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Revolutions-Unterstützer Achmetow : Rettet dieser Oligarch den Osten?

Unterstützer der Revolution: Manches spricht dafür, dass Rinat Achmetow zum Sturz Janukowitschs beigetragen hat Bild: AFP

Er ist der reichste Mann der Ukraine. Rinat Achmetow beherrscht das Donbass und hat beste Kontakte nach Russland. Aber eine Abspaltung der Region läuft seinen Interessen zuwider.

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          Am vergangenen Sonntag, acht Tage nachdem der Volksaufstand des Kiewer Majdan den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch gestürzt hatte, traf sein Nachfolger, der revolutionäre Übergangspräsident Olexander Turtschinow, eine Entscheidung, die vielen die Sprache verschlug: In den Gebieten Donezk und Dnipropetrowsk im schwerindustriellen Osten des Landes machte er den Multimillionär Serhij Taruta und den Milliardär Ihor Kolomojskij zu Gouverneuren. Wenig später gab Taruta bekannt, dass seine Ernennung mit keinem Geringeren abgesprochen sei als mit dem Stahl- und Kohlebaron Rinat Achmetow, dem Herrn des Bergwerksgebiets Donbass, dem reichsten Mann der Ukraine.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Einsetzung dieser Männer war eine Sensation. Die ukrainische Revolution nämlich hatte vor allem anderen unter der Parole „Gangster weg“ gestanden. Ihre Zähigkeit war von einem tiefsitzenden Hass der Menschen auf die „Oligarchen“ genährt worden, auf die Milliardäre dieses bitterarmen Landes, von denen hier mancher vermutet, dass sie ihre Vermögen durch Betrug, im schlimmsten Fall durch Mord und Totschlag an sich gerissen haben. Sie fortzufegen war ein Hauptziel des Protestes. Fast noch überraschender als der Brückenschlag der Revolution zu den Oligarchen selbst war, wie mucksmäuschenstill das revolutionäre Fußvolk diese Ernennungen hinnahm.

          Wer den Blick von Kiew fortwendet, wird aber verstehen, warum. Nach dem Sieg der Revolution über Janukowitsch stand plötzlich eine neue Sorge im Zentrum: die um den Osten und den Süden der Ukraine, wo die Mehrheit der Menschen russisch geprägt ist und wo die Sympathie für die „europäische“ Revolution von Kiew höchstens lau ist. Auf der Halbinsel Krim und im Donbass war sogar schon die Gegenrevolution ausgebrochen – oder besser: mit russischer Hilfe geschürt worden. Russische Truppen intervenierten, prorussische „Demonstranten“ stürmten Verwaltungsgebäude, und Wladimir Putin ließ sich vom russischen Parlament einen Blankoscheck für eine Militärintervention geben. Krieg lag in der Luft, die schiere Existenz der Ukraine schien bedroht, die alte Vormacht Russland streckte ihre Hand aus.

          Bündnis mit den Oligarchen

          In dieser Situation ist das Bündnis der Revolution mit den Oligarchen entstanden. Jurij Luzenko, ein früherer Innenminister, der unter Janukowitsch eine Zeitlang im Gefängnis saß und den überraschenden neuen Pakt zusammen mit Turtschinow und der früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko mit geschmiedet hat, erklärt, wie das möglich war: Nach dem Sieg über Janukowitsch, so Luzenkos Deutung, ist der vorher dominierende „antioligarchische“ Impuls der Revolution angesichts der russischen Bedrohung von einem „antikolonialen“ Motiv verdrängt worden. Angesichts des drohenden Zusammenstoßes mit der alten imperialen Vormacht sei allen klar gewesen, dass der bisherige „ukrainisch-ukrainische Krieg“ schleunigst beendet werden müsse, wenn nicht das ganze Land zur Beute Russlands werden sollte.

          Der Charakter der Revolution musste verändert werden. Bisher war der Aufstand des Majdan gegen Janukowitsch immer auch ein Aufstand der ukrainisch-patriotischen Westukraine gegen den „sowjetisch“ und „oligarchisch“ geprägten Osten und Süden gewesen, wo das Regime seine Hochburgen hatte. Luzenko sagt nun aber, angesichts der neuen Moskauer Bedrohung habe die neue, westlich orientierte Führung in Kiew schnell verstanden, dass sie den Osten gewinnen musste, wenn sie den Zerfall der Ukraine abwenden wollte. Vor allem musste den Menschen im Osten klargemacht werden, dass diese Revolution nicht, wie die russische Propaganda behauptet, eine von „Amerika“ gesteuerte Machtergreifung entfesselter „Faschisten“ westukrainischen Zuschnitts sei, sondern dass sie „die Mentalität des Ostens respektiere“.

