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Krise in Griechenland : Der Traum von Tomaten für Chalki

Kein Geld für Benzin oder Diesel

Der erste Trupp russischer Ausflügler hat die Insel genommen, in der universalen Uniform der Touristen dieser Welt: Badelatschen, kurze Hosen, Sonnenbrillen, Strohhüte, Kameras. Ein dicker Mann trägt eine Kapitänsmütze. Die Anführerin hält einen Regenschirm hoch und erzählt der Gruppe, dass die Griechen ein orthodoxes Volk seien wie die Russen auch, weshalb man nun die Kirche des Ortes besichtigen werde. Danach gebe es Mittagessen, daraufhin Souvenirkaufen und dann bitte spätestens um 15.45 Uhr wieder an der Anlegestelle sein. Der Mann mit der Kapitänmütze fragt seine Frau, ob man nicht besser gleich in die Taverne gehen solle, erhält aber eine Abfuhr. Jetzt habe man bezahlt, da müsse die Sache auch durchgezogen werden, lautet sinngemäß die Antwort.

Während die Russen am „Apostolos“ vorbei durch die heraufziehende Hitze zur Kirche trotten, erscheint Michalis Patros zum vereinbarten Gespräch. Anders als der Besitzer des „Apostolos“ kann der Bürgermeister von Chalki der Idee einer Wiedereinführung der Drachme selbst als Gedankenspiel nichts abgewinnen. „Wir wollen definitiv in der Eurozone bleiben“, sagt er im Namen Chalkis und zeichnet ein düsteres Bild für den Fall, dass es anders kommen sollte. Auf diesem Bild ist ein Land zu sehen, das kein Geld mehr hat, um Benzin oder Diesel einzuführen, und ein Hafen, in dem Schiffe festliegen, weshalb Inseln wie Chalki nicht mehr regelmäßig versorgt werden.

Für Chalki wäre das tatsächlich dramatisch, denn hier muss sogar das Trinkwasser herangebracht werden. Die Insel hat nicht genug eigenes Wasser und wird durch Schiffslieferungen versorgt. In den alten Zeiten gab es das natürlich nicht, aber da gab es auch keine Touristen, und die Menschen verbrauchten generell weniger Wasser als heute. Damals wurde nämlich, wie überall in Europa, nur samstags gebadet, vor dem Kirchgang am nächsten Morgen. Heutzutage wird zwar seltener gebetet, aber häufiger gebadet, und der griechische Staat bezahlt laut Auskunft des Bürgermeisters etwa 700.000 Euro im Jahr, damit dafür genug Wasser zur Verfügung steht.

Ein Motiv für die Rückkehr

Herr Patros hat einen ehrgeizigen Plan, um diese Abhängigkeit der Insel zu überwinden: eine Anlage zur Meerwasserentsalzung. Etwa 900.000 Euro würde es kosten, dann hätte Chalki eigenes Trinkwasser und könnte sogar Landwirtschaft betreiben, rechnet der parteilose Inselvorsteher vor. Die Leute könnten eigene Tomaten anbauen, die Zitronen müssten nicht mehr aus der Türkei importiert werden. „Dann kämen vielleicht unsere jungen Leute zurück. Sie hätten endlich ein Motiv für eine Rückkehr“, schwärmt der Bürgermeister. Wenn die Krise sich nicht verschärfe, werde der Bau der Anlage noch in diesem Jahr beginnen.

Einstweilen droht aber die Gefahr, dass sich die Griechen selbst einen Strich durch die Rechnung machen. Was geschieht, wenn nach der Parlamentswahl am Sonntag die Linksradikalen an die Macht kommen und die Sparpolitik aufheben? Ginge es nach den Wählern auf Chalki, wird es dazu nicht kommen. Schon bei der Parlamentswahl Anfang Mai wurde die sozialistische Pasok hier stärkste Kraft, obwohl sie fast überall sonst im Lande einbrach. Der Bürgermeister vermutet, dass die beiden einstigen Volksparteien am Sonntag sogar noch zulegen werden auf seiner Insel. Vielleicht liegt das an dem hohen Rentneranteil auf Chalki. Laut der letzten Volkszählung sind mehr als 66Prozent der Inselbewohner Rentner, die Alterspyramide ist sozusagen auf den Kopf gestellt. Und sie wollen ihre Rente nicht in Drachmen bekommen.

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