfpanzer und die weltweit größten konventionellen Raketenpotentiale: Mit seinem Militär versuche China, die internationale Ordnung entlang eigener Interessen zu ändern, warnt das Verteidigungsministerium. Auch Russland bleibe eine Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.