          Für diese Botschaft habe man „Megafone“ gebraucht, die „angesehensten Männer des Ostens“ – und da dort eben niemand mehr Ansehen genieße als die Milliardäre Achmetow und Kolomojskij, sei im Augenblick der Bedrohung ein Bündnis mit ihnen das Gebot der Stunde gewesen. Die Oligarchen haben ihrerseits Grund gehabt, die ausgestreckte Hand anzunehmen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich ihre Welt verändert. Viele von ihnen haben als Gangster begonnen, damals vor 20 Jahren, als der Kampf um Hütten, Gruben und Banken noch mit der Kalaschnikow ausgetragen wurde und die Wachdienste der Fabriken sowie die jungen Männer aus den Sportvereinen zu schwerbewaffneten Privatarmeen in diesem Krieg aller gegen alle wurden. Viele sind damals von Kugeln zersiebt oder von Bomben zerfetzt worden. Die Überlebenden aber, von denen manche heute zu den reichsten Männern des Landes gehören, haben seither ihren Charakter verändert.

          Achmetow als „Primus inter Pares“

          Diese neuen Herren wirtschaftlicher Imperien schicken Bataillone von Anwälten in Nadelstreifen ins Feld, und statt vom Zerfall der Macht leben sie heute von ihrer Stabilisierung. Ihre Vermögen brauchen Ruhe. Der reichste Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, ist heute zugleich der vielleicht ruhebedürftigste. Er ist der große Überlebende der wilden neunziger Jahre. Damals, als junger Mann, gehörte er zum Netzwerk von Achat Bragin, einem tatarischen Fleischhauer, der für kurze Zeit der größte Fisch im Haifischbecken Donbass war. Achmetow aß an Bragins Tisch und tanzte auf seinen Festen. Seit’ an Seit’ folgten die beiden dem Sarg, wenn wieder einmal ein ermordeter Geschäftsfreund zu Grabe getragen wurde.

          Als sein Mentor im Jahre 1995 auf der Tribüne des Fußballklubs „Schachtjor Donezk“ selbst von einer Bombe zerfetzt wurde, nahm Achmetow, noch keine dreißig, dessen Platz als „Primus inter Pares“ unter den Autoritäten des Donbass ein. Zuletzt hat der „Donezker Clan“ aber nicht nur die Ukraine beherrscht, sondern das ganze Land. Präsident Janukowitsch ist von ihm als politische Figur geschaffen worden. Bis unmittelbar vor dessen Sturz hat der Clan alle zentralen Positionen der Regierung mit Leuten besetzt, die entweder aus dem Donbass stammten oder einen wichtigen Teil ihres Lebens dort verbracht hatten. Dass ausgerechnet Achmetow jetzt zum Bündnis mit der Revolution bereit ist, dürfte mehrere Gründe haben.

          Erstens spricht vieles dafür, dass sein Verhältnis zu seinem Ziehkind Janukowitsch schon lange nicht mehr spannungsfrei war. Mit dem Beginn seiner Amtszeit hatte der Präsident begonnen, ein eigenes Wirtschaftsimperium zu errichten, so dass die Reviere der alten Platzhirsche in Gefahr gerieten. Zugleich wurde Janukowitsch, ähnlich wie Putin in Russland, durch seine wachsende Macht über das „Dreieck des Todes“ aus Gerichten, Polizei und Staatsanwaltschaft zur Bedrohung für die Männer, die ihn geschaffen hatten.

          Keine Hilfe für Janukowitsch

          Diese Distanz ist im „Kampf auf dem Majdan“ immer wieder deutlich geworden. Achmetow hat wiederholt in deutlicher Abgrenzung zu den Scharfmachern des Präsidenten zum Frieden gemahnt. Am auffälligsten war dabei ein Auftritt des Milliardärs am 31. Dezember. Als an diesem Tage auch vor seiner Privatresidenz in Donezk Demonstranten aufzogen, fuhr er persönlich, locker im Trainingsanzug und ohne Leibwächter, in einem Mercedes bei ihnen vor, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen. „Ich bin ein Patriot unseres Landes“, sagte er. „Wenn ihr eine starke Ukraine wollt, bin ich mit euch.“ Am 22. Februar dann, dem Tag, als Janukowitsch aus Kiew floh, sollte dieser Satz noch wichtig werden.

