https://www.faz.net/-gpf-7olsa

Krimtataren : Doppelt verlorene Heimat

  • -Aktualisiert am

Kulturelles Erbe der Krimtataren: ein Palast aus dem 16. Jahrhundert in Bakhchisaray Bild: REUTERS

Nach der russischen Besetzung der Krim versuchte Moskau, die Krimtataren zu umwerben. Nun verweigert die prorussische Führung der Republik Krim einem der angesehensten Führer der Krimtataren die Einreise.

          2 Min.

          Am Samstag hatte Mustafa Dschemilew die Männer an der Grenze zwischen dem ukrainischem Festland und der Halbinsel Krim noch überzeugen können. Nach vierzig Minuten Wartezeit und hitzigen Telefonaten in die Hauptstadt Simferopol ließen sie den langjährigen Führer des Krimtatarischen Volkes schließlich in seine Heimat einreisen. Schon dieser Grenzübertritt war nicht selbstverständlich, denn die neue prorussische Obrigkeit auf der Krim hat den ehemaligen Dissidenten bereits vor Wochen auf eine Liste für unerwünschte Personen setzen lassen.

          Der Besuch am Osterwochenende war nun möglicherweise der letzte Aufenthalt Dschemilews im Land seiner Vorfahren für lange Zeit. Bei der Ausreise in Richtung Kiew am frühen Dienstagmorgen händigten die Grenzwächter dem Politiker ein Dokument aus, das ihm für fünf Jahre die Einreise in die Russische Föderation untersagt. Diese Entscheidung sei ein Anzeichen dafür, mit was für einem „zivilisierten Staat“ man es zu tun habe, sagte Dschemilew. Er werde trotz des Verbots wieder heimkehren.

          Dschemilew war am Samstag gleich hinter der Grenze von Dutzenden jubelnden Krimtataren empfangen worden. Autos mit krimtatarischen und ukrainischen Flaggen begleiteten ihn auf der Fahrt nach Simferopol. Der 71 Jahre alte schmächtige Mann ist eine moralische Instanz für viele in seinem Volk. Dschemilew war nur wenige Monate alt als Josef Stalin 1944 die rund 280.000 Krimtataren unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Nationalsozialisten von der Halbinsel nach Zentralasien deportieren ließ. Anders als viele andere überlebte er den Transport und kam mit seiner Familie nach Usbekistan.

          Die sowjetische Führung verweigerte Dschemilew als Vertreter eines „untreuen Volkes“ einen Studienplatz. Als er sich weigerte, Wehrdienst in der Roten Armee zu leisten, wurde er zu 18 Monaten Haft verurteilt. Danach begann Dschemilew, sich aktiv für die Menschenrechte in der Sowjetunion einzusetzen und arbeitete unter anderem mit dem Dissidenten Andrej Sacharow zusammen. Mehrfach wurde Dschemilew wegen antisowjetischer Tätigkeit verurteilt und verbrachte mehr als 15 Jahre in Straf- und Arbeitslagern.

          Als er Ende der achtziger Jahre freikam, kehrte er auf die Krim zurück und begann dafür zu kämpfen, dass sein Volk sich in seiner historischen Heimat wieder ansiedeln konnte. Die Volksversammlung des Krimtatarischen Volkes (Kurultaj) wählte Dschemilew 1991 zum Vorsitzenden ihrer Exekutive (Medschlis). Erst im vergangenen Jahr gab der Politiker, der seit 1998 auch Abgeordneter des Ukrainischen Parlaments ist, diesen Posten wieder ab.

          Rund 300.000 Krimtataren leben heute wieder auf der Halbinsel Krim, müssen sich um brauchbares Ackerland und politische Partizipation jedoch weiterhin streiten. Die russische Besetzung der Krim in diesem Frühjahr lehnten die meisten Krimtataren ab; das Referendum über die Abspaltung von der Ukraine boykottierten sie. Zu den schärfsten Kritikern der neuen prorussischen Führung gehört Dschemilew, der unlängst vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen warnte, man dürfe den Russen keinesfalls trauen. Sein Volk habe nicht vergessen, was in der Vergangenheit geschehen sei.

          Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Krimtataren, die in ihrer Haltung gegenüber Moskau zunehmend uneinig sind, zuletzt von russischen Muftis umwerben lassen und ihnen Unterstützung und Anerkennung versprochen. Erst am Montag unterzeichnete Putin in Moskau ein Dekret zur vollständigen Rehabilitierung des von Stalin verfolgten Volkes.

          Der derzeitige Vorsitzende der Medschlis, Refat Tschubarow, warnte am Dienstag, die Krimtataren verstünden das Geschehene als aggressiven Akt gegen sich. Wenn es so weitergehe, könne es zum offenen Widerstand der Gesellschaft kommen.

          Weitere Themen

          Betancourt beginnt Präsidentschaftswahlkampf in Kolumbien Video-Seite öffnen

          Ex-Farc-Geisel : Betancourt beginnt Präsidentschaftswahlkampf in Kolumbien

          20 Jahre nach ihrer Entführung durch linksgerichtete Farc-Rebellen hat die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt ihre erneute Kandidatur für die Präsidentschaftswahl in Kolumbien angekündigt. An der Spitze einer kleinen Umweltpartei will die 60-Jährige Ende Mai bei der ersten Runde der Präsidentenwahl antreten.

          Topmeldungen

          Auf dass die Kurse steigen mögen: der Bulle als Symbol für den Aufwärtstrend an der Börse.

          Hohes Risiko : Die Lieblingsaktien der Deutschen

          Biontech, Tesla, Curevac – die Privatanleger hierzulande stecken ihr Geld am liebsten in gewagte Investments. Nicht immer ist ihnen das Glück dabei hold.
          Sie sieht das Ansteckungsrisiko auch für Dreifachgeimpfte: Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek

          Virologin Ciesek warnt : „Ansteckungsrisiko so hoch wie nie“

          Die Infektionszahlen sind so hoch wie nie. Die Gefahr einer Ansteckung rückt damit näher, warnt die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. Doch die neuen Quarantäneregeln für Geboosterte passen nicht dazu.