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Krise in Libyen : 90 libysche Bürgermeister für den Frieden

Ein Angehöriger der ostlibyschen Streitkräfte vor einem Haus in Benghazi Bild: Reuters

Seit Jahren kommt Libyen nicht zur Ruhe, das Land ist tief zersplittert. Wie es sich befrieden lässt, wollen zahlreiche Bürgermeister herausfinden - ein Bericht über ein bahnbrechendes Treffen.

          „Wir sind wie eine Familie“, sagt Hafed Ben Sassi, der Bürgermeister von Zuwara einer Küstenstadt im Westen des von bewaffneten Machtkämpfen zerrissenen Libyen. Dort hielten die Leute zusammen, dort herrschten Zivilisten, nicht die Milizen. In Zuwara sei die Lage so ruhig, dass sich sogar ausländische Unternehmen ansiedelten. Die Stadt hat vor gut zwei Jahren Schlagzeilen gemacht, als ihre Bewohner sich den örtlichen Schleuserbanden entgegenstellten, und die Flüchtlingsboote aufhielten. „Wir wollen erreichen, dass sich dieser Zusammenhalt auf ganz Libyen ausbreitet“, sagt Sassi.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Das ist ein ambitioniertes Vorhaben in einem Land, das entlang vieler Linien zersplittert ist. Drei Regierungen bekämpfen sich, politische und ideologische Lager. Es gibt Konflikte zwischen Städten, Regionen und Stämmen. Vielerorts sind die Milizen die wahren Herrscher. Der Zusammenhalt in Zuwara rührt vor allem daher, dass die Einwohner der Stadt vor allem zur selben Bevölkerungsgruppe, der Minderheit der Berber, gehören. Auch in anderen Städten mit einer homogenen die Gesellschaft gibt es etwas wie Bürgersinn – allerdings nur innerhalb ihrer Grenzen. Sassi und Dutzende andere Bürgermeister, wollen diese Grenzen nun überwinden.

          Mehr als neunzig libysche Bürgermeister und Verwaltungschefs aus allen Teilen Libyens haben in den vergangenen Tagen im sicheren tunesischen Hammamet darüber beraten, wie das Land befriedet werden soll. „Das ist außergewöhnlich. Ein solches Treffen hat es noch nie gegeben, sagt Abdelrahman al Abbar, der Bürgermeister der ostlibyschen Großstadt Bengasi. „Die Krise beeinträchtigt alles, auch die Verwaltungen“, sagt er. „Sie hat Barrieren errichtet, und die wollen wir jetzt niederreißen.“

          Es sind die örtlichen Verwaltungen und Räte, die in erster Linie so etwas wie Staatlichkeit in Libyen vermitteln, und mit den Bedürfnissen der Bevölkerung konfrontiert sind. „Wir stehen an der Front, sagt Abbar, der Bürgermeister von Benghasi. „Wir sind die einzigen, an die sich die Leute wenden können“, fügt er an. „Die örtlichen Verwaltungen sind in vielen Fällen das Bindeglied zwischen Bürger und Staat“, bestätigt auch Chris Thornton von der Nichtregierungsorganisation Humanitarian Dialogue, die das Treffen orgnanisiert hat. Er habe das auf seinen jüngsten Reisen selbst erlebt. „Obwohl sie nicht auf die Ressourcen des Staates zurückgreifen können, bauen sie Straßen, treiben Medikamente für die Krankenhäuser auf, oder Kleidung und Unterkunft für Vertriebene“, sagt er. Thornton sieht die Großversammung der Bürgermeiser als „noch nie dagewesenes Zeichen nationaler Einheit“. Hafed Ben Sassi spricht von einem „Hoffnungsschimmer“.

          Und ein Bewusstsein für die gemeinsamen Probleme und Herausforderungen gibt es unter den Teilnehmern – und sei es nur die gemeinsame Forderung, die Vereinten Nationen mögen stärker auf die örtlichen Verwaltungen setzen, denn auf die Stärkung der schwachen „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ in der Hauptstadt Tripolis.

          „Ich glaube es ist wichtiger Libyen vom unten nach oben aufzubauen“, sagt Bürgermeister Abbar. Er hätte gerne – wie alle anderen auch – mehr Ressourcen für seine Arbeit und die staatlichen Dienstleistungen.

          Doch auch unter den Gleichgesinnten, die sich im Nachbarland Tunesien über eine Gemeinsame Vision für die Zukunft ihres Landes austauschen lassen sich die Differenzen nicht so einfach vom Tisch wischen. Es gibt Konfliktpotential zwischen Bürgermeistern, die gewählt wurden, und jenen, die im Osten des Landes vom Warlord uns Armeechef Chalifa Haftar eingesetzt wurden. Der Machtkampf zwischen den Machtzentren in Ost und West dürfte noch länger nachwirken. „Es wird Zeit brauchen, sich zu versöhnen“, sagt Abdelrahman al Abbar aus Benghasi. Doch zumindest im Zuge des Treffens wolle man mit einer Stimme sprechen.

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