          Vieles deutet darauf hin, dass der stürzende Präsident damals darauf setzte, im ostukrainischen Charkiw wieder Fuß zu fassen. Sein Podium sollte dabei möglicherweise eine Versammlung von Potentaten sein, an deren Spitze er den Widerstand gegen die Kiewer Revolution des „Westens“ hätte organisieren können. So eine Strategie hätte Janukowitschs Macht gerettet, aber sie wäre auf eine Spaltung des Landes hinausgelaufen. Dass es so nicht kam, ist offenbar unter anderem Männern wie Achmetow und Kolomojskij zu verdanken. Deren Leute sprachen sich in Charkiw gegen alles aus, was die Einheit der Ukraine hätte gefährden können. Janukowitsch verzichtete daraufhin darauf, bei der Versammlung überhaupt zu erscheinen.

          In einem Interview vor einem gelben Vorhang an einem unbekannten Ort sprach er von „Verrätern“. Es ist nicht bekannt, was Achmetow damals tat. Auffällig ist jedoch, dass der Präsident in Donezk, wo Achmetows Wort Gesetz ist, anscheinend nicht die geringste Hilfe erhielt. Ein Flugzeug, das er besteigen wollte, erhielt keine Starterlaubnis, und am Ende musste Janukowitsch über die katastrophalen Straßen der Ukraine per Auto weiterfliehen – auf die Krim und später ins russische Exil. Schon damals haben die Oligarchen de facto die Revolution unterstützt. Seit aber russische Separatisten-Stoßtrupps nach der Krim und nach dem Donbass greifen, ist die Verbindung noch enger geworden. Im Falle Achmetows sind mehrere Gründe erkennbar. Sie sind größtenteils geschäftlicher Natur.

          Zunächst ist er mit seinem Großkonzern System Capital Management (SCM) mittlerweile weit über das Donbass hinausgewachsen. Als Arbeitgeber von etwa 200.000 Menschen ist er im ganzen Land präsent. Zu den Gruben und Hütten des Donbass sind neue Unternehmensteile hinzugekommen: Kraftwerke in der Westukraine, Hafenanlagen am Schwarzen Meer, Gasfelder in der Mitte des Landes, dazu Banken, Telefongesellschaften, Fernsehsender. Für ein solches Unternehmen wäre die Zerschlagung der Ukraine eine Katastrophe; als Herr eines isolierten „Transnistriens“ im Donbass wäre Achmetow nur noch ein Schatten seiner selbst – und eine Geisel des russischen Präsidenten Putin.

          Eine starke geschäftliche Anbindung an Europa kommt hinzu. SCM besitzt Stahlwerke in Italien, Großbritannien und Bulgarien; sein Tochterunternehmen DTEK exportiert Strom in die EU. Die Verflechtung mit dem Westen ist nach Auskunft von Jock Mendoza-Wilson, der im Konzern für internationale Beziehungen zuständig ist, deutlich stärker als die mit Russland. Zwar exportiert Achmetow dorthin weiter Röhren und Bergbaumaschinen, aber Mendoza-Wilson weist darauf hin, dass der Konzern 2011 dennoch nur etwa zehn Prozent seiner Einnahmen in Russland erwirtschaftet habe – aus Europa kamen dagegen 22 Prozent. Es gebe zwar weiter eine gewisse Abhängigkeit von russischem Gas, aber die werde durch Modernisierung und die Erschließung eigener Gasfelder deutlich abnehmen.

          Je weiter die Oligarchen des Donbass über Donezk hinauswuchsen, desto mehr hat sich die „russische“ Prägung ihrer Heimat bei ihnen verdünnt – ihre Wirtschaftsinteressen sind mittlerweile „ukrainisch“ oder sogar „europäisch“. Dazu passt, dass die russischen Separatisten der Ostukraine sie längst als Gegner identifiziert haben. Bei den prorussischen Demonstrationen der vergangenen Tage im Donbass sind jedenfalls immer wieder oligarchenfeindliche Parolen skandiert worden. Die Führung in Kiew ist derweil überzeugt, dass der größere Feind nun die Imperialisten jenseits der Grenze sind. Sie sieht die Einheit des Landes bedroht und sucht nach Verbündeten. Jurij Luzenko, zu normalen Zeiten ein Erzfeind von Leuten wie Achmetow oder Kolomojskij, hat dafür eine drastische Formel gefunden. „Auch Hitler“, sagt er, „hätte nicht besiegt werden können, wenn Churchill und Roosevelt sich nicht mit Stalin verbündet hätten.“

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