https://www.faz.net/-gpf-901u4

Krise am Tempelberg : Eskalation mit Ansage

Vermischung religiöser und politischer Motive: Palästinenser beim Gebet vor der Jerusalemer Altstadt am Samstag Bild: Getty

Nach Tagen voller Gewalt rund um den Tempelberg stehen Palästinenser und Israelis unter Druck, weitere Unruhen in Jerusalem zu verhindern. Eine Beruhigung der Lage ist wohl nur unter einer Bedingung denkbar.

          4 Min.

          Nach einem Wochenende der Gewalt verhandelte das israelische Sicherheitskabinett am Sonntag, wie es aus einer Zwickmühle herauskommt, in die die Regierung in der Jerusalemer Altstadt geraten ist. Soll sich die Regierung den islamischen Autoritäten, den Krawallmachern und den Terroristen beugen und die Metalldetektoren um die Zugänge zur Al-Aqsa-Moschee wieder abbauen? Oder werden sie stehengelassen als Zeichen der Stärke, und man nimmt weitere Gewalt und die zunehmende Wut in der muslimischen Welt in Kauf?

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Sonntag verlangte auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ein Ende der neuen Sicherheitsmaßnahmen. „Niemand kann erwarten, dass die islamische Welt teilnahmslos zusieht, nach der Demütigung, welche die Muslime durch die Restriktionen am ,edlen Heiligtum‘ erlitten“, sagte Erdogan in Istanbul vor seinem Abflug in die Golfregion.

          Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte die Metalldetektoren am vorvergangenen Wochenende offenbar ohne Absprachen mit den muslimischen Verwaltern installiert. Der Anlass der Entscheidung war ein Anschlag in Jerusalem gewesen, bei dem Attentäter Waffen auf den Tempelberg gebracht hatten, mit denen sie anschließend zwei israelische Polizisten erschossen. Die Autoritäten der islamischen heiligen Stätten in Jerusalem verurteilten daraufhin weniger die Bluttat auf heiligem Boden, sondern vielmehr den Bruch des Status Quo. Von den Muslimen verlangten sie, die Metalldetektoren nicht zu durchschreiten, sondern auf den Straßen zu beten und zu protestieren. Die Palästinenser fürchten, dass Israel durch die veränderten Sicherheitskontrollen Muslimen den Zugang zur Al-Aqsa-Moschee erschwert und dadurch immer mehr Kontrolle über das Plateau erlangt. Eine Woche lang riefen religiöse Anführer und Parteien im Westjordanland zu zivilem Ungehorsam auf. Israel baute die Sicherheitsschleusen nicht ab.

          Gewalt und Gegengewalt auf beiden Seiten

          Am Freitag geschah, was viele befürchtet hatten und wovor die israelische Armee und die Geheimdienste unter Verweis auf Tausende neue Postings von Palästinensern in den sozialen Medien gewarnt hatten: Bei gewaltsamen Demonstrationen wurden drei Palästinenser erschossen, zwei von Sicherheitskräften und einer unbestätigten Berichten zufolge von einem jüdischen Siedler in Ostjerusalem. Hunderte weitere wurden verletzt. Am Freitagabend dann kletterte ein Palästinenser über den Zaun der jüdischen Siedlung Halamish im Westjordanland und erstach drei Israelis in deren Haus, die gerade beim Abendessen saßen. Der 19 Jahre alte Attentäter aus dem palästinensischen Nachbardorf wurde von einem jungen Siedler, einem Soldaten auf Heimaturlaub, angeschossen und verhaftet.

          Der Attentäter hatte seine Tat indirekt auf Facebook angekündigt: „Ich bin jung, nicht einmal zwanzig Jahre alt, ich hatte viele Träume und Hoffnungen – aber was für ein Leben ist das, in dem unsere Frauen und Kinder ohne Rechtfertigung getötet werden? Sie entheiligen die Al-Aqsa-Moschee und wir schlafen, es ist eine Schande, dass wir untätig daneben sitzen.“

          Für Juden wie für Muslime hat das Areal allerhöchste Bedeutung. Der Haram al Scharif ist nach Mekka und Medina der heiligste Ort für Muslime. Die Moschee „al Aqsa“ (die am weitesten Entfernte) war der Tradition zufolge das Ziel der Reise des Propheten Mohammed auf seinem geflügelten Pferd, das ihn in der Nacht von Mekka nach Jerusalem getragen habe. Vom Fels des heiligen Plateaus soll es für Mohammed weiter in den Himmel gegangen sein. Noch größere Bedeutung hat das Areal für das Judentum, auf dem einige Jahrhunderte zuvor der zerstörte und wiedererrichtete und wieder zerstörte Tempel gestanden haben soll.

          Weitere Themen

          Das steht im Klimapaket der Bundesregierung Video-Seite öffnen

          Neue Gesetze : Das steht im Klimapaket der Bundesregierung

          Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat vor den Delegierten der UN-Klimakonferenz das Klimapaket als wesentlichen Beitrag zum Kampf gegen die Erderwärmung präsentiert. Deutschland stelle damit sicher, dass es sein Klimaziel für das Jahr 2030 erreiche.

          „Amerika ist noch dabei“

          Bloomberg und Ford in Madrid : „Amerika ist noch dabei“

          Gegen die Klimapolitik Donald Trumps: Der demokratische Präsidentschaftsbewerber und Milliardär Michael Bloomberg und der Schauspieler Harrison Ford haben den Kurs des Präsidenten scharf kritisiert.

          Topmeldungen

          Zwei große Mächte im Welthandel: US-Präsident Donald Trump (links) fasst sich an die Jacke, während er für ein Foto mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des G-20-Gipfels in Osaka posiert.

          Trumps Blockade : Schwerer Schlag für den Welthandel

          Donald Trump legt das Instrument zur Streitschlichtung der Welthandelsorganisation lahm. Die EU-Kommission sucht noch nach einer Lösung, um die Blockade zu umgehen.
          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Trauer um Roxette-Star Fredriksson : „Danke Marie“

          An ihrer Stimme kam in den 90er Jahren niemand vorbei, sie war das Gesicht von Roxette: Marie Fredriksson ist früh gestorben – die Trauer bei den Fans ist groß. Und auch ihr Band-Partner nimmt Abschied von einer ganz besonderen Freundin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.