https://www.faz.net/-gpf-90mdj

Krise in Venezuela : Das Schweigen des Hirten

Hält sich mit Äußerungen zurück: Papst Franziskus Bild: Reuters

Während sich die politische und wirtschaftliche Situation Venezuelas verschlechtert, schweigt Papst Franziskus weitgehend zu den dortigen Ereignissen. Dafür erntet er nun auch Kritik aus den eigenen Reihen.

          3 Min.

          Bereits im vergangenen März hatte der venezolanische Oppositionsführer Henrique Capriles in einem Gespräch mit der argentinischen Tageszeitung „Clarín“ geklagt: „Papst Franziskus scheint fern von Venezuela.“ Kein Volk in Südamerika leidet seit Jahren so schwer unter einer katastrophalen Dauerkrise von Wirtschaft und Gesellschaft wie das venezolanische.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nirgendwo sonst ist wegen chronischen Medikamentenmangels die Sterblichkeitsquote von Säuglingen und Müttern bei der Geburt so drastisch angestiegen wie in Venezuela. Weil Venezuela die höchste Inflationsrate der Welt hat – in diesem Jahr könnte sie 1600 Prozent erreichen –, leiden vor allem die Armen, die über keine Dollarreserven verfügen, unter dem rapiden Verfall des Realeinkommens, denn die Erhöhung des Mindestlohns hält mit der rasanten Teuerung bei weitem nicht Schritt. Darf man den Ermittlungen der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) auch nur ein wenig Glauben schenken, dann sind in Venezuela so viele führende Politiker und Militärs ins milliardenschwere Todesgeschäft des Drogenschmuggels verstrickt wie in keinem anderen Staat Lateinamerikas.

          „Wo ist der Papst?“

          „Wo ist der Papst?“, fragte sich Capriles sichtlich frustriert im März. Kurz darauf kam es zu einer weiteren Eskalation, weil der sozialistische Präsident Nicolás Maduro das Parlament, in dem die Opposition seit Anfang 2016 über die Zweidrittelmehrheit der Mandate verfügt, durch das gleichgeschaltete Oberste Gericht ganz auszuschalten versuchte. Bei fast täglichen Massendemonstrationen sind seit Anfang April rund 130 Personen ums Leben gekommen.

          Bis zuletzt war von dem Argentinier auf dem Heiligen Stuhl über die Ursachen der Krise in Venezuela und über einen möglichen Ausweg aus dieser wenig anderes zu hören als die Aufforderung an beide Seiten zu Friedfertigkeit und Dialog. Erst als Präsident Maduro Anfang August seinen Verfassungskonvent, der mittels einer Wahlfarce bestimmt wurde, zum Abnicken seines diktatorischen Machtgebarens zusammenrief, kam aus dem Vatikan ein verspätetes Warnschreiben. Der Heilige Stuhl bat am vergangenen Freitag, die konstituierende Sitzung der Verfassungsversammlung abzusagen oder zu verschieben. Angesichts der wachsenden Zahl von Toten, Verletzten und Verhafteten beobachte man die „Verschärfung der Krise“ in Venezuela mit „großer Sorge“. Alle Parteien wurden aufgerufen, auf Gewalt zu verzichten, die Menschenrechte zu achten und zum Dialog zurückzukehren. An die venezolanischen Sicherheitskräfte erging vom Vatikan der Aufruf, vom „exzessiven und unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt“ Abstand zu nehmen.

          Neue Demonstrationen : Verhärtete Fronten in Venezuela

          Erwartungsgemäß ignorierte Maduro das Schreiben des Vatikans. Maduro hat mit seiner illegitimen Verfassungsversammlung das legitime Parlament gänzlich kaltgestellt. Er setzte regimetreue Streitkräfte ein, um es aus der Nationalversammlung zu vertreiben und buchstäblich auf die Straße setzen zu lassen. Der Hirte der zu 95 Prozent katholischen Venezolaner schweigt aber.

          Weitere Themen

          Tichanowskaja macht Druck auf die EU Video-Seite öffnen

          Sanktionen gegen Lukaschenko : Tichanowskaja macht Druck auf die EU

          Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat die EU aufgefordert, Sanktionen gegen Präsident Alexander Lukaschenko zu verhängen. Zudem bat sie die EU, Lukaschenko offiziell nicht mehr als Präsidenten von Belarus anzuerkennen.

          So will Biden gegen Trump punkten

          Zurück zur Pandemie : So will Biden gegen Trump punkten

          Ginsburgs Tod gibt Trump Auftrieb. Denn in Amerika reimt sich Supreme Court auf Kulturkampf, und den facht der Präsident gern an. Der Demokrat Biden aber glaubt zu wissen, wie er wieder in die Offensive kommt.

          Topmeldungen

          Zurück zur Pandemie : So will Biden gegen Trump punkten

          Ginsburgs Tod gibt Trump Auftrieb. Denn in Amerika reimt sich Supreme Court auf Kulturkampf, und den facht der Präsident gern an. Der Demokrat Biden aber glaubt zu wissen, wie er wieder in die Offensive kommt.
          Notgedrungen stillgestanden: Lufthansa-Maschinen parken am Münchener Flughafen.

          Zukunft der Lufthansa : Bittere Corona-Logik

          Die Lufthansa steckt noch immer mitten im Überlebenskampf. Die Milliarden-Finanzspritze des Bundes bedeutet lediglich einen zeitlichen Aufschub.
          Noch ist der Baggersee in Neuenburg von Wald eingerahmt. Doch die Bäume sollen weichen.

          Naturschutz : Hinterm Baggersee geht’s weiter

          Wer in Deutschland Natur in Bauland umwandelt, muss zum Ausgleich Flächen bepflanzen. Doch was eigentlich dem Naturschutz dienen soll, fördert oft die Bauindustrie. Geltendes Recht wird gebeugt – oder gleich ganz ignoriert.
          Versuch gescheitert: Salvini konnte die „rote Festung“ nicht schleifen.

          Regionalwahlen in Italien : Wähler stärken Italiens Linkskoalition

          Die Regionalwahlen in Italien stabilisieren die Regierung um Giuseppe Conte. Eine persönliche Niederlage erlebt der frühere Innenminister Matteo Salvini. Denn im rechten Lager triumphiert die Konkurrenz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.