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Krise in Sudan : Unterwegs im gespenstischen Khartum

In Sudan ist kein Ende der Gewalt in Sicht: Soldaten und Milizen kontrollieren das Zentrum der Hauptstadt. Bild: Picture-Alliance

Unser Mitarbeiter erlebt Sudans Hauptstadt im Ausnahmezustand: Straßensperren an wichtigen Kreuzungen, Schlägertrupps und fast menschenleere Stadtteile. Die UN bringen schon Mitarbeiter aus dem Land.

          Die Lage in Khartum ist gespenstisch. Die Innenstadt der sudanesischen Hauptstadt ist nahezu menschenleer. Nur dann und wann sieht man ein privates Auto. Ansonsten patrouillieren immer wieder kleine Trupps von Soldaten oder Milizionären die Straßen. Einige von ihnen tragen Schlagstöcke. Immer wieder hört man einzelne Schüsse.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Die BBC berichtet, Soldaten würden in Gebäude eindringen, plündern und vergewaltigen. Straßensperren machen Fahrten durch die Stadt kaum noch möglich. In den sozialen Netzwerken kursieren viele Bilder von Soldaten, die Frauenunterwäsche auf ihre Gewehrläufe gehängt haben.

          Seit das Militär am Montag eine Straßenblockade von Demonstranten geräumt hat, sollen mindestens 60 Menschen getötet worden sein. Das teilte jedenfalls am Mittwoch das Zentralkomitee sudanesischer Ärzte mit, das der Protestbewegung nahe steht.

          Straßenbarrikaden überall

          Auch die Kommunikation im Land ist schwierig. Das mobile Internet vieler lokaler Betreiber wurde abgeschaltet, denn die Sudanesen hatten es genutzt, um Informationen auszutauschen. Nur das staatliche Netz ist noch nutzbar.

          Gestern benötigte mein Fahrer acht Stunden, um sich zu mir ins Hotel durchzuschlagen – normalerweise braucht er für diesen Weg nur 20 bis 30 Minuten. Das Problem derzeit ist, dass in den Außenbezirken Gegner der Junta immer wieder Straßenbarrikaden errichten: Sie türmen Steine übereinander und setzen Autoreifen in Brand, dann ziehen sie sich zurück. Das Zentrum jedoch ist weitgehend von bewaffneten Einheiten des Militärrats abgeriegelt, von Polizei, Armee, den sogenannten schnellen Unterstützungstruppen (RSF) und Milizen des Geheimdienstes NISS.

          Es war uns dennoch möglich, am Dienstagnachmittag durch einige Gebiete Khartums zu fahren. Die wichtigsten Kreuzungen zur Innenstadt wurden von regulärem Militär in Panzerfahrzeugen kontrolliert. Nahe des Flughafens begegneten wir schier endlosen Fahrzeug-Kolonnen mit Angehörigen der RSF. Sie sind überwiegend ehemalige Dschandschawid, bewaffnete Milizionäre, die in der Region Darfur kämpften. Jetzt stehen sie unter dem Kommando Mohamed Hamdan Daglos, genannt Hemeti. Der ist derzeit zweiter Mann in der Junta, scheint aber mit seinen Truppen Khartum zu kontrollieren. Seit dem 11. April sind seine Männer an allen strategisch wichtigen Punkten der Stadt. Sie sollen auch für das Massaker am Montagmorgen verantwortlich sein. 

          Wir fuhren weiter in den Stadtteil Algrif West. Auf dem Weg dorthin herrschte etwas mehr Verkehr. Allerdings gab es in der ganzen Stadt kaum Treibstoff. Vor der einzigen geöffneten Tankstelle, die ich sah, stauten sich Dutzende von Autos.

          Eine Straßenblockade, errichtet von Oppositionellen, die danach schnell wieder verschwanden

          Viele Oppositionelle sind untergetaucht

          Die großen Ausfallstraßen wurden von RSF-Milizen kontrolliert. Alle zwei, drei Kilometer befand sich ein Posten: Pritschenwagen mit aufmontierten Maschinengewehren und angehängten Panzerfäusten. Einige Milizionäre mit geschulterten Sturmgewehren rissen Straßenbarrikaden nieder. Die meisten Nebenstraßen können normale Autos derzeit überhaupt nicht passieren, weil sich überall kleinere Barrikaden befinden, meist aus Stein- oder Müllhaufen und Autoreifen. Manche von ihnen wurden angezündet.

          Die meisten Barrikaden sind verwaist. Gelegentlich sieht man junge, zum Teil vermummte Männer, die durch die Gassen hetzen, Steine aufschichten und sofort wieder verschwinden.

          Unter den Oppositionellen herrschen Angst und Verunsicherung. Viele sind untergetaucht und nicht mehr erreichbar. Eine Bekannte, die seit Wochen demonstriert hatte, versuchte gestern, sich zu den Krankenhäusern nahe der Demonstrationszone durchzuschlagen, um Erste Hilfe zu leisten, wurde aber an einer Straßensperre von RSF-Milizionären abgewiesen. Die Zustände in den Krankenhäusern müssen katastrophal sein, weil Personal und Medikamente fehlen. Die Eingeschlossen berichten, dass RSF-Männer niemanden mehr hinein- oder herauslassen.

          Viele Freunde meiner Bekannten hatten am Montagmorgen an der Sitzblockade vor dem Armeehauptquartier teilgenommen, als der Angriff stattfand. Von einigen weiß meine Bekannte, dass sie in Krankenhäuser flüchten konnten und sich immer noch dort aufhalten. Von vielen ihrer anderen Freunde weiß sie nicht, ob sie überhaupt noch leben. Ihre Telefone bleiben stumm. Diejenigen, die flüchten konnten, berichten davon, dass sie am frühen Morgen beschossen worden waren und dann zu den Ausgängen des Demonstrationsgebietes liefen. Dort seien sie von „Dschandschawid in Polizeiuniformen“ geschlagen worden. Einige sahen, wie Leichen von Brücken in den Nil geworfen wurden. 

          Ich bin seit vergangenem Dienstag in der Stadt. Dienstag und Mittwoch fand ein Generalstreik statt, dem sich erstaunlich viele Menschen anschlossen, unter anderen Mitarbeiter der Zentralbank. Die Streikenden wollen den Militärrat stürzen, der die Macht in Sudan an sich gerissen hat. Seitdem spitzt sich die Lage immer weiter zu. In den vergangenen Tagen wurden in der Nähe des belagerten Militärkomplexes täglich Menschen getötet oder angeschossen.

          Ausländern ist es untersagt, das Gebiet des Sit-ins zu betreten. Es heißt auch, dass Paramilitärs Jagd auf Ausländer machten. Die Vereinten Nationen bringen derzeit Mitarbeiter aus dem Land, die nicht unbedingt vor Ort gebraucht werden. Schon am Sonntag war es nahezu unmöglich, überhaupt auf die Straße zu treten. Im Zentrum wurden viele Bewohner morgens gegen fünf Uhr von Maschinengewehrfeuer geweckt, es waren Rauchsäulen über der Stadt zu sehen. Durch die Straßen zogen uniformierte Schläger. Ein Video auf Twitter zeigt, wie unbeteiligte Zivilisten aus einem Auto geholt und verprügelt werden.

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